Einheitsschule

Eine lehrreiche Massenbeobachtung zum Problem der Einheitsschule
Unser gesamtes Schulwesen krankt am Vorherrschen von Standes-
vorurteilen. Der Geldbeutel des Vaters, der Ehrgeiz der Mutter sind
entscheidend für die Wahl der Schule. Statt dessen sollte man allein
auf die Leistungsfähigkeit der Kinder, auf ihre geistigen Gaben sehen.
Begabung aber ist nicht an Stand und Besitz gebunden, sie findet sich
in den niedrigsten Schichten ebenso wie in den mittleren und höchsten.
Darum sollte man  a l l e  Kinder zunächst einige Jahre lang in dieselbe
Schule schicken und später die Sonderung allein nach den Gaben
vornehmen.
Das sind Überzeugungen, die in weiten Kreisen herrschen und
sich immer weiter verbreiten. Wegen ihrer gewaltigen praktischen
Folgen aber bedürfen sie doch wohl eines festeren, wissenschaftlich
haltbareren Grundes, als ihn das Schlagwort zu bieten vermag: "Die
Begabung richtet sich nicht nach dem Geldbeutel!" Gewiss, halb oder
dreiviertel ist der Satz wahr. Jedermann findet wohl Gelegenheit,
einen reichen Hohlkopf oder einen intelligenten Hungerleider zu sehen.
Aber ist damit schon entschieden, ob diese Erscheinungen die Regel
bilden oder die Ausnahme? Weiß man damit schon etwas über den
Prozentsatz der Begabten in den verschiedenen sozialen Schichten?
Gibt jene vereinzelt oder auch mehrfach gemachte Beobachtung schon
das Recht, schlankweg zu sagen: Zwischen der finanziellen Leistungs-
fähigkeit der Eltern und der geistigen Leistungsfähigkeit der Kinder
besteht keinerlei Zusammenhang, und der Prozentsatz der Intelligenten
ist in den untersten Schichten nicht geringer als in den übrigen? Wenn
man sich dafür wenigstens auf einige Tausend einwandfreier "Intelli-
genzprüfungen" mit wirklich zuverlässigen "Tests" berufen könnte!
Aber davon ist bisher, mir wenigstens, nichts bekannt geworden. Es
würde auch für sich allein noch nichts Entscheidendes beweisen, denn
auch gleiche Intelligenzen sind und bleiben, wie jedermann beobachten
kann, nicht gleich bildsam, wenn sie sich unter ganz verschiedenen häus-
lichen Verhältnissen enthalten müssen. Wirklich wissenschaftlich be-
gründete Klarheit über unsere Frage kann meines Erachtens nur durch
Massenexperimente gewonnen werden, die sich auf Tausende von
Kindern verschiedener Schichten beziehen und durch Jahre fortgesetzt
werden müssten.
Ein Massenexperiment dieser Art liegt vor; und zwar
nicht ein zum Zweck des Beobachtens angestelltes, sondern eins, das
durch besondere historische Verhältnisse absichtslos geworden und darum
wohl um so zuverlässiger ist. Vielleicht ist es einzig in dieser Art und
jedenfalls wert, gründlich bedacht zu werden. Die Volks- und Bürger-
schulen der Stadt Rostock in ihrer Gesamtheit liefern dies Beispiel.
Die Stadt hat vier Bürgerschulen mit 2788 und sechs Volksschulen
mit 3351 Kindern, dazu eine Hilfsschule (mit 132 Kindern), die hier
außer Betracht bleibt. Beide Schularten unterscheiden sich lediglich durch
die Höhe des Schulgeldes und demgemäß durch die häuslichen Ver-
hältnisse, aus denen ihre Schüler kommen. Ob diese auffallende
Erscheinung berechtigt und wie sie historisch geworden ist, das steht
hier zunächst nicht zur Frage. Wir haben es einstweilen lediglich
mit Tatsachen zu tun. Und die liegen so: Volksschulen und Bürger-
schulen sind in Rostock völlig gleich organisiert, nämlich mit acht auf-
steigenden Klassen; sie haben genau denselben Lehrplan, die gleiche
Klassenfrequenzen, die gleichen Lehrmittel, gleichwertige und gleichbesoldete
Lehrkräfte und dieselbe Leitung. In den Volksschulen aber beträgt
das Schulgeld 4 - 8 Mark jährlich, in den Bürgerschulen 16 - 28 Mark,
abgesehen von den Freistellen, die in beiden Schularten 10 Prozent
der Schülerzahl betragen. Verschieden ist also einzig und allein die
finanzielle Leistungsfähigkeit und, was gewiss besonders beachtet zu
werden verdient, die Leistungswilligkeit der Eltern.
Nach der Theorie der Einheitsschulfreunde müssten unter diesen
Umständen die Unterrichtserfolge unsere Volks- und Bürgerschulen
im Großen und Ganzen durchaus dieselben sein. Die Wirklichkeit aber
will mit jener Theorie nicht stimmen. Denn im Durchschnitt der drei
letzten Jahre war der Prozentsatz der Kinder, welche aus der obersten
Klasse ihrer Schule entlassen wurden, bei den Bürgerschulen gut
doppelt so groß als bei den Volksschulen. Diese Tatsache ist da
und lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Jeder Nachdenkliche wird
das Verlangen haben, sie sich zu erklären. Da auf beiden Seiten
restlos alle Faktoren gleich waren bis auf das Schulgeld, so dürfte
es keine Möglichkeit geben, folgenden Schlüssen auszuweichen: dass
die Begabung nichts mit dem Geldbeutel zu tun habe, ist ein Satz,
der nur für mehr oder minder zahlreiche Einzelfälle zutrifft, aufs
Ganze gesehen und als allgemeine Regel angewandt, ist er falsch;
zwischen der Fähigkeit und Willigkeit des Elternhauses, für die Aus-
bildung seiner Kinder Opfer zu bringen, und der Leistungsfähigkeit
dieser Kinder in der Schule besteht vielmehr, wieder von Ausnahmen
abgesehen, ein sehr deutlicher und stark in die Erscheinung tretender
Zusammenhang. Ob man Erklärungen hierfür zu finden vermag oder
nicht, tut nichts zur Sache. Der unvoreingenommene Beobachter der
Wirklichkeit wird sie unschwer finden. Aber auch wer sie nicht zu sehen
oder anzuerkennen vermag, muss doch die Tatsachen stehen lassen.
Und er sollte dann auch wohl soviel Sinn für Recht und Billigkeit
haben, um nicht die Bildungsfähigeren durch gewaltsame Zusammen-
kopplung mit Schwächeren künstlich zurückzuhalten, und das alles
gegen den klar erkennbaren Wunsch der Nächstbeteiligten, nur einer
Parteilehre und einer wissenschaftlich nicht haltbaren Theorie zuliebe*.
Rostock               Adolf Sellschopp.
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*Mir ist dieses Resultat nicht im geringsten verwunderlich.
Denn man mag sagen, was man will: Mit den Mitteln, sich die
Bildungsmöglichkeiten zunutze zu machen, steigt im Allgemeinen auch die
Bildung, steigt auch das Verlangen der Eltern, etwas an ihre
Kinder zu wenden, sowie das Interesse an deren Fortschritten in der
Schule. Ob die von den Vorkämpfern der "allgemeinen Volksschule",
jetzt wohlklingender "nationale Einheitsschule" genannt, erhofften Vor-
teile eintreten würden, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, dass die Kinder
der besser gebildeten Kreise unter der steten Rücksicht auf die schwer
mitzuschleppende Masse schwere Nachteile davontragen würden. Redaktion.
Artikel vom 13. Februar 1914 "Allgemeine Deutsche Lehrerzeitung" vom 13. Februar 1914

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