Nach 0:3 zur Pause zum 5:3-Sieg


Deutschland - Ungarn   5 : 3 (0 : 3)

Dresden, am 28. September 1930

Deutschland: Willibald Kreß (SG Rot-Weiß Frankfurt) - Franz Schütz (Eintracht Frankfurt), Theodor Burkhardt (FC Germania Brötzingen), Konrad Heidkamp (FC Bayern München) - Heinrich Hergert (FK 03 Pirmasens), Ludwig Lachner (TSV 1860 München), Ludwig Leinberger (SpVgg Greuther Fürth) - Ernst Albrecht (Fortuna Düsseldorf), Johannes Ludwig (Holstein Kiel), Richard Hofmann (Dresdner SC 1898), Ludwig Hofmann (FC Bayern München).

Ungarn: Ignác Amsel (ab 85. János Aknai-Acht) - Gyula Mándi-Mandl, Lajos Korányi, Antal Laki-Lyka, Gábor Kompóti-Kléber, Elemér Berkessy, Albert Török, József Takacs, József Turay, Gyula Barátky, Pál Titkos.

Tore:  
0:1   József Takács (29.)
0:2   József Takács (35.)
0:3   József Takács (40.)
1:3   Richard Hofmann (59.)
2:3   Ludwig Hofmann (61.)
3:3   Johann Ludwig (73.)
4:3   Ludwig Lachner (78.)
5:3   Ludwig Hofmann (86.)
Zuschauer:   50.000 im Dresdener Ostragehege
Artikel in der ´Dresdner Volkszeitung´ vom 29.9.1930 - Teil 1 Artikel in der ´Dresdner Volkszeitung´ vom 29.9.1930 - Teil 2

Deutschland gegen Ungarn

Deutschland schlug Ungarn 5:3
Erste Zeit 3:0 für Ungarn

Dieses Spiel, das anlässlich der tagung des Deutschen Fußball-
bundes in Dresden auf dem Sportplatz des Dresdner Sportklubs im
Ostragehege gestern Sonntag nachmittag stattfand, hatte einen Massen-
besuch aufzuweisen. Man hatte ja eine Bombenreklame gemacht.
Zigarettenfirmen ließen in verschiedenen Stadtvierteln in den Sonn-
tagvormittagstunden Flugblätter und Papierfähnchen für das große
Treffen verbreiten. Aufmärsche, Propagandaläufe, Staffelläufe der
Dresdner Fußballvereine durch die Straßen der Stadt machten das
Volk aufmerksam, das von diesem Treffen bisher noch nichts wußte.
Mit einem Pomp hat man gearbeitet, der kaum zu übertreffen ist.
Vor dem Spielplatz sah es noch schlimmer aus als zur Wahl. Tausende
Flugblätter, in der Hauptsache solche von Sportartikelfirmen, Zigaretten-
firmen, lagen verstreut auf den Straßen und Fußwegen umher.
Menschenknäuel hier und da. Warum? Mit Eintrittskarten wurde
geschachert. Bis zu 10 Mark verlangten die Verkäufer. Einige tausend
falsche Karten sollen verkauft worden sein. Ein Polizeiaufgebot zu
Fuß und zu Pferd auf der Straße zum Sportplatz war zu bemerken
wie am Haupttag zur Vogelwiese. Und auf dem Sportplatz selbst waren
ebenfalls starke Polizeimannschaften.
Pünktlich 15 Uhr kamen die Mannschaften angelaufen. 20 Photo-
graphen empfingen sie. Die ungarische und die deutsche Nationalhymne
wurden gespielt. Generale und andere hohe Offiziere in der ersten
Reihe auf der Tribüne legten die Hände an die Mütze und ein Teil
sang das Deutschlandlied mit. Dann gings los.
Die Deutschen lagen eine Zeitlang viel vor dem Tore der Un-
garn, hatten viele Chancen, verdarben sich diese aber immer, weil ihr
Zuspiel ungenau und ein Sichverstehen nicht zuwege kam. Trotz vielem
Schreien: Tempo! Tempo! Tempo! brachten es die Deutschen zu
nichts. Die größten Kanonen, ehemalige Arbeitersportler, platten auf
die Tore, doch sie trafen nicht. Es gab Enttäuschungen über Ent-
täuschungen über die Deutschen. Ungeschicktes Verhalten einzelner
Spieler wurde durch Zurufe: Raus mit dem, und raus mit dem! laut
kritisiert. Es wurde das zu einem Skandal, der größer und größer
wurde, als die Ungarn, die sehr geschickt in ihren Durchbrüchen waren,
Erfolg um Erfolg buchen konnten. Das Versagen der deutschen Ver-
teidiger erregte Mißfallen. Die neu aufgestellten Leute wurden her-
untergeputzt. Große Nieten! rief man. Der Reichstrainer ist ein
Pfuscher! und andere liebliche Redensarten wurden laut. Dann schrie
wieder ein Teil, wie nur Besessene schreien können, wenn die Deut-
schen wieder einmal günstig operierten und beklatschten die kleinsten
Sachen. Selbst Mätzchen wurden beklatscht. Doch es half und half
nichts. Die Ungarn blieben im Vorteil. Stolz spazierten die ungari-
schen Führer, als die erste Zeit mit 3:0 für Ungarn beendet wurde.
Nach der Pause war es wie zu Anfang. Die Deutschen lagen in
einem fort vor dem Tore der Ungarn. Nur selten hatte der deutsche
Torwart etwas zu tun. Es gab in dieser Zeit, das ist wirklich nicht
zuviel gesagt, eine Meute, die wie eine wilde Horde schrie. Blödsinnig
schrie man Tempo! Tempo! Tempo! Ein großes Gepfeife setzte ein,
wenn die Ungarn den Ball nicht schnell genug ins Feld gaben oder
wenn der Schiedsrichter eine Entscheidung zugunsten der Ungarn fällte.
Es war ein Tohuwabohu. Empfindliche hielten sich die Ohren zu.
Weibliche Personen schrien mit, daß einem der Ekel über solch fanati-
sches Gebaren ankommen konnte. Das Geschrei, das Geheul, das
Gebrüll muß man stundenweit vernommen haben. Die Deutschen
hatten in der zweiten Zeit mehr Glück. Als das erste Tor erzielt war,
das mit minutenlangem Beifall beklatscht wurde, hob sich das Zu-
sammenspiel. In fast gleichmäßigen Abständen wurde ein Tor nach
dem anderen erzielt. Bis zu fünf. Die Ungarn waren enttäuscht. Ihr
Mut sank. So war also der Ausgang: drei Tore in der ersten Zeit für
Ungarn, fünf Tore in der zweiten Zeit für Deutschland.
Das Resultat löste einen ungeheuren Sturm aus. Das Spielfeld
war sofort dichtbevölkert. Die Deutschen wurden hinausgetragen. Ge-
senkten Hauptes zogen die Ungarn ab. Wie sich ein Teil der Zuschauer
benahm, das ist nicht zu beschreiben. Fanatische Menschen waren zu
bemerken, die sich, das ist nicht zuviel behauptet, wie vom Sportteufel
Besessene benahmen. In Amerika kann es kaum anders sein. Die
Meute will Klamauk haben, das wurde denjenigen zur Antwort, die
über das Gebaren der wilden Zuschauerschaft ihre Verwunderung aus-
drückten.
Stolz können die Arbeitersportler auf ihre großen Spielveran-
staltungen sein. Noch nie wurde da ein fanatisches Volk, wie es sich
hier auf dem Platz der Bürgerlichen im Spiel gegen Ungarn zeigte,
bemerkt. Und die großen Spiele der Arbeitersportler können sich, wenn
man von einzelnen Kanonenleistungen absieht, neben denen der Bür-
gerlichen sehr wohl als erstklassige behaupten. Ihren Stolz werden die
Arbeitersportler auch fernerhin darin behaupten, daß sie Sportfanatiker
jederzeit niederhalten. Ob es den Arbeitersportlern in Zukunft ge-
lingen wird, für ihre Spielkultur mehr Interesse zu erwecken? Leb-
haft ist das zu wünschen. Wenn Arbeiter an Spielen, wie dem gestern
gezeigten, Gefallen finden, ist tief bedauerlich.


aus: "Dresdner Volkszeitung" vom 29. September 1930