Die SA provoziert eine Saalschlacht in Aue

am 20. Januar 1933


Saalschlacht in Aue am 20. Januar 1933
aus: SPD-Zeitung "Dresdner Volkszeitung" vom 23. Januar 1933

Saalschlacht in Aue

Reichsbanner und Polizei werfen die SA aus dem Saale - Mehrere Verletzte

Aue, 21. Januar.
Die Sozialdemokratische Partei, Ortsgruppe
Aue, hatte für Freitag abend eine öffentliche Versammlung
einberufen, in der Genosse

Redakteur Frenzel, Chemnitz, über das Thema sprach:
"Wer ermordete den SA-Mann Hentsch?"

Die Versammlung war so überfüllt wie seit langem
keine Veranstaltung der Sozialdemokratischen Partei in unserem
Ort. Gegen 800 Personen waren im Saale zusammen-
gepfercht, darunter auch gegen 120 SA-Leute.

Die Nazipartei hatte die SA aus der ganzen Umgegend
mobilisiert.

Da sowohl der sozialdemokratischen Versammlungsleitung
als auch der Ortspolizei mitgeteilt worden war, dass die Nazis ver-
suchen würden, die Versammlung zu stören, war die Polizei
im Saale stationiert worden. Nach einigen Zwischenfällen
konnte unser Referent, Genosse Frenzel, unter verhältnismäßiger
Ruhe sein Referat zu Ende führen. Die Versammlung hörte mit
tiefer Betroffenheit die Geschichte des bestialischen Fememordes an
dem SA-Mann Hentsch an. Sodann erhielt der Nationalsozialist
Mutz das Wort. Aber kaum hatte Mutz wenige Sätze gesprochen,
die eine ungeheure Beleidigung der Sozialdemokratischen Partei
darstellten, war es mit der Ruhe vorbei. Der Versammlungsleiter,
Landtagsabgeordneter Kranz, unterbrach ihn und erklärte ihm,
dass ihm sofort das Wort entzogen werden würde, falls er in seinen
weiteren Ausführungen nicht sachlich bleiben könnte. Dieser
Zwischenfall war für die SA-Meute das Signal. Der SS-Führer
Schramm erhob sich und gab seinen Leuten Anweisungen.
Als er sich der Anordnung der Versammlungsleitung, sich
wieder auf seinen Platz zu setzen, nicht fügen wollte, gab Genosse
Kranz der Polizei Anweisung, diesen Ruhestörer aus dem
Saale zu entfernen.
Das war das Zeichen für die SA zum Angriff. Sie ver-
suchte die Polizei abzudrängen und brüllte "Hierbleiben, hier-
bleiben!" Mit dem Gummiknüppel schaffte sich die Polizei Luft.
Daraufhin gaben die Nazis das Signal zum Abzug. Sie
brüllten das Horst-Wessel-Lied, die Arbeiterschaft sang spontan die
Internationale.
Plötzlich erhob ein SA-Mann - der 3. Vizevorsteher des
Stadtverordnetenkollegiums Aue, Müller - einen Stuhl und
schlug damit auf Reichsbannerleute ein. Im Nu entwickelte sich
ein wüstes Handgemenge und eine wilde Schlägerei. Stühle
flogen, Stühle krachten.
Die Polizei, die Müller sistrierte, wurde vom Reichsbanner
auf das Tatkräftigste unterstützt, und es gelang ihr bald, die SA-
Meute samt und sonders aus dem Saale hinauszuprügeln.
Wie uns mitgeteilt worden ist, ist der Urheber der Saal-
schlacht, der SA-Mann Müller, festgenommen worden. Ein Teil
des Saalinventars ging in Trümmer. Leider wurden auch einige
Reichsbannerkameraden verletzt, einer schwer, mehrere leicht.
Ein Überfallkommando, das aus Chemnitz
alarmiert worden war, trieb schließlich unter Assistierung der Orts-
polizei die Nazis auf der Straße auseinander.

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