Die Stadt Dresden hält Gericht

am 13.10.1417


Steinrelief mit dem Pranger der Stadt
Steinrelief am Altmarkt, das auf den hier im Mittelalter stehenden Pranger verweist.
Im Buch "Aus der Heimat - Geschichten, Schilderungen und Beschreibungen von Dresden und seiner Umgebung" beschreiben K. Döring, W. Jahn und P. Müller auf den Seiten 15 bis 17 eine Gerichtsverhandlung:

Urteil und Recht


Die große Glocke der Kirche zum heiligen Kreuz verkündet schon die elfte Stunde. In der großen Gerichtsstube des Rathauses sitzen der Richter und sieben Schöffen bereits an der langen Tafel, auf der neben allerlei Pergamenten ein großes Kruzifix als einziger Schmuck steht.
Mertyn Kynast, der als Bürgermeister der Stadt zugleich das Richteramt zu führen hat, wendet sich zu seinem Nachbar, dem Stadtschreiber Thomas, und sagt, auf ein großes Pergament zeigend: "Leset, Herr Stadtschreiber, dass kund werde, was wir heute zu raten, rechten und richten haben!" Der Angeredete erhebt sich und beginnt: "Es sind verklagt:

1. Die Torfmyden ob ihres Unglaubens und weil sie an Hexen glaubt;
2. Gregor Leffeler, weil er Kirchenraub ausgeführt und ein Münzfälscher ist;
3. Niclaus Romchen, der ein Dieb und ein Müßiggänger ist;
4. Hans Hertel wegen Friedensbruch und schlimmer Tätlichkeiten, die er in der Schenkstube des Ratskellers ausgeübt hat;
5. Marte Weiczel, die eine Zänkerin und Verleumderin ist;
6. Pauwel Donyn als Säufer und Nachtschwärmer."

Peter Cluge, der als Fronvogt alle Übeltäter pflichtgemäß in sicherem Gewhrsam in den unterirdischen Verliesen am Wilsdruffer Tore zu halten hat, steht schon mit den Angeklagten, die fünf Stadtknechte bewachen, vor der Türe. Die Gefangenen sind bleich geworden durch die lange und finstre Haft, die sie bei Wasser und Brot bis heute verbringen mussten. Nur während der Vorverhöre hatten sie einige Stunden außerhalb ihrer Kerker zugebracht, aber das war auch keine gute Zeit gewesen; denn auf ihrem Wege vom Gefängnisse bis zum Rathause hatten sie genugsam Hohn und Spott und Schimpfwort vom Volk der Straße hören müssen. Die Ketten, mit denen ihre Hände geschlossen sind, klirren bei jeder Bewegung, und das umherirrende Suchen ihrer Augen verkündet lebhaft genug die Angst vor dem Richterspruch. Es werden harte Strafen sein, die sie treffen, harte und grausame; denn es gilt nicht zu bessern, sondern zu sühnen und andre Übeltäter abzuschrecken.
Ein lauter Ruf des Richters klingt durch die Türe; der Fronvogt öffnet, Wächter und Gefangene treten ein. "Torfmyden von der Brüdergasse, tretet vor!", ruft der Richter. Langsam schreitet die Verklagte bis zur Mitte der Stube. Dann ruft er weiter: "Leffeler, Romchen, Hertel, Weiczel, Donyn!" So stehen sie endlich alle, eins neben dem andern, vor ihren gestrengen Richtern, um das Urteil zu empfangen. Der Richter und seine Schöffen haben sich von ihren Stühlen erhoben. Der Stadtschreiber überreicht das Pergament dem Richter. Dieser wirft noch einen Blick auf die Angeklagten, dann beginnt er zu lesen: "Im Namen der heiligen Dreifaltigkeit! Nachdem ihr in früheren Verhören durch gute Bürgschaften und Zeugen eurer Schand- und Übeltaten überwiesen und überführt seid, nachdem ihr auch zugestanden habt, wessen ihr hier angeklagt, ihr, Gregor Leffeler, freilich erst, nachdem euch die hochnotpeinliche Frage mit Daumenschrauben und glühenden Zangen in der Folterkammer eure verstockte Zunge gelöst hat, höret unser Urteil, wie solches zu geben ist nach altem Herkommen und verbrieftem Recht:
"Die Torfmyden wird aus der Stadt mit Ruten gepeitscht; bei Todesstrafe darf sie das Weichbild nicht mehr betreten für ewige Zeiten; ihr Haus soll dem Fürsten des Landes als Eigentum zufallen;
Gregor Leffeler soll um seiner doppelten Übeltat willen erst mit glühendem Eisen gebrannt, danach am Galgen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden;
Niclaus Romchen wird als Dieb gehängt;
Hans Hertel werde die rechte Hand, mit der er friedliebende Bürger geschlagen und misshandelt hat, durch den Henker unter dem Galgen abgehauen; darnach soll er die Stadt verlassen und bei Todesstrafe nicht wiederkommen;
Marte Weiczel wird der Henker ein Schandmal auf die Stirne brennen, damit jedermann sehen kann, dass ein böser Geist ihre Zunge regiert;
Donyn, der Säufer und Nachtschwärmer, soll acht Tage lang von mittags 11 bis 1 Uhr in das Narrenhäuschen am Frauentor gesperrt werden, damit sein lästerlicher Wandel allem Volke kund werde!"

Totenbleich und mit verzerrtem Antlitz traten die Verurteilten auf einen Wink des Fronvogts bis zur Türe zurück.
Dann schlug der Richter dreimal mit einem hölzernen Klopfer auf den Tisch und sprach mit erhobener Stimme: "Und unser Urteil, so wir jetzt gesprochen, werde morgen ausgeführt nach der Reihe der Verurteilten! Die des Todes Schuldigen, Leffeler und Romchen, mögen heute essen und trinken, was sie begehren; es ist die Henkersmahlzeit, die ihnen zusteht nach uraltem Herkommen und Gebrauch! Peter Cluge, führt die Verurteilten in ihre Kerker! - Und ihr, Stadtschreiber Thomas, verordnet, dass der Bürgerschaft noch heute durch Ausruf der Stadtknechte kund werde, wie wir geurteilt haben, und dass morgen ein jeder kann Zeuge sein, wie wir richten!" -
Die Verurteilten werden abgeführt. Darnach verließ auch der Richter mit den Schöffen die Gerichtsstube. Nur der Stadtschreiber blieb zurück und schrieb noch emsig den Verlauf der heutigen Sitzung nieder. Endlich hatte er den letzten Satz in das Urteilbuch eingeschrieben: "So geschehen am 13. Oktober im Jahre des Heils 1417 nach unsers Herrn und Heilands Geburt." -
Auge um Auge! Zahn um Zahn! Blut um Blut! So sprach man Urteil und Recht in jenen Zeiten! Es hat lange gedauert, ehe das Bildnis des Heilands, das durch Jahrhunderte bis auf unsre Zeit die Gerichtsstube geweiht hat, einen versöhnenden Glanz auch auf das Recht und das Urteil der Richter warf. Noch waren z. B. bis ins 18. Jahrhundert (1770) in unserer Stadt Folter und Scheiterhaufen beim Rechtsverfahren nichts Außergewöhnliches. -

Artikel der ´Sächsischen Zeitung´ vom 6. Dezember 2014
aus: "Sächsischen Zeitung" vom 6. Dezember 2014

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