König Heinrich IV. auf seinem Gang nach Canossa

am 28. Januar 1077


Heinrich IV. (1050 - 1106) war ab 1056 römisch-deutscher König und ab 1084 Kaiser. Am 24.1.1076 verfasste er auf einem Hoftag in Worms ein Absageschreiben an Papst Gregor VII. (1025 - 1085), weil sich dieser in Bistumsvorgänge einmischte.
Daraufhin belegte der Papst den römisch-deutscher König Heinrich IV. mit dem Bann, was seine politische Macht in Deutschland gewaltig erschütterte. Um sein Königreich zu retten, zog der König nach Canossa und tat drei Tage Buße. Am 28. Januar 1077 löste der Papst den Bann.
Trotzdem hielt dieser Frieden nicht lange. Als die deutschen Fürsten im Frühjahr 1077 einen Gegenkönig wählten, forderte Heinrich IV. vom Papst den Bannspruch. Gregor VII. belegte den König im März 1080 erneut mit dem Bannspruch. Heinrich IV. setzte darauf einen Gegenpapst ein, belagerte und besetzte Rom, vertrieb seinen Widersacher Papst Gregor VII. aus Rom und ließ sich am 31. März 1084 von "seinem" Gegenpapst zum Kaiser krönen.
Am 31.12.1105 wurde er durch seinen Sohn Heinrich V. (1081 - 1125) zum Thronverzicht gezwungen.

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Die Tage von Canossa

Nur einen Tag verweilte der König Heinrich IV. in Besancon
und setzte dann mit einem bereits ziemlich zahlreichen Gefolge, die
Reise nach Italien fort. Bei Genf über die Rhone setzend, erreichte
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er bald das Gebiet seiner Schwiegermutter, der Markgräfin Adel-
heid von Susa. Mit Ihrem Sohn Amadeus kam sie dem König ent-
gegen und empfing ihn ehrenvoll.

Der König wählte den Weg über den Mont Cenis, und die
ohnehin mühevolle Straße bot gerade damals fast unübersteigliche
Schwierigkeiten. Schon sehr früh war der Winter mit unerhörter
Strenge eingetreten, und die Kälte dauerte in ungewöhnlicher Weise
an. Große Schneemassen bedeckten bereits im November das obere
Deutschland und die Alpengegend. Rhein und Po waren so fest
gefroren, dass sie monatelang Rosse und Wagen trugen. Gewiss war
es ein Wagnis für den König, mit einer zarten Frau und einem
dreijährigen Knaben unter solchen Umständen den Weg über das
Hochgebirge zu nehmen. Aber er musste eben alles wagen, wenn er
seine Krone erhalten wollte.

Große Not standen der König und seine Begleiter aus, bis sie
die Passhöhe erreichten. Die Straßen waren völlig verschneit und
mussten erst mühsam durch Landleute, die man aufbot, gangbar ge-
macht werden. Die Hindernisse mehrten sich aber noch, als man den
Gipfel erreicht hatte und das Hinabsteigen begann. Unmöglich war
es, auf dem abschüssigen, spiegelglatt gefrorenen Boden sich zu halten, und mehr als einmal verzweifelte man, je das tal zu erreichen.
Kriechend auf Händen und Füßen oder die Schultern der Führer
umklammernd, bald strauchelnd, bald weite Strecken hinabrollend,
kamen die Männer endlich herunter. Die Königin mit ihren Dienerinnen
wurden auf Rinshäute gesetzt und so hinabgezogen.

Die meisten Schwierigkeiten machte das Wegschaffen der Pferde.
Man ließ sie teils mit Winden herab, teils schleppte man sie mit
gebundenen Füßen fort, aber die meisten verendeten doch oder
wurden mindestens unbrauchbar. Endlich kam man aus den Bergen
heraus, und welche Schrecken man auch überstanden hatte, kein
Menschenleben war verloren gegangen. Der König vergaß die be-
standenen Leiden um so leichter, als es überall, wohin er kam, die
beste Aufnahme fand: in Susa, Turin, Bercelli und Pavia.

Von allen Seiten strömten die Bischöfe und Grafen herbei. Alle
sammelten sich um den König, die an der Herstellung der alten Ord-
nungen ein Interesse hatten, die Widersacher des Papstes zuhauf.
So lange hatten sie den Erben des Kaisertums erwartet, und sie
dachten nicht anders, als dass er jetzt käme, um seine Macht zu zeigen
und jenen verwegenen Mönch zu züchtigen, der ihm seine Krone
bestritten und Roms Bannstrahlen über die Lombardei ausgeschüttet
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hatte, als gäbe es hier keinen anderen Herrn. Ein gewaltiges Ge-
folge, gleichsam ein Heer, sammelte sich um den König, und es hätte
nur bei ihm gestanden, dem Papst mit gewaffneter Hand entgegen-
zutreten.

Aber Heinrichs Gedanken waren damals auf ganz anderes ge-
richtet. Er sagte den Lombarden: er sei nicht gekommen, um den
Papst anzugreifen, sondern um mit ihm über den Bann zu verhandeln,
den er mit Unrecht gegen ihre Bischöfe und gegen ihn selbst geschleudert
habe. Diese Verhandlung sei ihm wegen der Beschlüsse der deutschen
Fürsten geboten. Ein feindliches Auftreten jetzt gegen den Papst
würde das Reich in namenlose Verwirrung stürzen. Nur mit Mühe
überzeugte er sie, dass ihm die Klugheit für den Augenblick zu weichen
riete. Aber sie gaben endlich doch seinen Gründen nach, nur beschworen
sie ihn, möglichst bald mit Gregor Ernst zu machen, der sonst ihn
und mit ihm sie alle verderben würde.

Inzwischen hatte der König erfahren, dass sich der Papst nach
Canossa begebn hatte, dass Mathilde und der Abt Hugo um ihn
seien, und brach unverweilt auf, um diese Burg zu erreichen. Die
Bischöfe und Herren, die sich ihm angeschlossen hatten, ließ er großen-
teils in Reggio zurück. Von seiner Schwiegermutter, seinem Schwager
Amadeus und dem Markgrafen Azzo von Este nebst einigen anderen
Herren begleitet, ritt er auf Canossa zu und sah bald die stattliche, weit-
hin schimmernde Feste vor sich, der er durch seine Buße einen ewig
denkwürdigen Namen verleihen sollte.

Auf einem nackten, hohen und fast nach allen Seiten abschüssigen
Felsen lag Canossa, von Natur fest und durch Mathildens Vorfahren
sorglich mit allem ausgerüstet, was nach der Kunst der Zeit einen
Platz zu sichern vermochte. Ein dreifacher Mauerring umgab die
Burg, die für unbezwinglich galt, selbst wenn sie nur von einem
kleinen Häuflein verteidigt wurde. Sie war von nicht geringem Um-
fang und schloss geräumige Wohngebäude, eine Kirche und ein Mönchs-
kloster in ihren starken Mauern ein. Jetzt sind von dem alten Glanze
keine Spuren mehr geblieben, aber an den Trümmern der Burg und
am Fuße des Berges lebt eine zahlreiche Bevölkerung von Bauern. Sie
wird selten an den Triumph denken, den hier das Papsttum fast wider-
willig feierte, indem sich ein deutscher König und zwar der stolzesten
einer zu der tiefsten Erniedrigung vor einem römischen Bischofe drängte.

Erst vor einigen tagen war Gregor auf Canossa angelangt,
aber schon hatte er manchen Büßer sich den Mauern der Burg nahen
sehen. Jene gebannten Bischöfe und Räte Heinrichs, die glücklich
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über die Alpen gekommen waren, folgten dem Papst auf den Fersen
und flehten bald barfuß und in härenen Kleidern vor dem Burgtor
um Einlass. Einige von ihnen scheinen sogleich absolviert worden zu sein,
bei anderen behielt sich der Papst die Lossprechung vor, bis Heinrichs
Sache entschieden sei. Denn schon hörte er, dass auch der König, der
größte Sünder gegen den heiligen Petrus, sich Canossa nahe. Da-
rüber konnte er nicht mehr im Unklaren sein, dass Heinrich als Büßer
und nur, um sich zu unterwerfen, komme. Dennoch trug er Bedenken,
die Buße und Unterwerfung des Königs anzunehmen.

Dass der Papst nicht durch Vorstellungen zu erweichen sei, muss
Heinrich sogleich erfahren haben. Denn er schritt ohne Verzug zu
dem Äußersten, um den Papst durch sittlichen Zwang die Los-
sprechung abzudringen. Er entschloss sich, öffentlich die strengsten Buß-
übungen vorzunehmen, welche die Kirche von reuigen Sündern forderte,
und vor aller Welt zu zeigen, dass er jede Genugtuung dem Papste
zu leisten bereit sei, die derselbe beanspruchen könne. Weigerte sich
dieser auch dann, ihm den Schoß der Kirche zu öffnen, so lag klar
vor Augen, dass ihm die Eigenschaft fehlte, die kein Priester und am
wenigsten der höchste Priester der Christenheit verleugnen darf: die
Barmherzigkeit. Der Papst richtete sich selbst, wenn er die unzweideutige
Buße des Königs verwarf, und dieser gewann gerade in der tiefsten
Erniedrigung einen sittlichen Sieg von unberechenbarer Bedeutung.

Es war am 25. Januar 1077, als der König und mit ihm einige
andere Gebannte barfuß und in härenen Büßerhemden vor dem Burg-
tor erschienen und Einlass begehrten. Die Pforten blieben trotz des
dringenden Flehens des königlichen Mannes, trotz der bitteren Kälte
geschlossen. Auch als am folgenden Morgen Heinrich von neuem
um Aufnahme bat, als er bis zum Abend unter Tränen das Mit-
leid des apostolischen Vaters anzurufen nicht müde wurde, öffneten
sich die Tore nicht. Gregors Herz blieb unbewegt. Er gewann es
über sich, dass Canossa noch am dritten Tag dies kläglichste aller
Schauspiele ansehen musste. Doch schon war der Papst von allen,
die Canossas Mauern umfingen, der Einzige, der ohne Herzensregung
den Sohn Heinrichs III. in solcher Erniedrigung anblicken konnte.
Man bestürmte ihn unter Tränen, sich Heinrichs Not erweichen
zu lassen, warf ihm unerhörte Herzenshärtigkeit vor und schalt ihn
- wir wissen es aus seinem eigenen Munde - einen rohen und grau-
samen Tyrannen.

Schon wollte Heinrich Canossa verlassen, als der Papst endlich
nachgab. Der Abt von Cluny und vornehmlich Mathilde hatten ihn
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zum Weichen gebracht. Unaufhörlich hatten sie während dieser drei
Tage mit Heinrich und seinen Anhängern verhandelt und endlich in
der letzten Stunde eine Verständigung erzeilt. Sie vermochten den
König, Sicherheiten zu stellen, wie sie der Papst teils im Interesse
Roms, teils zur Sicherung der deutschen Fürsten zu bedürfen meinte.
Sie vermochten den Papst, gegen solche Sicherung Heinrich wieder
in den Schoß der Kirche aufzunehmen.

Als sich so der Papst für gesichert hielt, ließ er die Pforte der
Burg öffnen, und Heinrich trat mit den anderen Gebannten ein. Bald
standen sie vor den Augen des gewaltigen Priesters, der mit seinem
Anathem das Kaisertum entwaffnet hatte. Unter einem Strom von
Tränen warfen sie sich vor ihm zu Boden. Gregors ganze Umgebung
weinte laut, und auch ihm, dem noch vor wenigen Stunden so eisernen
Mann, feuchteten sich die Augen. Er hörte Heinrichs Schuldbekenntnis,
die Beichte seiner Genossen und erteilte den Reuigen die Absolution
mit dem Apostolischen Segen.

Dann erhob er sich und führte sie nach der Burgkirche. Nach
einem feierlichen Dankgebet reichte er hier ihnen allen die Lippen das
zum Kuss und hielt dann selbst die Messe.

Nach der Messe setzte sich der Papst mit dem König an derselben
Tafel zum Mahle. Als dies beendet war, verlangte der König, die
Burg zu verlassen. Beim Abschied erinnerte ihn der Papst noch
einmal an seine Versprechungen und warnte ihn vor erneutem Um-
gang mit den Gebannten, namentlich vor jeder kirchlichen Gemein-
schaft mit den lombardischen Bischöfen, von denen er ihm jedoch aus-
drücklich Hofdienste anzunehmen erlaubte. Er versprach überdies, sich
des Königs bei den obwaltenden Streitigkeiten mit den Fürsten
anzunehmen und nicht allein Gerechtigkeit, sondern auch Nachsicht
gegen ihn zu üben, soweit es ihm, ohne ihrer beider Seelenheil zu
gefährden, möglich sei, in bindender Weise und, wie er selbst sagt,
mit voller Aufrichtigkeit gab er dies für den König so wertvolle Ver-
sprechen. Nachdem er ihm nochmals den Segen erteilt, verabschiedete
er ihn. Es war das erste Mal, dass er den König seit dessen Knaben-
jahren gesehen und gesprochen hatte. Mit anderen Gefühlen, als
er gekommen war, ritt Heinrich von der Burg. Er hatte erreicht,
was er erreichen wollte. Aber die Erinnerung an die vier Tage von
Canossa hat doch ewig auf seiner Seele gebrannt.

Wilhelm von Giesebrecht







aus: "Hungers Lesebuch 5. und 6. Schuljahr", Seiten 311 bis 315 (Rechtschreibung aktualisiert)

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