Die Schlacht bei Kesselsdorf

am 15.12.1745


Im Rahmen des Zweiten Schlesischen Krieges siegen die Preußen unter dem Kommando des Fürsten Leopold von Dessau („Der Alte Dessauer“, 1676 – 1747) gegen die verbündeten Österreicher und Sachsen unter Feldmarschall Friedrich August Graf Rutowski (1702 – 1764) in der Schlacht bei Kesselsdorf. Die Preußen beklagen etwa 5.000 Tote und Verwundete, die Verbündeten etwa 14.500. Am 17.12. wird Dresden an die Preußen übergeben, am 18.12. zieht der preußische König Friedrich II. (1712 – 1786) in Dresden ein und am 25.12. schließt Friedrich II. mit Abgesandten der Erzherzogin von Österreich Maria Theresia (1717 – 1780) und des Kurfürsten von Sachsen Friedrich August III. (1696 – 1763) den „Frieden von Dresden“. Damit endet der Zweite Schlesische Krieg zugunsten Preußens.

In ihrem Buch "Aus der Heimat - Geschichten, Schilderungen und Beschreibungen von Dresden und seiner Umgebung" beschreiben K. Döring, W. Jahn und P. Müller auf den Seiten 58 bis 62 diese Schlacht:

Grabmal für den Obristen von Reitzenstein
Der stark verwitterte Grabstein für von Reitzenstein auf dem Inneren Neustädter Friedhof.

Ein stiller Zeuge von blutiger Schlacht

Es war ein stiller, dämmriger Sonntagnachmittag im Dezember. Ich hatte meine Schritte nach dem Neustädter Friedhof gelenkt. Das große Gräberfeld lag einsam und verlassen. Ein leichter Frost hatte das düstere Aschgrau der Grabhügel und all die erstorbenen Blumen und vergilbten Kränze mit einem glitzernden Weiß überdeckt. In weihevollen und ernsten Gedanken wandelte ich, einer alten, liebgewordenen Gewohnheit folgend, durch die langen Hügelreihen. Da ruhten sie nun, wie die Denksteine kündeten, alle: von uraltem Adel oder schlichte Bürger, Arme und Reiche, Vornehme und Geringe, Mann und Weib, jung und alt - alle - alle!
Vor einem Sandsteindenkmal von doppelter Manneshöhe im ersten Lande, dessen verwittertes Aussehen auf ein sehr hohes Alter schließen ließ, blieb ich stehen. Seine Spitze krönte ein Kriegerhelm, von dem aus breite Fahnentücher zur Seite herabfielen. Zwei trauernde Krieger rechts und links, eine Menge militärische Zieraden, ein Adelswappen in der Mitte des Sockels - alles das deutete auf einen Krieger, der hier ruhte. Ich trat näher und las:

Christoph Ernst von Reitzenstein,

Seiner königlichen Majestät in Polen, Churfürstliche Durchlaucht in Sachsen, Obrist bei dem Dragoner-Regiment Prinz Sondershausen. Geboren 1691. So setzte er sein Leben auf, indem er an der Schlacht bei Kesselsdorf den 15. Dec. 1745 empfangenen Wunden den 2. Jan. anno 1746 in Dresden seinen edlen Geist aufgab." Auf der Rückseite war geschrieben:
"Vor dich, o Sterblicher,
Kann dieser Leichenstein -
Du denkst vielleicht nicht dran -
Ein stummer Zeuge sein.
Wie unvermerkt kommt die letzte Stunde -
Was hilft Kommandostab,
Der Adel und die Orden?
Der alles dieses trug -
Ist doch zu Asche worden."
1746! So hatte mich der Zufall zu dem ältesten Grabmale des Friedhofes und zugleich zu einem stillen Zeugen einer blutigen Schlacht geführt. Sinnend blieb ich stehen - aus dem verwitterten Denkmal stieg leise die alte Zeit herauf; die Gegenwart versank, - und die Vergangenheit hob ihre Schleier: Um das geöffnete Grab stehen neben der leidtragenden Familie hohe und niedere Offiziere, Würdenträger des Staats und Vertreter des Adels; dahinter im geschlossenen Viereck Grenadiere in hohen Bärmützen und weißer Uniform mit geschultertem Gewehr. Dann kommen Dragoner in weißen Waffenröcken mit darüber gekreuztem Bandelier, das den wuchtigen Säbel hält. Mit hohem Helm, bis weit über die Knie reichenden Reiterstiefeln, hellen Lederhosen und mit langem, festgedrehtem Zopf, - so stehen die strammen Männer wie aus Erz gegossen um den Sarg ihres toten Obristen. Der Pfarrer, dessen langer Talar sich an der Halsöffnung zu einer hochgefältelten Krause erweitert, hebt an zu reden von dem Manne, der hier die letzte Ruhstatt haben soll, von der Reihe seiner Ahnen, von seiner kühnlichen Heldentat, die das Lorbeereis um seine Stirne legte und nun den Totenkranz. - Dann blitzt das Ehrenfeuer der Grenadiere. Die Kanonen, die außerhalb der Mauern auf dem Felde stehen, das den Kirchhof weithin umgibt, donnern ihren Scheidegruß. Die Dragoner präsentieren; die Trommeln wirbeln - und der reichgeschmückte Sarg sinkt langsam in die geheimsnisvolle Tiefe. Eine Hand voll Erde! Alle, nach Stand und Würden, streuen sie hinab zum letzten Gruß. - Meine Gedanken sind Zeit und Raum entrückt! Mein Träumen führt mich durch das Kirchhofstor. - - -
Von weitem ragen in scharfen Umrissen die Wälle und Schanzwerke der Neustadt hervor, sonst aber nur überall Wald und Flur in stiller Ruhe. Ich stehe vor dem Festungstore. Lautlos sinkt die gehobene Zugbrücke; ein dunkler Gang nimmt mich auf, dann bin ich in der Stadt. Achtlos gehen die Bürger an mir vorüber. Welch merkwürdige Gestalten! Auf ihren Köpfen große Dreimaster tragend, unter denen der dicke Zopf der Perücke bis zur Hälfte des langen Knierocks herunterhängt, wandeln sie steif und bedächtigen Schrittes ihren Weg dahin. - Die engen Gassen der Altstadt nehmen mich auf, - das Wilsdruffer Tor hindurch, - dann bin ich im Freien. Ich wandre weiter und weiter - an stillen Dörfern vorüber - da - mit einem Male ist alles verändert: eine schneebedeckte und eiserstarrte Winterlandschaft liegt vor mir, inmitten ein Dorf in unheimlicher Ruhe.

Es ist der Frühmorgen des 15. Dezember 1745, der Tag der Schlacht bei Kesselsdorf.

Auf den eis- und schneebedeckten Höhen, die sich von Kesselsdorf nordostwärts, dem Zschoner Grunde folgend, bis Briesnitz und Leutewitz erstrecken, heben sich lange schwarze Linien ab. Es sind 35.000 Sachsen und verbündete Österreicher unter dem Feldmarschall Rutowski. In ihrer fast unangreifbaren Stellung erwarten sie die Preußen, die, Regiment an Regiment, unter ihrem erprobten "alten Dessauer" anmarschieren, um in die Schlachtordnung einzurücken. Kesselsdorf ist der Hauptschlüssel der Sachsen. Zahlreiche Kanonen starren von hier aus drohend zum Preußenheere hinunter. Es ist 2 Uhr geworden! Der alte Dessauer hält vor der Mitte seiner Heerhaufen und schaut nach den Höhen, die in grauser Ruhe vor ihm liegen. Da hebt er seine Hände zum düstern Winterhimmel empor und betet laut: "Lieber Gott, steh´ mir bei, oder willst du diesmal nicht, so hilf wenigstens auch den Feinden nicht, sondern siehe zu, wie es kommt!" Dann zieht er seinen Degen. Die Trommeln rasseln, und unter den brausenden Klängen des "Dessauer Marsches" marschieren mit geschultertem Gewehr seine Krieger vorwärts.
Jetzt wird es auch auf den Höhen lebendig. Die Erde bebt, und mit höllischem Gebrüll speien die Kanonen und Musketen der Sachsen Tod und Verderben in die anstürmenden Reihen. Wie eine Flutwelle an Felsen stößt und zurückprallt, so zerschellen die Regimenter und weichen zurück; aber nicht alle, - Hunderte sinken tot oder verwundet in den tiefen Schnee. Doch schon ordnen sich die Zersprengten, und abermals stürmen Tausende, den Tod verachtend, vorwärts. Der Dessauer ist mitten drinnen; feindliche Kugeln zerreißen ihm die Uniform, - er achtet´s nicht, - nur vorwärts! Vorwärts! Schon klettern seine Tapferen die steilen Hänge empor, schon springen einige über die Dorfmauer, - da prasseln die Kartätschen in die dichten Haufen und werfen Hunderte mit einem Schusse zu Boden. Es ist unmöglich, die Höhe zu erzwingen - "Zurück! Zurück!" In wilder Flucht stürzen die vom Schrecken des Todes übermannten Scharen zu Tal. - "Sieg! Sieg!", schreien die Sachsen und eilen von den gedeckten Höhen den Fliehenden nach. Aber des Dessauers Feldherrnauge wacht! Noch stehen seine Reiterregimenter in voller Ordnung hinter dem Treffen; ein Wink von ihm; die Meldereiter rasen, kurze Befehle ertönen, - dann rasseln und schnauben und wüten die Geschwader in den siegesgewissen Feind. So plötzlich kommt dieser Sturmlauf, dass die durch die Verfolgung auseinandergekommenen Sieger ganz bestürzt innehalten, um sich nun selbst ihrer Haut zu wehren. Die Schlacht steht! Indessen sind die preußischen Grenadiere wieder geschlossen; mit flatternden Fahnen kehren sie zurück. - Da gibt es kein Halten mehr und keinen Widerstand. Die Sachsen müssen fliehen, und hinter ihnen stürmen die Preußen die Höhe. Im Nu tauchen die preußischen Blechmützen an der Mauer, in den Gassen des Dorfes und zwischen Häusern und Gärten auf: die Kanonen sind genommen! Hurra! Hurra! - Nicht doch! Was rasselt und stampft und braust auf der Ebene daher? Das sind die sächsischen Reiter! Hui, wie die Säbel klirren, - Nun wahre, Preuße, dein Leben! - Hin und her wogt das Getümmel - wer wird Sieger sein? Neue Scharen der Preußen eilen heran, die tapferen Reitzensteiner Dragoner aber wollen nicht zurück. Um ihren Obristen geschart, an dessen Seite ein Reiter die Standarte führt, halten sie unerschüttert stand. Da reißen Kartätschen ihre Züge auseinander; der Standartenträger sinkt vom Pferde, - jetzt ist alles verloren! Obrist von Reitzenstein ergreift noch das sinkende Feldzeichen, dann reißt er sein Ross zurück. Eine Kugel zerschmettert ihm den Arm, ein Säbelhieb zerschneidet ihm die Wange, doch die Fahne lässt er nicht. Blutüberströmt sprengt er davon, - muss er auch fliehen, - die Ehre seines Regiments ist gerettet! Von der inzwischen eingetretenen Dunkelheit begünstigt, durch Sieger und Besiegte hindurch lenkt er sein starkes und ausdauerndes Pferd in gestrecktem Lauf bis nach Dresden zurück; es gilt, die Festung zu warnen. "Alles ist verloren! Ruft die Besatzung auf die Wälle!", stammelt er noch der Torwache zu - dann sinkt er ohnmächtig zu Boden. *) - -

Es war dunkel geworden. Noch einmal schaute ich das alte Denkmal an. "Tapferer Held! Du hast deine Dragoner nicht wieder gesehen. Die Schatten des Todes bannten deine Sinne, als nach wenig Tagen der siegreiche Feind durch die Tore der überwundenen Festung ritt!"

*) In dieser blutigen Schlacht verloren die Preußen an Toten und Verwundeten 4.800 Mann, die Sachsen 3.800 Mann; ferner verloren die Sachsen gegen 7.000 Gefangene, 48 Geschütze, 6 Fahnen und eine Standarte.

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