Geleitwort des Dresdner Oberbürgermeisters für die Ausstellung
Geleitwort des Dresdner Oberbürgermeisters für die Ausstellung
Quelle: Fotograf: Walter Möbius, Aufnahme-Nr.: df_hauptkatalog_0055919, Datensatz-Nr.: obj 30120618

Ausstellung "Entartete Kunst"


Lichthof des Dresdener Rathauses vom 23.9. bis 18.10.1933




Ernst Otto Emil Zörner (1895 - ?) trat 1922 in die NSDAP ein, war seit 1932 Mitglied des Reichstages und wurde durch persönliche Vermittlung Hitlers im August als Oberbürgermeister von Dresden eingesetzt. Nach finanziellen Unregelmäßigkeiten verlor er 1937 sein Amt. Seit dem Frühjahr 1945 gilt er als verschollen.

Geleitwort des Dresdner Oberbürgermeisters für die Ausstellung
Blick in die Räume der Ausstellung "Entartete Kunst"
Quelle: Fotograf: Christian Borchert, Aufnahme-Nr.: df_bo-pos-09_0000170, Datensatz-Nr.: obj 80484800
Besucher der Ausstellung vor dem Gemälde von Otto Dix
Besucher der Ausstellung "Entartete Kunst" vor dem Gemälde "Der Schützengraben" von Otto Dix
Quelle: Fotograf: Christian Borchert, Aufnahme-Nr.: df_bo-pos-09_0000171, Datensatz-Nr.: obj 8048810
Zeitungsartikel vom 22. September 1933
Zeitungsartikel vom 22. September 1933 (Nr. 448, Seite 3)
Quelle: Deutsche Fotothek, Aufnahme-Nr.: df_dat_0005633, Datensatz-Nr.: obj 89010312

Ausstellung "Entartete Kunst"

Lichthof des Neuen Rathauses

Am 26. Juni 1933 ist ein Beschluss der Dresdner Stadt-
verordneten, dem der Rat zu Dresden beigetreten ist, ge-
faßt worden, nach dem die Nationalsozialistische Arbeiter-
partei es als ihre Pflicht betrachtet, der Oeffentlichkeit ein-
mal sichtbar den geistigen und kulturellen Verfall des
deutschen Volkes nach dem Kriege vor Augen zu führen.
Dem Volke soll in einer Ausstellung im Lichthofe des Rat-
hauses gezeigt werden, was eine marxistische, demokratische
Stadtverwaltung an sogenannten Kunstwerken (Malerei
und Plastik) aus Mitteln der Dr. Güntzschen Stiftung an-
gekauft hat. Vom 23. September bis 18. Oktober findet
die Ausstellung "Entartete Kunst" statt, die die
von der Stadt seit 1914 angekauften Bilder und Plastiken
vorführt, welche den Verfall und die Entartung der Kunst
am markantesten zeigen. Diese Ausstellung soll der Oeffent-
lichkeit unentgeltlich zugängig sein, damit das Volk die
Möglichkeit des Vergleiches mit gesunder, artgemäßer Kunst
hat, die in den zu gleicher Zeit in Dresden stattfindenden
Kunstausstellungen gezeigt wird.
In einer Vorschau vor der Presse berichtete der Direk-
tor des Stadtmuseums, Dr. Großmann, über die Ent-
stehung der Kunstsammlung der Stadt Dresden. Er führte
aus: Bis 1919 gab es verhältmäßig nur wenig An-
käufe, in denen der Geist etwa der Zeit Kuehls zum Aus-
druck kam. Unter Einwirkung der großen Kunstausstellun-
gen und bei Anwachsen des Angebotes entstand der Ge-
danke, neben den Verwalter der ortsgeschichtlichen Samm-
lungen, Dr. Großmann, einen zweiten Direktor für die Er-
weiterung des Kunstbesitzes einzustellen. Von 1919 bis 1923
nahm Dr. Paul F. Schmidt diese Stellung ein; er hat
auch noch 1924 und 1925 durch Beratung auf die Ankäufe
eingewirkt. Der ursprüngliche Ausschuß von 15 Herren
wurde verkleinert auf eine Ankaufskommission, über deren
Tätigkeit indessen keine Akten bestehen. Die Beschlüsse
wurden ohne Protokoll in mündlicher Beratung gefaßt. In
der Zeit von 1919 bis 1929 wurden (unter Umrechnung der
Inflationsgelder) für etwa 500.000 RM reine Kunstankäufe
getätigt. Die auf diese Weise erworbenen Werke sind der
Oeffentlichkeit nie zugänglich gemacht
worden, sondern wurden in engstem Raume gestapelt,
weil kein raum zur Ausstellung da war. Das betrifft die
jetzt aus den der Oeffentlichkeit bisher vorenthaltenen Be-
ständen ausgesuchten Werke der Malerei, Plastik und
Graphik. Diese Ausstellung umfaßt 112 graphische Blätter,
43 Aquarelle, 42 Oelgemälde und 10 Plastiken, die eine ver-
hältnismäßig kleine Auswahl darstellen. Die Kommission
hat sorgfältig abgewogen, noch zuletzt 16 Bilder ausgeschie-
den und auch selbst einige Arbeiten als "Grenzfälle" be-
zeichnet. Das Ganze ist aber um ein Bild der Entartung
deutscher Kunst nach 1919, für die die Bezeichnung "Expres-
sionismus" zu einseitig und eng ist. Eine Sammlung
der Abschreckung ist zustandegekommen, die das
Schlimmste und Scheußlichste zusammengedrängt hat, was
in jener Zeit erzeugt worden ist.
Gewiß, der Expressionismus ist überwunden und viele
Künstler sind von ihm abgerückt oder haben sich gewandelt
und entwickelt, wie ihre jetzigen Werke, zum Teil gerade
auch in den gegenwärtigen Sommerausstellungen beweisen.
Gerade von Dresden war die Entwicklung des Expressio-
nismus durch die Künstler der "Brücke" wesentlich mit aus-
gegangen. Dabei darf, wie Dr. Großmann bemerkte, nicht
vergessen werden, daß wie immer in solchen extremen
Fällen, der Kunsthandel sich sehr willfährig gezeigt hat und
daß beim Entstehen dieser Entartung die Sensation eine
große Rolle gespielt hat. Die Kunstliteratur über den Ex-
pressionismus enthält dafür viele Beweise. Die Loslösung
der Künstler von der Wirklichkeit führte zur Auflösung der
Naturformen, zur Verzerrung der Gestalt und zur Ent-
wirklichung der Welt bis in die reine farbige Abstraktion
hinein. Wieviel aus den Ideen und Werken des Expressio-
nismus etwa auch an Gewinn zu buchen sei, wie die Neu-
bewertung der farbe, das steht hier nicht zur Erörterung.
Die Richtung zeitigte jedenfalls Erscheinungen so furchtbarer
Art, daß man sie als Verfall, als eine Zeitkrankheit be-
zeichnen muß, gegen die sich das Gesunde nur schwer, fast
verborgen durchhalten konnte und erst jetzt in ungehemmter
Reinheit und Klarheit durchsetzen kann. Wenn man be-
denkt, daß in dieser Ausstellung das Schlimmste zusammen-
getragen ist, was eine übel beratene Stadtverwaltung er-
werben konnte, so ergibt sich allerdings ein Bild, das mit
erschreckender Deutlichkeit den Abstand zwischen Krankheit
und Gesundung, Verfall und Neuerstehung vor Augen bringt.
Es entspricht einer besonderen Entscheidung des jetzigen
Oberbürgermeisters, wenn auch Jugendliche von
15 Jahren an die Ausstellung besichtigen sollen, um heil-
same Eindrücke davon mitzunehmen. - An jedem Bild ist
angegeben, welcher Preis im Ankaufsjahre dafür bezahlt
worden ist. Eine Reihe von Werken sind sehr teuer ge-
kauft worden; anderseits sind einige der extremsten Mach-
werke Geschenke des Künstlers oder anderer.
Einiges sei hier herausgehoben. Die Graphik von
Felixmüller, Wilhelm Rudolph, Schmidt-
Rottluff, Dix, Heckel, Hofer, Eugen Hoffmann
zeichnet sich durch die Formverzerrung aus. George
Grosz, dessen unheilvoller Einfluß überall zu spüren ist,
tritt als der Verhöhner des deutschen Menschen grausig
genug hervor; seine Sammelbücher enthalten aber noch viel
Schlimmeres. Kokoschka wirkt besonders blasphemisch,
wo er religiöse Motive behandelt. Von Nolde sind zwei
Radierungen bloßgestellt worden. Otto Schubert, der
bald genug so ganz anders gestaltete, auch Kretzschmar,
wie man ihn heute kennt, dürfen als Verführte der Zeit
gelten. Otto Lange hat Paul Klee nachgeahmt. Boll
ist besonders widerwärtig in Dirnendarstellung. Segall,
ganz östlicher Herkunft, schuf reine Masken, nicht Menschen.
Sachen von Schanze, A. Rudolph wurden als Grenz-
fälle aufgenommen. Bei vielen Graphiken liegt das Zer-
setzende in der Gesinnung, mit der sie Themen wie
"Familie" und Bürgertum ironisch-satirisch abgehandelt
haben.
Unter den Gemälden ist das berüchtigte Bild von Dix,
"Krieg", das furchtbarste. Es hat seine besondere Geschichte,
war in Köln und Berlin ausgestellt und wurde heftig be-
fehdet; 1928 wurde es zur Hälfte vom Patronatsverein, zur
Hälfte von der Stadt Dresden für 5.000 RM angekauft. Grausig
ist das Bild der Kriegskrüppel von Dix, ein "Geschenk",
allerdings ein Danaergeschenk, eine einzige Grimasse des
Hohnes. Den farbigen Expressionismus vertreten die
früheren Arbeiten von Felixmüller, der sich inzwischen
ein paarmal gewandelt hat, Bilder von Heckrott,
Rudolph, Otto Lange, Mitschke-Collande,
Cassel und anderen damals jungen Dresdnern; von aus-
wärtigen sind Heckel, Pechstein (dieser mit dem
futuristischen "Abenteurer", 1921 für 10.000 RM gekauft!),
Campendonk, Walter Jakob, auf die der Russe
Chagall eingewirkt hat, Kirchner ("Straßenkehrer", 1928
für 4.000 RM gekauft!), Schmidt-Rottluff mit seinen
pyramidenförmigen Gruppen, Kandinsky mit seiner ab-
strakten Malerei vertreten. Eine Nummer für sich ist
Schwitters, der das "Merzbild" erfand, das aus Pappe,
Draht und Bindfaden zusammengeleimt ist, ein böser Ulk
des Dadaismus, der wohl belacht und verlacht, aber nicht
ernsthaft angekauft werden dürfte.
In der Plastik sind Christoph Boll und Eugen
Hoffmann am weitesten gegangen, was die Zerstörung
der Form, die Pflege des Häßlichen und Widerlichen betrifft.
Nicht nur die Negerplastik war ihnen Vorbild, sie haben aus
eigenem Geiste die menschliche Gestalt in aller Form-
entartung gebildet. Hoffmanns rot bemalte Mädchenbüste
und seine affenartigen Figürchen "Adam und Eva" sind
dauernde Zeugnisse dieser Zersetzungsarbeit. Bolls ge-
dunsene Aktfiguren sind aus Freude an der Mißbildung
entstanden.
Die Gerechtigkeit fordert, daß man nicht ganz vergessen
darf, daß hier das Schlimmste vom Schlimmen gehäuft
wurde. Es bleibt allerdings kennzeichnend, dass die Ver-
antwortlichen nie gewagt haben, diese Erwerbungen öffent-
lich zu zeigen. Dieses Museum der Entartung dient der
Aufweisung der Gegenpole von einst und jetzt, und damit
doch vor allem der Absicht, die neue Volkskunst der Gegen-
wart scharf vom Gewesenen zu trennen.           F. Z.

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