Andreas Hofer wird hingerichtet

am 20. Februar 1810


Andreas Hofer
Andreas Hofer (1767 - 1810) war ein Tiroler Freiheitskämpfer gegen die französische und bayerische Besetzung seiner Heimat.



Quelle für das Bild links:
Fotothek der SLUB Dresden,
Verwalter: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD),
Inv.-Nr.: A 146672 in Drsdn A 294f, 2,
Fotograf: Regine Richter,
Aufnahme-Nr.: df_hauptkatalog_0750795,
Datensatz-Nr.: obj 80899931

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Andreas Hofers Tod

Über den Alpen des Passeier in Tirol liegt eine sternhelle Winter-
nacht. In der Prantacherhütte hausen Menschen - etwas Selt-
sames zu solcher Jahreszeit. Es ist Andreas Hofer mit seiner
Familie und seinen Freunden.

Der lange heldenmütige Kampf Andreas Hofers gegen die
Franzosen ist vorbei.
Alles ist vorbei, das Land gehört dem Feind.
Hofer hat sich flüchten müssen in die hohe Alpenwildnis, und
auch hier ist er nicht mehr sicher. Er weiß, dass Spione und Schergen
nach ihm fahnden. Auf sein Haupt ist viel Geld gesetzt.
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Nun sind sie - in der Absicht, morgen die Prantacherhütte zu
verlassen und einen noch unzugänglicheren Zufluchtsort zu suchen -
nach einem gemeinsamen Abendgebet zu Bett gegangen. Der Hofer
und sein Weib schlafen im vierzehn Fuß langen Holztrog, die anderen
auf dem Heu im Überboden der Hütte.

Etwa um halb 4 Uhr morgens ist es, als Hofers Freund, der
Schreiber Dörninger, wach wird und durch die Dachstube hinaus-
schaut in die Nacht. Der Mond leuchtet hell und neigt sich dem
Gebirge zu. Der Mann schaut eine Weile sinnend in die Ruhe der
Nacht hinaus und betrachtet die Allmacht Gottes in seiner weiten
Welt. Da hört er auf einmal etwas, wie wenn jemand von fern
her mit beschlagenen Schuhen über den gefrorenen Schnee ginge. Er
denkt zuerst an Wild, oder es wären irgendwo Schneeschnollen ab-
gerollt, die das Geräusch verursacht haben konnten. Aber die Schritte
kommen näher. Da sieht er schon einen untersetzten Mann heran-
schleichen und hinter ihm die Soldaten mit blinkenden Waffen. "Teufel,
was ist das?", denkt der Dörninger und will eilends die Leute wecken.
Noch einen Blick hinaus, da sieht er, wie der Vordere - er erkennt
ihn, es ist der Bauer Raffl aus Passeier - sein Haupt an die
Hüttenwand legt, um zu horchen.

Diesen Mann hatten sie schon lange in Verdacht gehabt. Er
wusste von dem Aufenthalt Hofers und war ein armer Teufel. So
war der Dörninger schon vor einigen Tagen zu ihm gegangen und
hatte ihm Geld gegeben, damit er seinen Mund halte. Der Raffl
hatte das Geld genommen und Verschwiegenheit versprochen. Doch
als das Geld vertan, ging er zu den französischen Spionen und
verkaufte sein Geheimnis. Er soll eine Weile gefeilscht haben und
gesagt, er sei ein ehrlicher Mann, und es widerstrebe ihm, den helden-
haften Hofer, den lieben Landsmann, zu verraten. Hierauf ver-
doppelten sie den Sold. Was sie mit dem Hofer machen wollten,
wenn sie ihn hätten, fragte er. Der Napoleon würde ihn zum General
machen, war die Antwort. - "Ah, wenn sie ihn nicht erschießen,
wenn sie ihn zum General erheben, wie er es wohl verdient, da tut
ihm ja ein Gutes, wer ihn angibt." Sagte hierauf, er wolle sie
führen - und führte die Häscher herauf ins Hochgebirge zur Pran-
tacherhütte.

So horcht er nun an der Wand. Er muss drinnen den atmenden
Sandwirt gehört haben, denn hastig huscht er zu einem der Häscher
hin und flüstert: "Drinnen sind sie! und flieht davon. Da ist es
weitum voller Franzosen, als wären sie aus dem Schnee ge-
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wachsen. Man sagt, ihrer achthundert wären auf die Alp gezogen,
um das edle Wild zu fangen.

Der Dörninger greift nach seinem Kugelstutzen, da pochen die
Franzosen mit ihren Gewehrkolben schon an die Tür. Im Augen-
blick ist´s in der Hütte lebendig, aber die Gegenwehr ist frucht-
los. Mitten in der Verwirrung bleibt der einzige Hofer ruhig. Sie
binden ihm die Hände auf den Rücken, legen ihm einen Strick um
den Hals und einen zweiten um seine Lenden. Dann schlagen sie
ihm ins Gesicht, raufen Haare aus seinem Bart: zum Andenken, wie
sie sagen, an den Tiroler Bauernhäuptling.

"In Gottes Namen", sagt Hofer, "jetzt haben sie mich." Die
Seinen hängen sich ihm an Arm und Füße. "Seid nicht kindisch!",
sagt der Andreas zu ihnen, "sie sind die Stärkeren, da ist nichts zu
machen. Lasst aus, ich komm´ ja wieder heim, mein Kaiser ver-
lasst mich nit."

Dann führten ihn die Welschen davon. Als sie unten in der
Schlucht an einer alten Holzerhütte vorbeigehen, hätte man aus dem
finsteren, glaslosen Fenster den rothaarigen Kopf eines Mannes sehen
können. Andreas Hofer, Eis und Schnee in seinem Bart, schaut
weder nach rechts, noch nach links. Ruhig und aufrecht schreitet er
vorüber.

Draußen in der Stadt Meran war großes Verhör. Hofer sagt,
dass er nach Willen und Befehl seines Kaisers gehandelt und vom
Friedensschluss zuletzt nichts gewusst habe. Was man ihm nun an-
tun werde, er wolle es geduldig leiden als Buße für seine Sünden,
aber was die Verteidigung seines Heimatlandes angehe, habe er
nichts zu bereuen.

Unter dem Weinen und Knirschen der Bevölkerung wird er fort-
geführt. - Der Weg ist weit. Ins welsche Land geht die Reise,
auf die Festung Mantua.

Kaum drei Wochen später ist´s, da weiß der Hofer, wieviel es
geschlagen hat. Tag für Tag hat er gewartet auf eine Botschaft
von Wien, und jeden Abend sagt er zu sich: "Heut´ abermals nichts.
Aber morgen!" - Und eines Morgens, siehe, da traten zwei Offiziere
ein und verkündeten das Urteil: "Begnadigt zu Pulver und
Blei!" - Aufrecht stand er mit an die Brust gepresster Faust. So
hörte er das Urteil an.

In der Nacht vor seinem Tode schrieb er: "Ade, du schnöde
Welt! So leicht kommt mir das Sterben an, dass mir mit einmal
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die Augen nass werden." Dann kommt der Morgen, der Morgen
jenes 10. Februar 1810.

Als die Gerichtsdiener den Mann aus seiner Zelle zum Richt-
platz führen, stehen im Vorsaal und an der Treppe einige seiner
Landsleute. Etliche der Kampfgenossen, die erst selbst auferstanden
sind aus der Kerkernacht Mantuas, etliche, die sich sonst in die Festung
geschmuggelt oder gebeten haben, um ihren Führern und Kameraden
noch einmal zu sehen. Einer, dem die Franzosenkugel das Bein zer-
schmettert, ist an der Krücke gekommen. Ein anderer ist von Trient
her Tag und Nacht gegangen, als er gehört, dem Hofer gehe es ans
Leben. Er ist früh genug gekommen zum Abschiednehmen.

Endlich knarrt die Pforte. Langsame Schritte hallen aus der
Ferne und kommen näher in den Gängen. Im Halbdunkel erscheinen
die Gestalten - ein Priester mit dem funkelnden Kreuz in der Hand,
hinter ihm, von zwei Bütteln begleitet, schreitet aufrecht Andreas
Hofer.

Die Männer stehen wie versteinert. Als sie nun aber sein Auge
sehen, sein mildes, kindliches Auge, in welchem seine Angst liegt und
sein Trotz, welches auf sie hinblickt wie dankend, dass sie gekommen
sind mit dem letzten Gruß aus Tirol. - Da stürzen sie auf ihn zu,
fassen seine Hände, fallen vor ihm aufs Knie. Ein Greis, die eine
Hand verzweiflungsvoll ins weiße Haar wühlend, mit der anderen
Hofers Finger umklammernd, ruft, schreit im Tone des höchsten
Entsetzens das Wort "Anderl!" Schauerlich widerhallt hier und
zu dieser Stunde der gemütliche Name aus deutscher Heimat.
Hofer blickt sie traurig an. "Männer!", sagt er zu ihnen, seine
Stimme ist nicht so hell wie sonst, "mit hat´s wohl getan, dass ich
euch noch einmal gesehen hab´! Geht heim! Geht heim! Wenn ihr
mit wollt was zu Liebe tun - eine Schaufel voll Tiroler Erde
auf mein Grab ..."

Und nun ist er fertig mit allem, mit sich, mit dem wilden
Schmerz der Enttäuschung, mit dem Leid über sein verlorenes
Land.

Auf dem Richtplatz will man ihm die Augen verbinden. "Das
brauch´ ich nit", sagt er, "´s ist nit das erste Mal, dass ich dem Tod
ins Auge schau´."

Man bedeutet ihm niederzuknien. Er antwortet: "Ich will dem,
der mich erschaffen hat, meinen Geist stehend zurückgeben."
Dann tritt er einige Schritte vor und ruft: "Feuer!" - Die
ersten Schüsse treffen schlecht. Er bricht aufs Knie zusammen, winkt
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aus: "Hungers Lesebuch - 5. und 6. Schuljahr" (Rechtschreibung aktualisiert)
mit der Hand und ruft: "Franzosen, schießt´s besser!" - Erst der
dreizehnte Schuss machte seinem Leben ein Ende.
So ist Andreas Hofer gestorben, einundvierzig Jahre alt.

Peter Rosegger

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