Jan Hus wird verbrannt

am 6. Juli 1415


Der englische Philosoph und Theologe John Wycliff (1330 – 1384) war der Erste, der die lateinische Bibel ins Englische übersetzte. Er trat für die Unterordnung der Kirche unter den Staat ein, war gegen die Heiligen- und Reliquienverehrung sowie gegen das Priesterzölibat.
Das Konzil von Konstanz (1414 – 1418) beschloss, alle seine Werke zu verbrennen, erklärte ihn zum Ketzer und ließ seinen Leichnam ausgraben und verbrennen.
Sigismund von Luxemburg (1368 – 1437) war seit 1387 römisch-deutscher König und seit 1433 römisch-deutscher Kaiser.
Das Konzil von Konstanz (1414 – 1418) wurde von Gegenpapst Johannes XXIII. (1370 – 1419) einberufen und verurteilte die Lehren von John Wycliff (1330 – 1384), Jan Hus (1372 – 1415) und Hieronymus von Prag (1379 – 1416).
Nach dem Tod des böhmischen Königs Wenzel (1361 – 1419) wollten die Hussiten seinen Bruder Sigismund (1368 – 1437) nicht als neuen böhmischen König anerkennen, weil er 1415 Jan Hus (1372 – 1415) freies Geleit gewährt hatte, ihn aber trotzdem auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Die Hussiten wehrten sich mit Kreuzzügen (1419 – 1436) gegen den vom Papst erlassenen Bann und gegen das katholische römisch-deutsche Kaiserreich.

Sächsisches Realienbuch, Seite 64
Im Laufe der Jahrhunderte war die reine Lehre
Christi durch mancherlei Irrlehren entstellt worden. So lehrte man z. B., die Seele
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des Menschen könne der Sünde wegen nach dem Tod nicht sofort mit Gott vereint
werden. Sie müsse vielmehr erst durch das Fegefeuer von allen bösen Lüsten
und Begierden gereinigt werden. Doch könne die Qual im Fegefeuer dadurch ver-
kürzt werden, dass man für die Verstorbenen Messen (Gebete) lesen lasse. Reiche
Leute setzten in ihrem Testament oft große Summen für solche Messen aus. Diese
Lehre brachte daher der Kirche viel ein. Aber noch einträglicher als die Lehre vom
Fegefeuer war die Lehre vom Ablass. Wenn nämlich ein Übeltäter vom Priester
zum Fasten, zur Geißelung, zur Wallfahrt usw. verurteilt war, so konnte er sich durch
Geld von diesen Strafen loskaufen. Er erhielt dann einen Schein, dass ihm die
Strafen erlassen seien. Beim Volk bildete sich daher allmählich der Glaube aus,
dass man sich durch Geld auch vor den ewigen Strafen freimachen könne.

An die Stelle der allgemeinen Beichte war die Ohrenbeichte (Bekenntnis
jeder einzelnen Sünde) getreten, der Heiligendienst sowie die Verehrung der
Reliquien hatte überhand genommen, und beim Abendmahl entzog man den
Laien den Kelch. Nur der geweihte Priester durfte den Wein trinken, damit kein
Tropfen des Blutes Christi verschüttet würde. Besonders aber erregte das gottlose
Leben vieler Geistlichen Anstoß. Ein Papst wurde wegen Meineides, Gottes-
Lästerung, Mordes und Ehebruchs abgesetzt, und Johann XXIII. war sogar in seiner
Jugend Seeräuber gewesen. Er hatte noch zwei Gegenpäpste, und so gab es drei
Päpste auf einmal, die sich gegenseitig verfluchten und in den Bann taten. Und
wie das Haupt so die Glieder. Die Priester waren meist sehr unwissend und führten
oft kein Gott gefälliges Leben. Das Volk wurde in Dummheit und Aberglauben
erhalten. Wer in der Bibel las, wurde sogar als Ketzer bestraft.

Gegen die Irrlehren der Kirche trat am Ende des 14. Jahrhunderts
zuerst Jan Hus öffentlich auf.
Er war Prediger zu Prag und zugleich Lehrer an der heutigen Hochschule. Durch seinen
Freund Hieronymus lernte er die Schriften des Engländers Wycliff kennen. In diesen waren
die Irrlehren der Kirche scharf angegriffen. Hus erkannte, dass Wycliff recht hatte.
Freimütig geißelte Hus mit scharfen Worten die Sünden der Geistlichen, ver-
warf Ohrenbeichte und Ablass, Heiligenverehrung und Bilderdienst und mahnte zur
Umkehr. Besonders eiferte er auch dagegen, dass man dem Volk den Kelch beim
heiligen Abendmahl entziehe. Die Priester aber waren erbost über Hus und brachten
die Sache vor den Papst. Dieser verbot ihm das Predigen, tat ihn in den Bann
und sprach über die Stadt Prag, die es mit Hus hielt und die Ablassbulle unter dem
Galgen verbrannt hatte, den Kirchenbann aus. Während desselben blieben die
Kirchen verschlossen, die Glocken verstummten. Kein Geistlicher durfte den Toten
zu Grabe folgen, und die Taufen und Trauungen mussten auf dem Kirchhof voll-
zogen werden.

Bald darauf bewog Kaiser Sigismund den Papst,
eine Kirchenversammlung nach Konstanz zu berufen. Hier sollte eine Re-
formation der Kirche an Haupt und Gliedern vorgenommen werden. Hus ver-
langte, von dem Konzil gehört und beurteilt zu werden. Der Kaiser gab ihm einen
Geleitsbrief, worin er ihm seinen besonderen Schutz zusagte, und auch der Papst
versprach, es solle ihm kein Leids geschehen, und wenn er auch des Papstes Bruder
ermordet hätte. Als aber Hus in Konstanz ankam, warf man ihn noch vor dem
Verhör in ein ekelhaftes, ungesundes Gefängnis. Sigismund war hierüber unwillig.
Sächsisches Realienbuch, Seite 66
aus: "Sächsisches Realienbuch", 1920 (Rechtschreibung aktualisiert)
Aber die Geistlichen beruhigten ihn durch die Worte, einem Ketzer brauche man das
gegebene Versprechen nicht zu halten. Hus verfiel in eine schwere Krankheit und
war dem Tode nah. Kaum genesen, wurde er in die Domkirche geführt, wo das
Konzil versammelt war. Nach seiner gewaltigen Verteidigungsrede forderte man,
er solle seinen als ketzerisch bezeichneten Lehren abschwören. Er aber sptach: "Wenn
man mich aus der Bibel eines Irrtums überführt, so will ich gern widerrufen, wo
nicht, so werde ich bis in den Tod meinem Glauben treu bleiben." Da verdammte
ihn das Konzil zum Feuertod. Auf einer Insel im Rhein wurde der Scheiter-
haufen errichtet. Als die Flammen emporschlugen, sang Hus "Christe, du Lamm
Gottes, erbarm dich mein!" bis der Rauch der Stimme des Sterbenden erstickte.
Seine Asche wurde in den Rhein gestreut. Ein Jahr darauf wurde auch sein Freund
Hieronymus an derselben Stelle verbrannt.

Artikel ´Eine verblüffende Entdeckung´
aus: "chrismon spezial 2016", Seite 8

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