Der Lützower Jäger Theodor Körner fällt im Kampf

am 23. August 1813


Theodor Körner fällt im Kampf

Körner an seinen Vater

Wien, am 10. März 1813

Liebster Vater! Ich schreibe Dir diesmal in einer Angelegenheit,
die, wie ich das feste Vertrauen zu Dir habe, Dich weder befremden,
noch erschrecken wird. Neulich schon gab ich Dir einen Wink über
mein Vorhaben, das jetzt zur Reife gediehen ist. - Deutschland steht
auf. Der preußische Adler erweckt in allen treuen Herzen durch seine
kühnen Flügelschläge die große Hoffnung einer deutschen, wenigstens
norddeutschen Freiheit. Meine Kunst seufzt nach ihrem Vaterlande -
lass mich ihr würdiger Jünger sein! - Ja, liebster Vater, ich
will Soldat werden, will das hier gewonnene glückliche und sorgen-
freie Leben mit Freuden hinwerfen, um, sei‘s auch mit meinem Blute,
mir ein Vaterland zu erkämpfen. - Nenn‘s nicht Übermut, Leicht-
sinn, Wildheit! - Vor zwei Jahren hätte ich es so nennen lassen.
Jetzt, da ich weiß, welche Seligkeit n diesem Leben reifen kann, jetzt,
da alle Sterne meines Glücks in schöner Milde auf mich nieder-
leuchten, jetzt ist es, bei Gott! ein würdiges Gefühl, das mich treibt,
jetzt ist es die mächtige Überzeugung, dass kein Opfer zu groß sei für
das höchste menschliche Gut, für seines Volkes Freiheit. Vielleicht
sagt Dein bestochenes väterliches Herz: „Theodor ist zu größeren
Theodor Körner fällt im Kampf
aus: "Die Muttersprache / 5", Leipzig, Klinkhardt 1908, Seiten 144 und 145 (Rechtschreibung aktualisiert)
Zwecken da, er hätte auf einem anderen Felde Wichtigeres und Be-
deutendes leisten können, er ist der Menschheit noch ein großes
Pfund zu berechnen schuldig.“ Aber, Vater, meine Meinung ist die:
Zum Opfertode für die Freiheit und für die Ehre seiner Nation ist
keiner zu gut, wohl aber sind viele zu schlecht dazu! - Hat mir Gott
wirklich etwas mehr als gewöhnlichen Geist eingehaucht, der unter Deiner
Pflege denken lernte, wo ist der Augenblick, wo ich ihn mehr geltend
machen kann? - Eine große Zeit will große Herzen, und ich fühl‘
die Kraft in mir, eine Klippe sein zu können in dieser Völkerbrandung. Ich
muss hinaus und dem Wogensturme die mutige Brust entgegendrücken.
Soll ich in feiger Begeisterung meinen siegenden Brüdern meinen
Jubel nachleiern? - Soll ich Komödien schreiben auf dem Spott-
theater, wenn ich den Mut und die Kraft mir zutraue, auf dem Theater
des Ernstes mitzusprechen? - Ich weiß, Du wirst manche Unruhe
erleiden müssen, die Mutter wird weinen! Gott tröste sie! Ich kann‘s
Euch nicht ersparen. Des Glückes Schoßkind rühmt‘ ich mich bis jetzt,
es wird mich jetzt nicht verlassen. - Dass ich mein Leben wage, das
gilt nicht viel. Dass aber dies Leben mit allen Blütenkränzen der Liebe,
der Freundschaft, der Freude geschmückt ist und dass ich es doch wage,
dass ich die süße Empfindung hinwerfe, die nur in der Überzeugung
lebte, Euch keine Unruhe, keine Angst zu bereiten, das ist ein Opfer,
dem nur ein solcher Preis entgegengestellt werden darf. - Sonnabends
oder montags reise ich von hier ab, wahrscheinlich in freundlicher
Gesellschaft. Vielleicht schickt mich auch Humboldt als Kurier. In
Breslau, als dem Sammelplatz, treffe ich zu den freien Söhnen
Preußens, die in schöner Begeisterung sich zu den Fahnen ihres Königs
gesammelt haben. Ob zu Fuß oder zu Pferd, darüber bin ich noch
nicht entschieden und kommt einzig auf die Summe Geldes an, die ich
zusammenbringe. Wegen meiner hiesigen Anstellung weiß ich noch
nichts gewiss. Vermutlich gibt mir der Fürst Urlaub, wo nicht: es gibt
in der Kunst keinen Altersrang, und komm‘ ich wieder nach Wien, so
hab´ ich doch das sichere Versprechen des Grafen Palfy, das in öko-
nomischer Hinsicht noch mehr Vorteile gewährt. - Toni hat mir auch
bei dieser Gelegenheit ihre große, edle Seele bewiesen. Sie weint
wohl, aber der geendigte Feldzug wird ihre Tränen schon trocknen. -
Die Mutter soll mir ihren Schmerz vergeben. Wer mich liebt, soll
micht nicht verkennen, und Du wirst mich Deiner würdig finden.

Dein Theodor.

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