Dresdner Anzeiger vom 19. Oktober 1906

Das Dresdner Vogelschießen 1660

... Die alte Vogelwiese ... bildet ein wesentliches Stück des heimischen Volkslebens. Genaue Nachrichten über dieses Fest haben wir besonders aus dem Jahr 1660. Denn der Rat gab nachträglich eine Darstellung desselben nebst eienm Kupferstich von Conrad heraus, welche ein anschauliches Bild der Festlichkeiten bietet. Das Jahr, in dem diese Feste begannen, lässt sich nicht mehr bestimmen; es war wohl zur Zeit der Hussitenkriege. Die erste Erwähnung bezieht sich auf das Jahr 1440. Anfangs wurde die Vogelwiese im Schießgraben (Schießgasse), später bei den Ziegelscheunen abgehalten. Die Veranstaltung geschah damals durch den Rat auf Kosten der Stadt. Bis 1680 feierte man das Fest alljährlich zu Pfingsten. Dann kam eine lange Pause bis 1660, wo der Rat auf Wunsch des Kurfürsten das Vogelschießen erneuerte. Man lud die fürstlichen Persönlichkeiten dazu ein und traf die Vorbereitungen mit großer Umständlichkeit. ... Morgens 4 Uhr begannen die Arbeiten an der Vogelstange und erst am Abend war der Vogel aufgezogen. Unter den aufgestellten Zelten war eins für den Kurfürsten und eins für die fürstlichen Herrschaften. Sonntag den 24. Juni versammelte sich nach dem Gottesdienst der Rat auf dem Rathause. In sechs Zügen ... gelangte man durch die Schlossgasse, die Sporergasse, über den Jüdenhof nach der Pirnaischen Gasse. An der Spitze gingen der Kurfürst und die anderen hohen Herrschaften. Am Schießen selbst nahmen 31 Personen teil, meist Adlige und Offiziere. In den Zelten wurden die Gäste bewirtet. Für die Kavaliere arrangierte man ein Kartenspiel. Auch gab es allerlei Krambuden, Kurzweilbuden usw. Ein Hauptvergnügen bildeten die Wettspiele mit Musik. An einer 36 Ellen hohen, mit Öl und Seife bestrichenen Kletterstange waren Preise von 1/2, 1 und 1 1/2 Taler und ganz oben ein Hahn in einer Trommel befestigt. Noch lustiger war das Wasserstechen und das Gänserennen. Nach dem Wettlaufen speisten an zwei Tafeln zusammen 60 Personen. Einige Studenten stimmten eine "liebliche Musik" an, ein nicht gerade sehr geschmackvolles Lied verherrlichte den Kurfürsten, auch Bergsänger ließen sich hören. Die Ratsherren hatten die Ehre, bei der Tafel aufzuwarten. Der Verbrauch von Fleisch, Fisch und Kuchen war sehr ansehnlich, dazu wurden große Quantitäten von Rheinwein, Neckarwein, Landwein, Zerbster, Wurzener und hiesigem Biere vertilgt. Den Bürgermeister Christian Brehme zeichnete der Kurfürst durch Zutrinken aus. Am nächsten Morgen erschien der Kurfürst wieder und das Schießen begann von Neuem. Abends 1/2 6 Uhr erfolgte der Königsschuss. Die Gewinne wurden vor dem kurfürstlichen Zelt überreicht. Nachdem die fürstlichen Herrschaften noch einen Ruhetrunk genommen hatten, hielten die Schützen ihren feierlichen Auszug. Den Schluss bildete ein Abschiedstrunk auf dem Rathaus. Der Gesamtaufwand des Festes betrug 1.280 Taler, eine für die damalige Zeit sehr hohe Summe. Auf Verlangen des Kurfürsten wurde das Fest im nächsten Jahr und dann bis 1678 noch mehrmals wiederholt. Hiernach folgte eine Pause bis 1699. Bald ließ der Rat diese Veranstaltungen ganz der Bogenschützengesellschaft. ...
aus: "Dresdner Anzeiger" vom 19. Oktober 1906

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