aus:   "Dresdner Neueste Nachrichten" vom 22. Februar 2001


Radsport-Legende Gustav-Adolf "Täve" Schur feiert morgen 70. Geburtstag und verschwendet keinen Gedanken an den Ruhestand / 32 Jahre in der Volkskammer, nun im Bundestag



"Manchmal bin ich Don Quichotte"



Foto von Täve, Quelle: DNN
Morgen feiert Gustav-Adolf "Täve" Schur 70. Geburtstag. Den Radsportfreunden ist der Straßenweltmeister der Amateure von 1958 und 1959 und Friedensfahrtsieger von 1955 und 1959 als großer Kämpfer und stets fairer Sportsmann in bester Erinnerung. Geradezu legendär ist die taktische Meisterleistung während der Weltmeisterschaft 1960, als Schur mit seinem Mannschaftskameraden Bernhard Eckstein den bärenstarken Belgier Vandenbergen bezwang und dabei seine eigenen Ansprüche auf den dritten Weltmeistertitel in Folge hinten an stellte. 1989 wurde Gustav-Adolf Schur zum "DDR-Sportler aller Zeiten" gewählt. Täve ist eine Legende. Noch heute spornen viele Zuschauer die vorbei fahrenden Radler mit "Täve, Täve!"-Rufen an. An der Renaissance des Cours de la Paix trug er als Vorsitzender des Friedensfahrt-Kuratoriums und als Präsident des Vereins Internationale Friedensfahrt großen Anteil. Mit dem Jubilar, dessen Autobiografie der Verlag Neues Berlin gerade erschienen ist, unterhielt sich für die DNN Detlef Bommhardt.


Herzlichen Glückwunsch zum stolzen Jubiläum. Täve wird 70. Da gibt es doch bestimmt ein großes Fest?
Morgen werden wir erst einmal gemütlich im Kreis der Familie feiern. Ich denke, dass meine vier Kinder und die fünf Enkel kommen werden, auf die meine Frau und ich besonders stolz sind. Eine große, offizielle Geburtstagsfete wird es am 6. März ab 18 Uhr im Velodrom in Berlin geben. Da haben sich einige prominente Künstler und Sportler angesagt. Alle Freunde, Bekannte und Fans lade ich zu dieser Feier recht herzlich ein und verspreche einige Überraschungen.


In einem Interview vor genau zehn Jahren haben Sie angekündigt, in den Vorruhestand zu wechseln. Das klang nach Abschied von der Öffentlichkeit. Daraus ist nichts geworden?
Man darf nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Ich habe nur gemeint, dass ich jungen Kollegen nicht den Arbeitsplatz weg nehmen will. Seit zwei Jahren bin ich jetzt Abgeordneter im Deutschen Bundestag, dort sportpolitischer Sprecher der PDS, Schriftführer, stellvertretendes Mitglied im Petitionsausschuss und stellvertretender Vorsitzender der deutsch-südosteuropäischen Parlamentariergruppe und noch einiges mehr.


Statt Ihre Rente zu genießen und die Beine hoch zu legen, sind Sie also sogar extrem aktiv. Was treibt Sie dazu?
Ich habe nie daran gedacht, mich aufs Altenteil zurück zu ziehen. Und als ich dann oft erlebte, dass immer mehr hervorragend ausgebildete Menschen aus den neuen Ländern von Karrieristen und Schaumschlägern über den Tisch gezogen wurden, da war mir klar: Schur, du musst dich einmischen und helfen. Und das dort, wo du Ahnung hast und Gehör finden kannst. Und das ist zu allererst der Sport. Ich mache auf die katastrophale Situation im deutschen Schulsport aufmerksam, kämpfe um mehr Anerkennung für das Ehrenamt, beschreibe die marode Infrastruktur der Sportstätten im Osten. Zu diesen Problemen habe ich bislang sechs Reden im Bundestag gehalten. Leider komme ich mir dabei manchmal vor wie Don Quichotte.


Nach den schweren 90-er Jahren hat die Friedensfahrt wieder an Glanz gewonnen. Wie sieht es um die Vorbereitungen für die diesjährige Tour aus?
Die Friedensfahrt lebt wieder. Zwar ist sie inzwischen - wie viele andere auch - eine Profirundfahrt geworden, aber mit dem Namen und Picassos Taube als Symbol doch etwas Besonderes. Das wird besonders im Osten gewürdigt.


In der DDR wurde stets und überall die Liebe zur Sowjetunion propagiert. Fast jeder DDR-Bürger war Mitglied der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft. Wie sind heute Ihre Beziehungen zu damaligen Freunden und Bekannten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion? Was denken Sie über die politische und wirtschaftliche Entwicklung in diesen Ländern?
Für mich war die Freundschaft zur Sowjetunion immer Herzenssache und keine Propagandafloskel. Ich habe nach wie vor sehr gute Kontakte zu vielen alten Freunden wie zum Beispiel Gainan Saidchuschin oder Viktor Kapitonow. Wenn ich sehe, was heute aus diesem Land geworden ist, tut mir das weh. Von der Hoffnung der Menschen auf ein besseres Leben ist nicht viel geblieben. Die Großen kämpfen um ihr Stück vom Kuchen, die Kleinen bleiben auf der Strecke.


Schon in der DDR waren Sie Parlamentsabgeordneter. Wenn Sie die 32 Jahre in der Volkskammer und die zwei Jahre im Deutschen Bundestag vergleichen, welche Unterschiede sehen Sie?
In der Volkskammer wurde nicht so viel und vor allem nicht so schön geredet, dafür einiges bewegt, dabei auch viel Mist wider besseren Wissens. Im Bundestag gelten die parlamentarischen Spielregeln, und das macht mir Hoffnung.


Im Radsport wie auch in vielen anderen Sportarten werden immer wieder Dopingfälle bekannt. Es gibt ein endloses Wettrennen zwischen Sündern und Dopingfahndern. Sind Sie für eine Freigabe oder für noch härteres Vorgehen?
Ganz klar für die zweite Variante. Sport soll der körperlichen Entwicklung und Gesunderhaltung dienen. Doping ist genau das Gegenteil und muss deshalb aus den Sportarenen verbannt werden. Zu begrüßen sind generell alle Schritte der Bundesregierung, die den Kampf gegen Doping forcieren und das nicht nur im Spitzensport. Alle Drogen müssten aus den Fitnesscentern wie dem Leistungssport verbannt werden.


Ist das realistisch?
1908 erschien zum ersten Mal eine Antidopingbestimmung in den Regeln der Olympischen Spiele. 1960 wurde in Rom erstmals bei Olympia ein Rennfahrer Opfer seines Dopingkonsums. Im letzten Herbst gab es das Novum, dass ein deutscher Leichtathlet wegen Dopings nicht zu den Sommerspielen zugelassen und einem anderen wegen Dopings die Goldmedaille wieder abgenommen wurde. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Doch trotzdem muss weiter gekämpft werden, das sind wir gerade den Athleten im Hinblick auf ihre Gesundheit schuldig.


Die deutsche Mannschaft erfüllte bei den Spielen in Sydney bei weitem nicht die Erwartungen. Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist sogar eine stete Abwärtsentwicklung in der Medaillenausbeute erkennbar. Welche Ursachen sehen Sie für diesen Trend?
Ein abendfüllendes Thema. Nur so viel: 65 % der Mitglieder der deutschen Olympiamannschaft in Sydney haben ihre sportliche Ausbildung im Osten bekommen. Schaut man die Medaillenstatistik an, haben die Sportler mit Ost-Hintergrund 31 gewonnen, darunter zehnmal Gold. Die deutsche "Rest-Mannschaft" stellte vier Olympiasieger, kam auf insgesamt 26 Medaillen, wobei die für Marc Leipold sogar dabei ist. Es liegt mir fern, Schadenfreude darüber zu empfinden. Doch es zeigt ganz klar, welche Versäumnisse es in den letzten Jahren im Sport gegeben hat. Für Veränderungen braucht es einen langen Atem. Es kann aber zum Beispiel nicht angehen, dass in deutschen Schulen dem einzigen Bewegungsfach, dem Sport, seit Jahrzehnten immer weniger Zeit zugebilligt wird, eine ganze Nation nach und nach träge und krank wird.


Ausgebildete Fachkräfte muss es doch aber noch genügend geben. Was und vor allem wo arbeiten heute die Trainer, die vor zwölf Jahren noch in der DDR Athleten betreuten und in die Weltelite führten?
DDR-Trainer, die zu Hause nicht gebraucht oder aussortiert wurden, zeichnen heute in aller Herren Länder für Medaillengewinner verantwortlich, werden dort hoch dekoriert und geschätzt. Noch eine Bemerkung: die Aktiven in den Olympiamannschaften trifft die wenigste Schuld an diesem Negativtrend.


Wir bedanken uns für das Interview, wünschen Ihnen alles Gute und, dass Sie Ihre Vorhaben in die Tat umsetzen können.
Ich habe zu danken. Fragen Sie mich wieder - zu meinem 80.



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