Das Arbeiten in dieser, wie in jeder anderen BVJ-Klasse ähnelt einem Balanceakt
mit einem Windspiel, einem Mobile, bei dem die einzelnen Elemente unsichtbar
miteinander verbunden sind und auf jeden Windhauch mit unruhigen Bewegungen reagieren.
Ein Balanceakt auf einem Drahtseil.
Das Seil beginnt im September und endet im Juli.
Die Richtung ist unumstößlich vorgegeben.
Ich bin der Artist, der versucht, auf dem Seil in Richtung Juli zu balancieren.
Über mir halte ich eine Stange, die all die sich auf dem Weg Befindlichen unsichtbar miteinander verbindet.
Diese Stange ist die Klasse.
Die Klasse besteht aus einzelnen Schülern, die sich je nach Entwicklung, Reife, Vorkenntnis,
sozialer Prägung, ... lose auf der Stange Platz suchen.
Die Schüler können sich auf dieser Balancestange frei bewegen.
Zum Beginn unserer Reise über das Seil ist es meine Aufgabe,
die Klasse in Balance zu bringen und diese zu halten.
Aber schon bald muss jeder Einzelne lernen, sich so zu bewegen, dass dieses zerbrechliche,
hoch komplizierte soziale Gebilde Bestand hat und alle sicher im Juli ankommen.
Es ist mir nicht möglich, oder nur mit übermäßigem Kraftaufwand,
die Stange allein auszubalancieren und bis ans erfolgreiche Ende zu bringen.
Wenn nach dem ersten Viertel der Strecke nicht die Mehrheit der Schüler daran mitarbeitet,
kann das ganze Windspiel in sich zusammenstürzen.
Wenn einzelne Schüler sich zu weit an den Rand dieses unstabilen Systems wagen,
dann laufen sie Gefahr abzustürzen.
Dies kann ich allein nicht verhindern.
Denn es ist leicht möglich, beim Retten eines Einzelnen, der sich leichtsinnig in Gefahr begibt,
dass die ganze "Mission" scheitert.
Thomas Börner, Fachlehrer am BSZ für Technik und Wirtschaft in Freiberg
in: Schriftliche Arbeit zum Erwerb der Lehrbefähigung, Seite 1, Mai 2008 |