Die Schlacht bei Lützen

am 16.11.1632


Durch das Eingreifen der protestantischen Schweden in den 30-jährigen Krieg (1618 – 1648) ab Juli 1630 besserte sich die Position der deutschen protestantischen Fürsten – u. a. des Kurfürstentums Sachsen – gegenüber den katholischen kaiserlichen Truppen der Habsburger.



Gedenkstein für Gustav II. Adolf von Schweden
Reiterbild Gustav II. Adolf von Schweden
Gedenkstein und Kirche in Meuchen bei Lützen zu Ehren des hier gefallenen Königs Gustav II. Adolf von Schweden (1594 – 1632)
Gemälde Gustav II. Adolf von Schweden

In der Schlacht bei Lützen errangen die Schweden und die mit ihnen verbündeten protestantischen deutschen Fürsten einen Pyrrhussieg über die Kaiserliche Armee unter Führung von Wallenstein (1583 – 1634), denn der Oberbefehlshaber der schwedischen Truppen König Gustav Adolf (1594 – 1632) wurde tödlich verwundet. Nach seinem Tod übernahm Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar (1604 – 1639) den Oberbefehl.

Albrecht von Wallenstein (1583 – 1634) war Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee im Dreißigjährigen Krieg gegen die protestantischen deutschen Fürsten und gegen Schweden und Dänemark. Da er dem Kaiser Ferdinand II. (1578 – 1637) zu mächtig geworden war, ermordeten ihn kaisertreue Offiziere.

Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim (1594 – 1632) kämpfte als General der Katholischen Liga unter Wallenstein. In der Schlacht bei Lützen wurde er tödlich verwundet.


Seite 347
aus: "Hungers Lesebuch - 5. und 6. Schuljahr", Seiten 347 - 351 (Rechtschreibung aktualisiert)


Die Schlacht bei Lützen



Gustav Adolf hatte schon am 5. November 1632 schlagen wollen,
war aber erst gegen Abend trotz aller Eile bis in die Nähe des
Feindes gekommen. Wäre des Königs Absicht gelungen und er
nur zwei Stunden früher auf dem Lützener Feld angelangt, so wäre
Wallensteins zerstreutes Heer in eine üble Lage geraten. Jetzt donnerten
unter den Kaiserlichen die Signalkanonen, um die Heeresteile zusammen-
zurufen, und es blieb eine lange Nacht übrig, Pappenheim mit den
Kürassieren von Halle zu holen. Die Nacht war stockfinster und
wollte nicht enden, da am Morgen ein dicker Nebel alles bedeckte
und den Beginn des Kampfes unmöglich machte.

Das alles verstimmte den König. Er ritt umher, um sich zu
überzeugen, ob alles in Ordnung wäre. Über dem Koller von Elens-
haut trug er einen grauen Überrock. Man bat ihn, wenigstens an
solchem Tag einen Harnisch anzulegen. Das wollte er aber nicht,
weil er ihm Schmerzen verursachte. Im polnischen Krieg nämlich
hatte er bei Dirschau eine Schusswunde erhalten, und der Harnisch
drückte ihn an dieser Stelle. "Gott ist mein Harnisch!", erwiderte
er, als man nochmals in ihn dringen wollte. Auch frühstückte er nichts.
Die Nacht hatte er wiederum in einem Wagen verbracht mit Herzog
Bernhard und dem Genral Kniephausen. Nüchtern hatte er früh
einen weißen Hengst bestiegen, und diesen ritt er müde, ehe noch die
Schlacht begann. Seine Erfolge bestand an jenem Tag aus lauter
Deutschen: Franz Albert, Herzog von Sachsen-Lauenburg, Truchsess
und einem achtzehnjährigen Pagen, namens Leubelfing, gebürtig aus
Nürnberg.

Das Heer sang zum Morgengebet: "Ein´ feste Burg ist unser
Gott!" Der König hielt Anreden an die Truppen, auch an die
Deutschen, welche unter Herzog Bernhard den linken Flügel einnahmen.
Es ist bekannt, dass er vollkommen Deutsch sprach. - Dann ritt er
am Zentrum, an seinen blauen und grünen Regimentern, vorüber
nach dem rechten Flügel zurück. Der weiße Hengst strauchelte, und
der König vertauschte ihn mit dem braunen, welchen er das Jahr
vorher bei Breitenfeld geritten hatte. Der Nebel wich nicht. Man
sah nur seinen Nachbar. Der König begann selbst mit lauter
Stimme den Gesang eines Psalms und dann eines Liedes, das er
zu seinem Feldlied erwählt hatte und das mit den Worten anhub:
"Verzage nicht, du Häuflein klein!"

Das Heer sah sich nicht, es hörte sich nur, und ein Nachbar
musste es dem andern sagen, dass Lützen brenne. Wallenstein hatte
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es anzünden lassen. Erst um elf Uhr blitzte ein Sonnenstrahl her-
nieder, und der Nebel floh. Die Heere erblickten sich. Die Heerstraße
zwischen Lützen und Leipzig lag zwischen ihnen. Der Natur einer
Straße gemäß war sie etwas höher gelegen, und Wallenstein hatte
sich dahinter festgesetzt, die Gräben vertieft und mit Musketieren ge-
füllt, deren Feuer die auf dem Blachfeld heraneilenden Schweden
mörderisch empfing. Besonders wurde die Reiterei auf des Königs
Flügel dadurch aufgehalten. Die farbigen Fußregimenter der schwedi-
schen Mitte rückten mit günstigerem Erfolg vor und drangen sieg-
reich über die Gräben. Der linke Flügel dagegen unter Herzog
Bernhard ward durch eine kaiserliche Batterie an den Windmühlen
aufgehalten. So blieben also die Flügel der Protestanten zurück,
und der König wollte auf seiner Seite helfen. Auf die kaiserlichen
Kürassiere in den dunklen Rüstungen zeigend, sagte er zu Obrist
Stalhandske: "Greif Sie an, die schwarzen Burschen! Sie werden
uns übel bekommen!" und den Smaländern zurufend: "Folgt mir,
meine tapferen Burschen! sprengte er gestreckten Laufes über den
Graben, nicht bemerkend, dass ihm nur einige Reiter folgen konnten.
"Da vor uns steht der gefährliche Feind!", rief er aus und zeigte
auf jenes Regiment Piccolomini. Ein Korporal desselben sah, dass
dem großen Mann alles Platz machte. Er fasste daher einen Musketier
am Arm und sprach hastig: "Auf den da schieß! Der muss was
Vornehmes sein!" Und der Musketier schlug an und schoss und zer-
schmetterte dem König den linken Arm, dass das Blut spritzte
und der zerschmetterte Armknochen sichtbar wurde. - "Der König
blutet!" - "Es ist nichts, meine Kinder, nur rasch vorwärts!"

Aber Schmerz und Blutverlust überwältigten ihn, und sich zum
Herzog von Lauenburg beugend, bat er diesen in französischer Sprache,
ihn unbemerkt aus dem Kampf zu leiten. Sie wendeten sich nach
rechts rückwärts, damit es die Smaländer nicht bemerken möchten.
Aber sie waren erst eine kurze Strecke weit gekommen, da donnerte
von ihrer linken Seite das erschütternde Getöse eines Reiterregiments,
das seinen Angriff machte. Es war das Kürassierregiment Götz. Der Oberstleutnant desselben, Moritz von Falkenberg, seinen Leuten
voraus, erkannte den König, hob sein Feuerrohr und schoss mit den
Worten: Dich hab´ ich lange gesucht!" - In demselben Augenblick
ward Falkenberg von einer schwedischen Kugel vom Pferd geworfen.
Die seinige aber war dem König durch den Leib gedrungen. Der
König wankte, hielt sich mühsam auf dem laufenden Ross und sagte
mit matter Stimme zu Lauenburg: Bruder, suche du dein Leben zu
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retten! Ich habe genug bekommen!" Der Herzog drängte sein Pferd
an das des Königs und fasste ihn um den Leib, damit er nicht aus
dem Sattel falle, bis sie aus dem Schlachtgetümmel seien. Unter-
des aber - denn alles dies war die Sache einiger Sekunden - waren
feindliche Panzerreiter heran und feuerten, und während des Königs
brauner Hengst in den Hals getroffen ward und bäumend fortsetzte,
ward ein Pistol dem Herzog so nahe am Haupte abgeschossen, dass
er es mit der Hand wegschlagen konnte und das Feuer ihm Haar
und Gesicht versengte. Dabei war der halbbewusstlose König von
ihm getrennt worden, und der Herzog floh, so gut er konnte. Der
König wurde aus dem Sattel des bäumenden Hengstes geschleudert,
blieb im Steigbügel hängen, wurde eine Strecke geschleift und
blieb endlich seitwärts von dem Reiterangriff auf dem Feld liegen.
Der Nürnberger Page Leubelfing allein hatte sich fortwährend zu
ihm gehalten. Er sprang vom Ross und bot es dem König an.
Der König streckte die Hand nach ihm aus, um an dieser Stütze auf-
zustehen, aber der Knabe war zu schwach, den schweren Körper hin-
reichend zu unterstützen, und der König war zu sehr geschwächt.
Götzische Reiter sahen den Auftritt, sprengten herbei und schrien:
„Wer ist der Verwundete?“ Der Page schwieg, der König gleich-
falls. Zornig stieß ein Reiter dem Pagen den Degen durch den
Leib, und der andere schoss dem König mit der Pistole durch
den Kopf. Und mit anderen herzukommenden Reitern, die neue Schüsse
auf die Verwundeten feuerten, ging es nun ans Ausplündern. Nackt
blieben die Leiber auf dem halbgefrorenen Feld liegen.

Der reiterlose, braune Hengst, welcher verwundet im Feld um-
herirrte, verriet den Schweden das Unglück, und Truchsess aus des
Königs Gefolge kam zu den Deutschen hinüber und brachte ihnen
die schreckliche Kunde. Herzog Bernhard übernahm den Oberbefehl,
sprengte unter die Schweden und rief ihnen zu, der König sei tot.
„Für mich ist das Leben kein Leben mehr, wenn ich nicht blutige
Rache nehmen kann. Wohlan! Ein jeder, der es beweisen will, dass
er den König lieb gehabt, er stürme vorwärts, um dessen Tod zu
rächen!“

„Vorwärts!“, schrie das ganze Heer, und ein allgemeiner Angriff
erfolgte mit solchem Ungestüm, mit solcher Wut, wie ihn der ganze
Dreißigjährige Krieg kaum einmal gesehen. Das kaiserliche
Heer wurde überall geworfen, und dessen allgemeine Flucht war nahe
- da hieß es: „Pappenheim kommt!“ und dieser mächtige Name
machte das katholische Heer wieder fest. Wirklich kam er in vollem
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Rosseslauf mit vier Regimentern Kürassiere über die Äcker herüber-
gestampft. „Wo steht der Schwedenkönig?“, war seine erste Frage.
Man zeigte auf den rechten Flügel. Dorthin stürzte er. Die ganze
Schlacht erneute sich. Die schwedische Mitte, am weitesten vorgedrungen,
wurde furchtbar bedrängt. Die farbigen Brigaden fielen, standhaltend
bis auf den letzten Mann. Vom gelben Regiment, dem Leibregiment
des Königs, soll kein Mann den Tag und seinen König überlebt haben,
vom blauen Regiment desgleichen. Die schwedische und die grüne
Brigade mussten vor Piccolomini wieder über die Gräben zurück.
Da verbreitete sich die Kunde, Pappenheim sei von einer Falkonett-
Kugel gefallen. Die kaiserliche Reiterei floh und plünderte den eigenen
Tross. Die protestantische zweite Linie rückte in die Lücken der ersten
und ging zum dritten Mal über die Gräben. Die ganze Schlacht-
linie drang wieder siegreich vor und die kaiserlichen Flügel wurden
in die Flucht geschlagen.

Die Sonne ging unter, die Nebel stiegen wieder auf. Da ver-
teidigte sich nur noch mit bewunderungswürdiger Tapferkeit die
katholische Mitte, bis zur völligen Dunkelheit. Dann räumte auch sie
das Feld. Der Walplatz war erobert. Nacht und Nebel hinderten
die Verfolgung. Erst am folgenden Morgen nahm man Geschütz
und Tross der Kaiserlichen, die sämtlich nach Leipzig gezogen waren.

Wallenstein aber überzeugte sich, dass er die Trümmer seines Heeres
sicherzustellen und hinter das Erzgebirge zu führen habe. Er erließ
scharfe Strafen gegen viele seiner Offiziere, die selbstsüchtig geworden
waren und durch welche "die kaiserlichen Waffen bei Lützen einen
unauslöschlichen Spott bekommen hätten." Vierzehn Offiziere ließ er
mit Schwert und Strang hinrichten und sieben unter den Galgen
führen. Dies Gericht von der Lützener Fläche hat tief eingeschnitten
in sein eigenes Schicksal, denn es schuf ihm die bittersten Feinde.
Aber er hatte zu berichten, der Feind des Glaubens, der Schweden-
könig, sei getötet, und dies war mehr als ein Sieg.

Ein Leichenstoß hatte sich um des Königs Körper angehäuft.
Reiterregimenter waren zu wiederholten Male darüber hingegangen.
Die Soldaten, die Herzog Bernhard noch denselben Abend schickte,
die königliche Leiche aufzusuchen, hatten Mühe, den entstellten Körper
herauszufinden. Das Antlitz war auffallend unverändert geblieben.
Im Dorf Meuchen wurde er in der Kirche gewaschen und umge-
kleidet. Schweden zu Pferd hielten um den Altar. In jener Kirche
sind auch die Eingeweide begraben. Dann wurde die Leiche nach
Weißenfels geführt, wo man sie einbalsamiert und das Herz besonders
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aufgebahrt hat. Dort fand Eleonore, die trostlose Gattin, ihres fast
abgöttisch geliebten Mannes Überreste und nahm das Herz mit sich.
Im nächsten Sommer ward die Leiche nach Schweden gebracht
und ein Jahr darauf in der eigens dazu gebauten Kapelle der Riddar-
holmskirche beigesetzt. Dort ist auch das Schwert aufbewahrt, das
er bei Lützen geführt und das er noch vor Beginn der Schlacht
brünstig betend umfasst hat mit den Worten: "Jesus, Jesus, hilf
mit heute zu deines heiligen Namens Ehre streiten!" Man hat es
mühsam auf der Walstätte gefunden.
nach Heinrich Laube

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