Sachsen wird Kurfürstentum

Sachsen, am 1. August 1420

aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 320
Friedrich war ein recht tapferer Held, aber kein Staatsmann, darum mischte
er sich gern in alle Händel, was allerdings für sein Land keine Wohlthat war. Wie
das meiste Schlimme in der Welt durch die Pfaffen hergekommen ist, so auch der
furchtbare Hussitenkrieg. Die Costnitzer Kirchenversammlung hatte in ihrer übermüthigen
Verblendung den freisinnigen Johannes Huß lebendig verbrannt, die Böhmen
wütheten ob dieser zum Himmel schreienden Schandthat, sammelten sich um den
gewaltigen Ziska, der ihnen die Losung gab: "Lasset uns diese gemästeten Schweine
aus ihren Schweineställen heraus jagen" ... und sie nun gegen die reichen Prälaten
und Orden der römischen Kirche führte. Friedrich der Streitbare erklärte sich zu
ihrem Feinde und den Lohn, den er errang, war, daß ihn, der für den Kaiser und
die römische Kirche viele Tausende seiner Meißner in den Kämpfen gegen die
Hussiten geopfert hatte, der Erstere am 1. August 1420 die Kur- und Erzmarschallamts-
würde verlieh. So war denn Sachsen ein Kurfürstenthum geworden; aber in welcher
Zeit! An den Grenzen des Landes stand das von Rache und Fanatismus entmenschte
Heer der Hussiten, begierig des Augenblickes wartend, wo es durch Greuel und
Unthaten sich ein unvergänglich Denkmal im Meißner Lande stiften könnte. Die
Angst vor diesen Wütherichen war so groß, wie der Leser sich aus der Schilderung
der Schicksale Freibergs erinnern wird, man die Leiche Friedrich des Streitbaren im
Meißner Dom an unbekannter Stelle begrub, um sie zu sichern vor der Grabschänderei
dieser wilden Feinde. Das große Erbe fiel seinen vier Kindern zu. Friedrich der
Sanftmüthige beherrschte als ältester Prinz nicht nur das Kurland allein, sondern
auch das Uebrige im Namen seiner jüngeren Brüder Sigismund, Heinrich und
Wilhelm, was zum Glück die Zerstückelung des Landes (die damals gewöhnliche
Erbtheilung) vor der Hand aufhielt.


aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seite 320