Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms

am 17. und 18. April 1521


Luther auf dem Reichstag zu Worms, Sächsisches Realienbuch von 1920, Seite 70
Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Karl V. (1500 - 1558) lud vom 27.1. bis 26.5.1521 die Fürsten und Reichsstände zum Reichstag nach Worms ein.
Nach Martin Luthers (1483 - 1546) Thesenanschlag in Wittenberg am 31.10.1517, seiner Kritik am Ablasshandel und der Veröffentlichung seiner Schrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" (November 1520) wurde er von Papst Leo X. (1475 - 1521) mit einer Bannbulle exkommuniziert.
Der sächsische Kurfürst Friedrich III. der Weise (1463 - 1525) setzte sich für Luther ein, so dass sich dieser im Rahmen des Reichstages zu Worms verteidigen durfte.
Nach Luthers Auftritt am 17. und 18. April 1521 in Worms verhängte der Reichstag am 26. Mai 1521 gegen ihn das "Wormser Edikt", das sich auf die Bannbulle des Papstes berufend jegliche Unterstützung und Verbreitung seiner Schriften verbot. Luther wurde für "vogelfrei" erklärt.
Auf dem Heimweg wurde der so Geächtete heimlich im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. entführt und auf die Wartburg bei Eisenach verbracht.


Luther auf dem Reichstag zu Worms



Wandgemälde von Hermann Wislicenus im Kaiserhaus zu Goslar. Nach einer Fotografie im Verlag von Julius Brumby in Goslar

Hungers Lesebuch, 5. und 6. Schuljahr, Seite 340
aus: "Hungers Lesebuch, 5. und 6. Schuljahr", Seiten 340 - 344

Luther auf dem Reichstag zu Worms

Auf den April 15231 beschied Kaiser Karl V. die Fürsten des Reichs
und die Ratsherren der freien Städte zu einem Reichstag nach
Worms an den Rhein.

Von Spaniern und Niederländern, Burgundern und Sizilianern
geleitet, hielt der Kaiser seinen Einzug. Die Reichsfürsten fanden sich
ein, die Abgeordneten der Städte suchten ihre Gastfreunde auf. Dazu
strömte eine unzählige Menge Volkes aus Neugierde oder, um ein
Hungers Lesebuch, 5. und 6. Schuljahr, Seite 341
Glück zu machen, herzu. Alle Häuser und Herbergen waren von
Menschen überfüllt.

Auch des Papstes Abgesandter stellte sich ein, konnte aber kaum
ein Unterkommen finden, denn niemand wollte ihn bei sich auf-
nehmen, ja die Torhüter an der kaiserlichen Wohnung, grobe Lands-
knechte, erlaubten sich´s, da ihn niemand achtete, dem hochgestellten
Kardinal einen Stoß zuversetzen, als er vorbeiging. Endlich bot
ihm der Kaiser in seinem Palast Unterkunft.

Als der Kaiser die Fürsten um sich versammelte, kam auch der
lutherische Handel zur Sprache. Der Kardinal drängte den Kaiser,
einen Urteilsspruch gegen Luther zu fällen und ihn, wie man mit
Ketzern zu tun pflegte, aus dem Frieden und dem Schutz des Kaisers
auszustoßen und die Acht zu verhängen. Viele pflichteten ihm bei.
Die Mehrzahl der Fürsten aber sträubte sich dagegen, erklärte, sie
würde einen solchen Spruch nimmermehr gutheißen, und verlangte,
man solle Luther nicht ungehört verdammen, sondern ihn herbescheiden,
befragen, danach urteilen und richten.

Dem stimmte endlich der Kaiser zu.

Darauf ward ein kaiserlicher Herold nach Wittenberg entsandt,
um Luther vor den Reichstag zu fordern und auf dem Weg zu
geleiten. In goldgelbem Wappenrock, den schwarzen, doppelköpfigen
kaiserlichen Adler auf Brust und Rücken eingewebt, überreichte er dem
Mönch des Kaisers Schreiben. Unter seinem Geleit fuhr Luther
in dem Reisewäglein, das der Rat zu Wittenberg ihm geschenkt hatte,
nach Worms. Aller Orten liefen die Menschen zusammen, um ihn
zu sehen und seine Worte zu hören. Viele sahen ihn mit Tränen
scheiden, denn sie fürchteten, er werde nicht wiederkommen. Auf dem
Kamm des Thüringer Waldes kam er auch in das Dorf Möhra,
aus dem vor mehr als 40 Jahren sein Vater hervorgegangen war
und wo ihm noch Haus für Haus Freunde und Verwandte wohnten.
Eingeladen zu predigen, verkündete er den Genossen seiner Sippe
das reine Wort, unter einer mächtigen Linde stehend.

Je weiter er nach Westen kam, desto dringender warnten ihn
seine Freunde davor, nach Worms zu gehen. Vor 100 Jahren war
Johan Hus von Prag nach Konstanz gezogen, um sich wegen seiner
Lehre zu verantworten, wie Luther mit des Kaisers Geleit und Ver-
sprechen, dass er sicher heimkehren werde. Kaum aber war er ange-
kommen, so hatten sie ihn trotz des kaiserlichen Wortes ergriffen und
in ein Gefängnis geworfen, 3 Fuß breit, 7 Fuß lang und 6 Fuß
hoch, wohin weder Sonne noch Mond schien, und den Tag der Heim-
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kehr hatte er nicht gesehen, sondern war in Konstanz verbrannt
worden. Würde Kaiser Karl V. sein Wort mehr achten als es Kaiser
Siegmund getan hatte? Aber Luther antwortete den Warnern: "Und
wenn soviel Teufel in Worms wären als Ziegel auf den Dächern,
so will ich doch hingehen."

Je näher er der Stadt kam, desto größer wurde das Ge-
dränge des Volkes. In den Straßen von Worms konnte er kaum
durchkommen. Mehr Gaffer hatten nicht herumgestanden, als der
Kaiser einzog. In einem Haus der Johanniter stieg er ab.

Am anderen Tag ward er in den bischöflichen Palast, in dem
der Kaiser wohnte, vor den Reichstag beschieden. Zwei Stunden
musste er im Vorzimmer warten, ehe er in den Reichstag gerufen
wurde. Bevor er eintrat, trat ein alter, kaiserlicher Feldmarschall,
Georg von Frundsberg auf ihn zu, klopfte ihm auf die Schulter
und sagte: "Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang,
dergleichen ich und mancher Feldoberster auch in unserer allerernstesten
Schlachtordnung nicht getan haben. Bist du aber auf rechter Meinung
und deiner Sache gewiss, so fahre in Gottes Namen fort und sei
getrost: Gott wird dich nicht verlassen."

Nicht gar groß war der Saal, in welchem die Versammlung
tagte. An der Wand dem Eingang gegenüber saß unter einem
Baldachin auf erhöhtem Thron der junge Kaiser Karl mit seinem
blassen, kränklichen Gesicht, den müden, wasserblauen Augen, dem
halbgeöffneten Mund - "wie ein unschuldig Lämmlein zwischen wilden
Tieren", hat Luther später erzählt. Hinter ihm standen finsteren
Blickes Spanier aus dem kaiserlichen Gefolge. Die Kurfürsten saßen
zu beiden Seiten. Ganz in der Nähe leuchtete der Scharlachmantel
des Kardinals und Legaten. Die Fürsten und Bischöfe saßen, die
Grafen, Herren, Ritter und die Abgesandten der Städte standen.
Viel Volk schob sich mit Luther sogleich in den Saal. Als er vor-
treten sollte, entstand ein solches Gedränge, dass man mit Hellebarden
und Stangen Raum schaffen musste, damit er vor den Kaiser kommen
konnte.

Luther trat mit heiterer Miene herein und ließ seine Augen
hierhin und dorthin wandern über Freunde und Feinde, die vor ihm
und um ihn durcheinander saßen und standen. Ziemlich vorn ent-
deckte er einen Ratsherrn aus Augsburg, seinen guten Freund.
"Doktor, seid Ihr auch hier?", fragte ihn Luther verwundert und ohne
Scheu vor der Majestät des Kaisers. Als er nun nahe vor dem
Kaiser stand, fühlte er wohl, wie viele Tücke und List seiner Feinde
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wider ihn gerichtet war. Er stand verlassen da, wie eine Feldblume,
die jedem Unwetter preisgegeben ist.

Es war ein Tisch aufgestellt, mit Büchern und Schriften bedeckt.
Daran saß ein geistlicher Beamter, der hieß Luther nahe herantreten
und fragte ihn, indem er auf die Bücher wies, ob er bekenne, die-
selben geschrieben zu haben. Luther musterte sie, sah, dass es seine
Schriften seien, wunderte sich, wie man die alle zusammengebracht
habe, und antwortete: "Ja". Fragte jener, ob er ihren Inhalt wider-
rufen wolle, antwortete Luther, da es sich um der Seelen Seligkeit
handele, bitte er demütiglich um einen Tag Bedenkzeit. Das sagte
er erst Lateinisch, darauf Deutsch, sprach aber mit so leiser Stimme,
dass man ihn am anderen Ende des Saales nicht vernehmen konnte.
Nach Erwägung mit dem Legaten, den Fürsten, Bischöfen und seinen
Räten gewährte ihm der Kaiser diese Frist aus Gnaden. Darauf
ging Luther hinaus, die Versammelten erhoben und zerstreuten sich.

Das also war der mann, der so kühn gegen den Papst ge-
schrieben hatte! Die meisten hatten ihn sich kühner gedacht, schien er
doch befangen, ja furchtsam, als er in der Mitte des Saales stand
und so leise redete! Der Kaiser sagte geringschätzig: "Der soll mich
nicht zum Ketzer machen!" Dem Kardinal hatte man von den
dämonischen Augen des Mönches geredet, er lächelte jetzt über den
ungeschickten Mann.

Donnerstag, den 18. April, stand Luther zum zweiten Mal
vor dem kaiser. Wieder musste er zwei Stunden inmitten eines
dichten Menschengewühls warten, sprach mit Freunden heiter und
frei von jeder Bangigkeit. Gegen Abend, um 6 Uhr, ward er vor-
gelassen.

Wieder ward dieselbe Frage an ihn gerichtet. Er antwortete in
zusammenhängender Rede, erst Lateinisch, dann auf Wunsch vieler
Anwesenden Deutsch. Er sprach, die Augen gen Himmel erhoben,
mit lauter Stimme, so dass man, da die Fenster geöffnet waren,
auf dem Hof Wort für Wort vernehmen konnte. Er redete über eine
Stunde lang.

Darnach verlangte der Beamte, der ihn verhörte, eine kurze, klare
Antwort ohne alle Umschweife, ob er widerrufe oder nicht. Dessen
weigerte er sich in klaren und festen Worten. Noch einmal drang
der Beamte in ihn, da rief Luther: "Ich kann nicht anders, hier stehe
ich. Gott helfe mir! Amen!"

Hier unterbrach der Kaiser unwillig das weitere Verhör. In
dichtem Gedränge ward Luther aus dem Saal geführt. Noch sah der
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Kardinal, der ihn mit feindlichen Blicken verfolgte, wie er den rechten
Arm in die Höhe hob und mit der Hand über seinem Haupt winkte,
wie die deutschen Landsknechte zu tun pflegten, wenn sie den Feind
aus dem Felde geschlagen hatten. "Ich bin hindurch! Ich bin hin-
durch!", wiederholte er mehrmals. Noch im Gedränge sandte ihm
Herzog Erich von Braunschweig einen Humpen Einbecker Bieres, aus
dem er selbst vorher getrunken hatte. Viele Fürsten und Herren
gingen nach dieser Stunde bei ihm aus und ein, denn die männliche
und kühne Rede hatte ihnen wohlgefallen.

Wilhelm Pfeiffer


Sächsisches Realienbuch von 1920, Seite 70 Sächsisches Realienbuch von 1920, Seite 71
aus: "Sächsisches Realienbuch", 1920, Seiten 70 und 71
Die Anhänger
des Papstes drangen in den Kaiser, dem Ketzer nicht das Wort zu halten, sondern ihn
sogleich verbrennen zu lassen. Aber der jugendliche Kaiser soll geantwortet haben:
„Ich will nicht mit Sigismund erröten.“ Obwohl er nun gegen Luther die Acht
aussprach, bewilligte er ihm doch freies Geleit auf 21 Tage.

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