Portrait von Gustav Neuring

Lynchmord in Dresden

am 12. April 1919


Der SPD-Politiker Gustav Neuring ((1879 - 1919) war von 1904 bis 1919 Leiter des sächsischen Fabrikarbeiterverbandes. Nach der November- revolution 1918 war er Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Dresden. Seit 1919 war er Mitglied des Sächsischen Landtages und Minister für Militärwesen in Sachsen. Nachdem Kriegsversehrte und Verwundete der Dresdner Lazarette erfuhren, dass ihre Pensionen gekürzt werden sollten, stürzten sie ihn am 12. April von der Augustusbrücke in die Elbe und erschossen ihn.
Am Tag darauf wurde für Sachsen der Belagerungszustand ausgerufen.




Foto aus "Dresdner Salonblatt" vom 19. April 1919

Artikel aus ´Vossische Zeitung´ vom 13.4.1919

Sturm auf das Kriegsministerium

Dresden, 12. April

Heute vormittag gegen 10 Uhr hielten auf dem hiesi-
gen Theaterplatz etwa 500 - 600 Kriegsbeschädigte, La-
zarett-Insassen und Lazarett-Gehilfen, eine Versamm-
lung ab. Sie forderten die sofortige Wiedererhöhung
ihrer kürzlich herabgesetzten Löhne und zogen dann
gegen Mittag vor das Gebäude des Kriegsministe-
riums. Eine Abordnung verlangte den Kriegsminister
Neuring zu sprechen. Dieser wollte die Abordnung
nicht empfangen und drohte an, dass er sie wegen
Hausfriedensbruches verhaften lassen werde. Die
Demonstranten nahmen nun eine drohende Haltung
an und stürmten gegen das Tor des Gebäudes. Die
im Hause untergebrachten Regierungstruppen machten
darauf von der Waffe Gebrauch. Es heißt, dass zuerst
von einem Regierungssoldaten, einem jungen Or-
donnanz, mehrere Handgranaten geworfen wurden,
die allerdings bloße Übungsgranaten waren und nie-
mand verletzten. Darauf verhaftete die das Gebäude
umringende Menge, die inzwischen Zuzug bekommen
hatte, die Wache. Man zerschlug ihre Gewehre und
warf die Munition in die Elbe. In der Menge wurde
behauptet, dass der Kriegsminister den Befehl zum
Werfen der Handgranaten gegeben habe. Herbeige-
rufene Regierungstruppen erklärten, nicht eingreifen
zu wollen, gaben die Waffen ab und marschierten wie-
der ab. Die aufgeregte Menge hielt den Platz vor dem
Kriegsministerium besetzt. An verschiedenen Stellen
waren Maschinengewehre aufgestellt und nahmen das
Ministerium unter Feuer. Um 4 Uhr drangen die De-
monstranten in das Gebäude ein, ergriffen den Kriegs-
minister, der sich in das obere Stockwerk geflüchtet
hatte, schleppten ihn auf die Straße, misshandelten ihn
schwer und stürzten ihn von der Brücke in die Elbe
hinab. Anscheinend war der Kriegsminister ein guter
Schwimmer, denn er vermochte sich längere Zeit über
Wasser zu halten. Die Demonstranten eröffneten aber
aus zahlreichen Gewehren das Feuer, bis
schließlich der mit dem Tode in den Fluten kämpfende
Kriegsminister vor den Augen vieler Tausender er-
regter Zuschauer in den Fluten verschwand.

aus: Die bürgerlich-liberale "Vossische Zeitung" berichtete am 13.4.1919

Die Stelle auf der Augustusbrücke, an der Gustav Neuring in die Elbe gestürzt wurde.
aus: "Dresdner Salonblatt" vom 26. April 1919

Zeichnung von Bruno Liebscher
Zeichnung von Bruno Liebscher, Quelle: Fotothek der SLUB Dresden, Aufnahme-Nr.: df_hauptkatalog_0033462, Datensatz-Nr.: obj 32024407

aus: ´Dresdner Neueste Nachrichten´ vom 9. September 2017
aus: "Dresdner Neueste Nachrichten" vom 9. September 2017 (gekürzt)

Grabstein auf dem Tolkewitzer Friedhof
Inschrift auf dem Grabstein auf dem Tolkewitzer Friedhof




Grabstein auf dem Städtischen Friedhof und Urnenhain Tolkewitz


Gustav Neuring

14. September 1879
12. April 1919


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