Otto I. wird zum König gekrönt

am 7. August 936 in Aachen

Otto I. der Große (912 - 973) stammte aus dem Geschlecht der Liudolfinger (Ottonen). Nach dem Tod seines Vaters, dem König Heinrich I. (876 - 936), am 2. Juli 936 wurde er am 7. August 936 zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gesalbt.

Hungers Lesebuch 5. und 6. Schuljahr, Seite 308

Otto I. Krönung

Otto selbst verlangte nach einer vollständigen Anerkennung seiner
königlichen Stellung. Man bestimmte daher, zu Aachen in der alten
Kaiserburg Karls des Großen hätten die Herzöge, Grafen und die
vornehmsten Reichsvasallen aus allen deutschen Ländern sich zu ver-
sammeln, um die getroffene Wahl allgemein anzuerkennen und dem
Hungers Lesebuch 5. und 6. Schuljahr, Seite 309
neuen Könige zu huldigen, der dann nach altem Brauch gesalbt
und gekrönt werden sollte.

Und so geschah es am 8. August des Jahres 936. In der Säulen-
halle, welche die Kaiserpfalz mit dem Münster des Reiches verband,
versammelten sich die Großen aus allen deutschen Landen, erhoben
Otto auf den Thron und gelobten ihm unter Handschlag Treue auf
immer und Beistand gegen alle seine Widersacher. So huldigten
sie ihm nach alter Sitte auf fränkischer Erde als Karls des Großen
Nachfolger und König der Franken.

Nach der Huldigung begabg sich Otto, von den Herzögen, Grafen
und Herren begleitet, in feierlichem Zug zum Münster. Die Gänge
oben erfüllte dicht gedrängt das Volk, das von weit und breit zum
großen Fest herbeigeströmt war. In dem unteren Raum aber
erwartete der Erzbischof Hildebert von Mainz mit allen Erzbischöfen,
Bischöfen und Priestern, die sich eingestellt hatten, den jungen König.
Als dieser an der Pforte erschien, schritt er ihm entgegen, den Krumm-
stab in der Rechten, und führte ihn mit der Linken bis in die Mitte
des Münsters, wo Kaiser Karls Grabstein liegt und Otto von allen
Seiten erblickt werden konnte. Hier wandte er sich um und rief laut
zu dem Volk: "Seht, ich führe euch Otto zu, den Gott zu eurem
König erwählt, König Heinrich bestimmt und alle Fürsten erhoben
haben. Gefällt euch solche Wahl, so erhebt eure Rechte zum Himmel!"
Alle erhoben die Hände, und donnernd hallte es in der Runde: "Heil
und Segen dem neuen Herrscher!"

Darauf schritt der Erzbischof mit Otto zum Altar vor, wo
Schwert und Wehrgehenk und Mantel und Spangen, Zepter, Stab
und Diadem bereit lagen. Zuerst nahm er Schwert und Wehrgehenk
und sprach, zum König gewendet: "Nimm hin dies Schwert und
triff damit alle Feinde des Herrn, Heiden und schlechte Christen!
Denn darum hat dir Gottes Wille alle Gewalt über das Reich der
Franken verliehen, dass die ganze Christenheit sicheren Frieden ge-
winne." Dann ergriff er den Mantel mit den Spangen und legte
ihm denselben an mit folgenden Worten: "Die Säume dieses Ge-
wandes, die bis zur Erde herabwallen, sollen dich mahnen, bis
an das Ende auszuharren im Eifer für den Glauben und in der
Sorge für den Frieden." Und als er ihm Zepter und Stab über-
reichte, sprach er: An diesen Zeichen lerne, dass du väterlich züchtigen
sollst, die dir untergeben sind! Vor allem aber", fuhr er fort, "strecke
deine Hand aus voll Barmherzigkeit gegen die Diener Gottes, wie
gegen die Witwen und Waisen, und nimmer versiege auf deinem
Hungers Lesebuch 5. und 6. Schuljahr, Seite 310
aus: "Hungers Lesebuch 5. und 6. Schuljahr", Seiten 308 bis 310 (Rechtschreibung aktualisiert)
Haupte das Öl des Erbarmens, auf dass du hier und dort die
unvergängliche Krone zum Lohn empfängst!" Mit diesen Worten
nahm er das Ölhorn, salbte ihn mit dem heiligen Öl, das die Kirche
als ein Zeichen der Barmherzigkeit ansieht, und setzte ihm unter Bei-
hilfe des Erzbischofs Wilfried von Köln das goldene Diadem auf
das Haupt.

Als so die Krönung vollbracht war, stieg Otto, schon im Glanz
der Krone, zu dem Thron empor, der zwischen zwei Marmorsäulen
von wunderbarer Schönheit erhöht war, von wo er das ganze, ver-
sammelte Volk überblickte und von allen gesehen werden konnte. Hier
blieb er, während die Messe gehalten wurde. Dann stieg er vom
Thron herab und kehrte zur Pfalz Karl des Großen zurück. Hier
war inzwischen an marmorner Tafel das Königsmahl mit auserlesener
Pracht bereitet. Mit den Bischöfen und Herren setzte sich der neue
Herrscher zu Tisch; und es dienten ihm beim Krönungsmahl die
Herzöge der deutschen Länder. So ist es damals zuerst geschehen
und oft dann in der Folge. Es war ein Zeichen, dass die Herzöge
der einzelnen Länder den König, der über das ganze Volk gesetzt
war, als ihren Herrn erkannten, dass sie nichts anderes sein sollten
und wollten als die ersten seiner Dienstleute.

Wilhelm von Giesebrecht


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