Der sächische Bruderkrieg

1446 – 1451


aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 152
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 153 aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 154
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 155
Friedrich der Streibare, vom Kaiser für getreue Dienste gegen die Hussiten, mit
der Kurfürstenwürde von Sachsen belohnt, hinterließ seinen beiden Söhnen, dem
Kurfürst Friedrich dem Sanftmüthigen und dem Herzog Wilhelm von Sachsen sein
Land, welches beide 17 Jahre lang in friedlicher Gesellschaft regierten. Da aber
ging ein böses Zwietrachtsfeuer zwischen ihnen auf und machte sie zu Feinden. Der
den Zwietrachtssaamen streute, war der Besitzer des Kriebsteins, Apel Vitzthum von
Apolda, Rathgeber des Herzogs Wilhelm, ein Mann, der den Bruder seines Herrn,
dem ehrlichen, biederherzigen Kurfürsten Friedrich gram war. Durch Apels Ein-
flüsterungen wurde Herzog Wilhelm verleitet, eine Theilung der Länder von seinem
Bruder, dem Kurfürsten, zu fordern, worauf dieser, stets milden Sinnes, einging.
Wahrscheinlich trachtete Apel darnach, den Herzog, seinen Herrn, in arge Feindschaft
mit dem Kurfürsten zu verwickeln, damit Derselbe Herr sämmtlicher Lande würde, und er, der Rathgeber, dann einer der bedeutendsten Männer im Lande. Wie
oft sind gütliche Vergleiche nicht die Ursachen der grimmigsten Feindschaften! Denn
immer ist der Gedanke an ein "Zukurzkommen" dabei Einem oder dem Andern der
Verglichenen leicht in die Seele zu blasen. Apel versuchte diese Kunst jedenfalls
nicht ohne Erfolg bei seinem Herrn und äußerte sich auf freche empörende Weise
laut über den Kurfürsten, der es seiner hohen Würde schuldig war, an dem Lästerer
ein Strafbeispiel zu geben.

Apel war ein reicher Grundherr, der sowohl in Thüringen als im Meißnerlande
große Güter und Schlösser hatte und deshalb schickte der Kurfürst eine bedeutende
Schaar Kriegsleute aus, um das Schloß Roßla zu zerstören und womöglich, sich bei
dieser Gelegenheit Apels selbst zu bemächtigen. Herzog Wilhelm schlug sich aber
ins Mittel und verständigte sich dahin mit seinem Bruder, dem Kurfürsten, daß er
demselben versprach, Apeln ins Künftige von seinem Hofe fern zu halten. Indeß
scheint es nicht, als ob Herzog Wilhelm dies Versprechen ängstlich gehalten hätte,
denn sein Ohr gehörte beständig dem nun gegen den Kurfürsten nur noch mehr
erbitterten Apel, der abermals einen Plan ersann, um die beiden fürstlichen Brüder
zu entzweien. Der Herzog feierte eben zu Jena seine Vermählung mit Anna, der
Tochter des Kaisers Albert. Da brachte Apel das Gerücht in Umlauf, der Kurfürst
nahe sich mit einem Heere, um seinen Bruder, den Herzog, sammt dessen Hochzeits-
gäste zu überfallen. Der eben so leichtgläubige als jähzornige Herzog beschloß sogleich
seinem Bruder die Spitze zu bieten und rückte daher mit Truppen ihm entgegen.
Apel hatte jedoch dafür gesorgt, daß dasselbe Gerücht, nur verdreht, daß Herzog
Wilhelm ihm zu Leibe wolle, dem Kurfürsten zu Ohr kam. In jener Zeit war nicht
lange zu säumen, denn das Faustrecht oder das des Stärkeren war bei jeder Unter-
nehmung solcher Art entscheidend, und so rückte, ebenfalls getäuscht, der Kurfürst mit
Truppenmacht dem Herzog sogleich entgegen. Der Bruderkrieg war also angefacht.
Herzog Wilhelm bemächtigte sich ohne Weiteres aller Güter der Ritter, welche zum
Kurfürsten hielten und viele derselben wurden zerstört. Unter diesen zerstörten Gütern
befanden sich auch die des Ritters Kunz von Kauffungen, eines Mannes, der eine
Zierde damaliger Ritterschaft, aber auch ein von wilder Leidenschaft und Hang zu
eigenmächtiger Selbsthilfe leicht geneigter Charakter war.

Wohl wissend, daß Niemand Anderer diesen unseligen Bruderzwist ins Leben
gerufen habe, als der verleumderische haßsüchtige Apel, nahm der Kurfürst an dessen
im Meißnerlande gelegene Besitzungen Repressalien und Kriebstein nebst den dazu
gehörenden Gütern Schweikartshain und Ehrenberg fielen in seine Gewalt. Während
der Krieg fortdauerte, lieh der Kurfürst an den in so schweren Verlust gerathenen
Kauffungen Kriebstein nebst den genannten Gütern zu einstweiliger Benutzung, um
ihn für seine zerstörten Güter zu entschädigen, bis er ihm diese wieder verschafft haben
werde. Daß diese Güterbenutzung nur einstweilige Entschädigung und nicht Schenkung
derselben sein sollte, bezeugte folgender urkundlich ausgestellter Revers des genannten
Ritters.

Cuntz Kauffungs Schein und Revers

wegen des

ad interim eingethanen Guts Swickers-Hayn und Zugehörigen.

Ich Cuntz von Kauffungen zu Koffungen gesessen, bekenne offentlichen mit diesem
meinem offen Brieve, gen allermenniglich, die ihn sehen oder hören lesen, Als der
Durchlauchtigste Fürst und Herr, Herr Friedrich, Herzog zu Sachsen, des heiligen
römischen Reichs Ertz Marschalch, Landgrafen in Düringen und Markgraf zu Meißen,
mein gnädiger lieber Herr, durch seinen Voit zu Ließenigk (Vogt zu Leisnig), die
Güter und Dörffer von Apeln Vitzthums zu Thanrode gen Kriensteine (Kriebstein)
gehörende, als Swickers-Hayn mit den andern und der Frauen von Apels obgenannt
Mutter zu Leibgedinge nicht verschrieben sind, an mich hat lassen weisen und gewere
setzen, der nach meinem nutze und Nothdurfft zu gebrauchen, bis so lange, daß mir
Seine Fürstliche Gnade eines Rechtlichen oder gütlichen Austrags meiner Sachen
gegen Ern (Herrn) Apel hat geholfen, Darum habe ich seinen Fürstlichen Gnaden
mit Hand gebenden treuen, an eines rechten eydes statt gelobet und versprochen,
so wie die Sachen gegen von Apeln, in obgeschriebener maßen, durch seine Gnade
oder die seinen eines Rechtlichen oder gütlichen Austrags wirdet gehülffen und die
zu ende bracht; Alsdenne soll und will ich dieselben Güter und Dörffer Swickers-
Hayn mit den andern zum Kriensteine gehörende und der Frauen zum Leibgedinge
nicht verschrieben sind, Seiner Gnaden williglich und lediglich wieder abetreten, die ohne
alle wiederrede einreumen und mich der gäntzlichen (Berechtigung) wieder verzeihen und
außer alle argelist hierinnen gantz ausgescheiden. Des zu warer Urkund habe ich obge-
nannter Conrad von Kauffungen mein Insiegel für mich und meine Erben, für die ich
mich hierinnen mit verschreibe, mit rechten Wissen an diesen Brieff lassen drucken, der
gegeben ist zu Meißen, nach Christs Gebuhrt LIIII und darnach in den ccccten
Jaren, am Sonnabende in der heiligen Osterwochen.

Laut dieser Urkunde waren also die genannten Güter nur geliehen, nicht ver-
liehen, getauscht oder geschenkt von Seiten des Kurfürsten, dem Kauffungen sie
zurückzugeben gelobte, so bald er sich wieder in den Besitz seiner eigenthümlichen, durch
Herzog Wilhelm zerstörten Güter gebracht sah. Dieser Zeitpunkt blieb noch einige
Jahre aus, da der Bruderkrieg immer noch forttobte. Indeß allmählig kam Herzog
Wilhelm doch zur Einsicht, daß Apel von Vitzthum ein sehr schlechter Rathgeber
gewesen und er allein der Urheber des unseligen Bruderzwists sei. Dieser Erkenntniß
zufolge schloß er mit dem Kurfürsten, dem ihm so willig verzeihenden und gern ver-
söhnlichen Bruder, 1450 Frieden, bei welchem ausgemacht wurde, daß die Apel von
Vitzthum´sche Familie aus Wilhelms Ländern vertrieben werde. Dies ging jedoch
nicht so leicht und schnell. Apel mußte erst gewaltsam aus dem Besitz der ihm zur
Verwaltung übergebenen Güter (unter die auch die Kauffungschen gehörten) vertrieben
werden. Als dies geschehen, flüchtete er nach Böhmen, von wo aus er eine Menge
Ränke gegen den Kurfürsten und dessen Bruder spann. Sein Tod erst machte diesen
Bestrebungen ein Ende. Indeß hatte sich für den Kurfürsten abermals ein Aergerniß
entsponnen, welches gleich einem Vermächtnisse des bösen landflüchtigen Apels fort-
wuchernd, Böses gebar. Kunz von Kauffungen hatte die ihm zur einstweiligen
Nutzung überlassenen Vitzthum´schen Güter, namentlich Schwickershain, das er zu
einem der stattlichsten Rittersitze mit Aufwand vielen Geldes ausgebaut hatte, so lieb
gewonnen, daß er sich nicht davon trennen wollte, als ihm seine eigenthümlichen
Güter in Thüringen wieder zurückgegeben wurden. Unter allerlei Vorwänden ver-
weigerte er die Herausgabe der ihm bisher anvertrauten Vitzthum´schen Besitzungen,
im Meißnischen.

War auch sein Ansinnen ganz im Geiste jener hochfahrenden Anmaßungsweise
wie sie in jenen Zeiten gar nicht als seltene Ausnahme erschien, so hatte er doch
auch etwas für sich. Unter seiner Hand und Aussicht, mit seinem Gelde waren die
ihm bis dahin überlassenen Güter schön und höher nutzbar geworden, ein Umstand,
der ihn wohl befähigte, Anspruch auf Entschädigung zu machen, zumal dies bei seinen
ihm zurückgegebenen Gütern wahrscheinlich nicht der Fall war. Der Kurfürst überließ
die Entscheidung dem Ausspruch eines unparteiischen Gerichtes, welches gegen Kunz
von Kauffungen entschied. Da sich dieser aber dieser Entscheidung nicht fügen und
die Vitzthum´schen Güter nicht eher als nach befiedigter Forderung an den Kurfürsten
herausgeben wollte, so wurde er zu deren Herausgabe gewaltsam gezwungen, ein
Akt, der den leidenschaftlich auf seinen vermeintlichen Rechtsanspruch fußenden Mann
zu dem höchsten Grade des Zornes trieb, der es als seine unerläßlichste Pflicht für
seine Ehre als Ritter hielt, Gewaltthat mit Gewaltthat zu vergelten und dem
Kurfürsten seine beiden jungen Söhne entführte, um ihn auf diese, allerdings sehr
räuberische Weise zur Nachgiebigkeit zu zwingen. Es ist allbekannt, daß dieser
Prinzenraub sein Leben kostete, indeß weniger ist es bekannt, daß ein Theil des
sächsischen Adels in bedeutende Mißstimmung über die Vollziehung dieses Todesurtheils
an einem Mann aus seinem Kreise gerieth, die sich nicht sogleich beschwichtigen ließ,
weil man Kunz als das gefallene Opfer einer Partei betrachtete und überhaupt dem
Fürsten nicht gern das Recht zugestand Rittersleute am Leben zu strafen. Zumeist
war es wohl vorzüglich der Groll gekränkter Ehre, daß der Kurfürst den Ritter dem
Urtheil der Freiberger Schöppen überliefert hatte, in deren Adern ja kein adlicher
Blutstropfen floß.

aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 152 – 155