Der Mord-Anschlag auf den Reichstagsabgeordneten Löwenstein
Die "Dresdner Volkszeitung" berichtet am 28. Februar 1933.

Zum Anschlag auf Löwenstein

Wie der Überfall geschah

"Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver", heißt es in einem Sendespiel des Nazidichters Hans Jobst, das vor einigen Tagen vom Rundfunk übertragen wurde. (Jobst ist vom Nazikultusminister zum dramaturgischen Leiter des Staatlichen Schauspielhauses in Berlin ernannt worden!) Wie zwei SA-Leute das Wort in die Praxis übertragen haben, zeigt der Mordüberfall auf den sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten und Kulturpolitiker Dr. Kurt Löwenstein in Berlin. Der Überfallene gibt darüber folgende Darstellung: "Nachts gegen 3:15 Uhr wurden wir durch andauerndes Läuten an der Tür geweckt. Wir öffneten nicht, denn wir hörten, wie sofort heftige Schläge gegen die Tür erfolgten. Wir riefen das Überfallkommando an und verbarrikadierten die Tür unseres Schlafzimmers. Trotz allen Rufens um Hilfe rührte sich niemand im Hause und auf der Straße! Passanten, die die Hilferufe hörten, riefen lachend: ´Das ist ein hysterisches Weib, das seit fast einer halben Stunde um Hilfe schreit.´ Wahrscheinlich arbeiteten diese Leute im Einverständnis mit den Angreifern in der Absicht, jede Störung des Angriffs zu verhindern. Die beiden Eindringlinge, die offenbar die Lage des Schlafzimmers gekannt haben, versuchten nun, ins Schlafzimmer einzudringen. Sie schossen mehrfach durch die Tür, so dass im Schlafzimmer acht Kugeleinschläge sind. Mit wildem Gebrüll "Ihr Strolche kommt noch alle dran" schlugen sie immer wieder gegen die Schlafzimmertür. Einer der Eindringlinge ging ins Arbeitszimmer, zerschlug dort Bücherschränke und Bücherregale, Stühle und Beleuchtungskörper. Schließlich kam das Überfallkommando an. Der eine der Eindringlinge lief die vier Treppen herunter, nachdem er seine Pistole unter den Treppenläufer im vierten Stock gesteckt hatte. Er zeigte dem Überfallkommando, wie sie ihn durch die eingeschlagene Türfüllung gekrochen seien, kroch wieder hindurch und schloss die Tür von innen auf. Er stellte sich, als ob er den anderen habe zurückhalten wollen, und sagte: ´Ich kann den Kerl nicht zurückhalten, der will den Löwenstein totmachen." Diesen Eindringling ließ das Überfallkommando laufen! Der andere wurde noch in der Wohnung festgenommen. Beide trugen SA-Uniform!"
Das Berliner Polizeipräsidium hat den Namen des festgenommenen Täters bisher verschwiegen.

Wer ist Dr. Löwenstein?

Dr. Kurt Löwenstein und seine tapfere Frau sind in der Schreckensnacht wie durch ein Wunder dem Tode entgangen. Wer ist dieser Dr. Löwenstein, und welche Schandtaten hat er auf dem Gewissen, dass er in der Nacht von politischen Gegnern in seiner Wohnung überfallen, belagert und mit dem Tode bedroht wird?
Genosse Dr. Löwenstein, Reichstagsabgeordneter und Stadtrat, steht im 48. Lebensjahr und ist von Beruf Pädagoge. Er steht an der Spitze der Bewegung der Kinderfreunde, die das junge Geschlecht zu geistiger Wehrhaftigkeit unter Ablehnung jeder rohen Gewalt erzieht. Er gehört zu den geistig vornehmsten Erscheinungen unseres öffentlichen Lebens und ist Meister einer Polemik, die sachlich wirkt, ohne persönlich zu treffen. Noch nie ist auch nur von seinen Gegnern behauptet worden, er hätte sich irgend eine rednerische Entgleisung zuschulden kommen lassen! Noch nie ist auch nur von seinen Gegnern der geringste Vorwurf gegen seine persönliche Ehrenhaftigkeit erhoben worden! Nur mit seinen pädagogischen Grundsätzen sind sie nicht einverstanden. Darum haben sie gegen ihn jene Hetze getrieben, die jetzt, nach ungezählten Drohbriefen, in einem Mordüberfall ihren vorläufigen Gipfel gefunden hat.
Dr. Kurt Löwenstein (1885 - 1939) arbeitete als Kriegs- gegner im Ersten Weltkrieg für das Rote Kreuz. Seit 1919 war er für die USPD Stadtverord- neter in Berlin. Ab 1920 gehörte er erst für die USPD, ab 1922 für die SPD bis zum April 1933 dem Reichstag an. Von 1921 bis 1933 war er Stadtrat für Volksbildungswesen in Berlin-Neukölln. Nach dramatischen Repressalien durch die SA emigrierte er nach Prag und später nach Paris.

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