Eine Kindsmörderin wird zum Tode verurteilt

Januar 1909


Titel der Wochenzeitung ´Sächsische Gerichtszeitung´
aus: "Sächsische Gerichtszeitung" vom 31. Januar 1909
erster Teil des Artikels zweiter Teil des Artikels

Dresdner Gerichtssäle. Zum Tode verurteilt. - Der verderbliche Einfluss der Schundliteratur.


Vor dem hiesigen Schwurgericht hatten sich dieser Tage die Dienstmädchen Frida Martha Helm aus Schönheide im Erzgebirge und Anna Alma Barthe aus Loschwitz wegen versuchten und vollendeten Mordes zu verantworten. Die Helm ist 1887, die Barthe 1892 geboren. Beide dienten im vergangenen Sommer bei einem Bäckermeister auf der Dippoldiswalder Gasse. Mit wahrer Gier hatte die Barthe den Inhalt von Schundromanen verschlungen und ist dadurch sittlich total verdorben worden. Sie wird von ihrer früheren Dienstherrschaft als verlogen, hinterlistig und diebisch geschildert, während sich im Gegensatz die Helm des besten Leumunds erfreut. Auf der Vogelwiese 1907 machte die Helm die Bekanntschaft eines hier dienenden Sergeanten und ließ sich mit ihm in intimen Verkehr ein. Am 6. April 1908 wurde sie in der Frauenklinik von einem Knaben entbunden, doch lehnte der Soldat die Zahlung von Alimenten ab. "Ich kann für mein Kind noch selbst sorgen", schrieb sie später dem Sergeanten, holte von ihren Ersparnissen in Höhe von 400 Mark einen größeren Betrag und gab das Kind in Klotzsche in Pflege. Die Ziehmutter erklärte sich sogar bereit, gegen eine Entschädigung von 400 Mark das Kind als eigenes anzunehmen. Auf Veranlassung des Gemeindevorstands wurde der Knabe alsdann einer Frau in Schönborn in Pflege gegeben, jedoch musste die Mutter 18 Mark monatlich Unterhaltungskosten zahlen. In Klotzsche war nämlich das Kind nicht gut gehalten worden. Somit blieb die Unterhaltung des Kleinen der Mutter eine schwere Last. Sie offenbarte sich der Barthe, die sofort einen verbrecherischen Plan bereit hatte und vorschlug, den Knaben zu vergiften oder ihn aus dem Kinderwagen zu stürzen. Auf die Vorschläge ging die Helm nicht ein. "Dann werden wir ihn erkälten, vielleicht stirbt er daran", schlug die Barthe vor. Nachdem beide am 25. Oktober einen Besuch in Schönborn gemacht hatten, nahm die Barthe das Kind von der Ziehmutter fort und tauchte das kleine Wesen entkleidet in einen Bach; jedoch trat der erwartete Tod nicht ein, "weil der Kerl aus Eisen war". Am 8. November wiederholten beide Angeklagte mit dem Knaben dieselbe Gewaltprozedur nochmals, mit dem Erfolge, dass das Kind unterwegs starb. Am 11. November erschien die Helm in Trauerkleidung zur Beerdigung ihres Kindes. Die Behörde beanstandete jedoch das Begräbnis, veranlasste die Obduktion der kleinen Leiche und nahm die Helm in Haft. Bald darauf wurde auch die Barthe in Gewahrsam genommen. Nach anfänglichem Leugnen legten beide ein umfassendes Geständnis ab. Die gerichtliche Sektion der kleinen Leiche ergab, dass der Tod durch Schlag infolge der enormen Wärmeentziehung eingetreten sei. In der Verhandlung vor dem Schwurgericht war die Held total gebrochen, während die Barthe eine stumpfe Resignation zur Schau trug. Von der Verteidigung wurde eingewendet, dass möglicherweise nur Totschlag vorliegen könne. Das Gericht verurteilte die Helm wegen versuchten und vollendeten Mordes zum Tode, die Barthe zu acht Jahren Gefängnis. Die Geschworenen gaben jedoch bekannt, dass sie einstimmig beschlossen hätten, für die Helm ein Gnadengesuch einzureichen.


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