Zittaus Bürgermeister Hans Pabst wird hingerichtet

Zittau, im Dezember 1495


Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 196 b

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Hans Pabst, ein reicher Tuchmacher, war die Seele einer Verschwörung,
welche sich in nächtlichen geheimen Versammlungen, die bei Gregor Worbiß unweit
der Burgmühle, beim Fleischer Kaiser, beim Goldschmidt Caspar Bogner, beim
Tuchmacher Caspar Prediger, vorzüglich auf der Queckwiese (zwischen der Frauen-
kirche und dem Schießhause) abgehalten wurden, heran bildete. Von ihrem Ver-
sammlungsort, die Queckwiese, bekamen sie den Namen (oder nannten sich vielleicht
selbst so): Wiesenherren. Der Rath soll auch von guten Bürgern mancherlei Winke
über dieses unterm Mantel des Geheimnisses schleichende Unheil erhalten, sich aber
durch den Schein der Ergebenheit von Seiten ihrer Gegner haben täuschen lassen.
Und wahrlich der böse Geist des Aufruhrs entwuchs nur allzuschnell seinen Kinder-
schuhen und wurde zum Alles verschlingenden Ungeheuer. Bald zeigten ihre
Aeußerungen, wie ihre Forderungen an den Rath, was zu erwarten stand. Wie ein
Mann wollten sie gegen den Rath stehen, er solle keine Heimlichkeiten haben, der
Bürgermeister sei nicht ihr Schulmeister, der Rath dürfe, ohne Vorwissen der Bürger
nichts eigenmächtig untersiegeln, die von ihm gewählten Handwerkstältesten taugten
ihnen nicht, sie selbst wollten dies Recht ausüben und wählten "die unartigsten und
aufrührerischsten", welche so roh waren, daß sie die vom Rathe Gewählten, "in
Stücke zu zerhauen" drohten. Der Unfug gedieh bald noch weiter, denn sie drangen
in die Rathssitzungen ein, weil sie "den Handel auch wissen wollten". Der Rath
sollte allemal erst der Commun Einwilligung einholen, wenn er etwas thun wolle.
Besonders aber brachte die von ihnen gegen den Rath erhobene Anklage, daß seine
Glieder von den Commun-Einkünften viel für sich verwendeten, böses Blut.

Das war derselbe Vorwurf, den die über die ihnen aufgebürdeten Abgaben zur
Empörung getriebenen Tuchmacher zu Breslau ihrem Rathe machten, die da sagten,
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die Rathsherren statten ihre Töchter aus dem Communseckel aus, was ihnen aber,
da dieser Aufstand niedergeworfen wurde, den Kopf kostete.

Was in unserem Jahrhunderte erreicht ward, freilich auch nicht, ohne daß
Manche argen Kopfweh davon bekamen, das wollten eigentlich die damaligen Bürger
schon: Oeffentlichkeit, Rechnungsablegung, Abschaffung jeglicher Willkür und
Anerkennung der Mündigkeit der Bürger. Leider überwucherte ihre rohe unbändige
Leidenschaft das Gute, was sie bezweckten. Die Stadträthe mögen böse gewirtschaftet
haben in jener Zeit, denn fanden sie doch noch in den Anfangsdecennien unsers Jahr-
hunderts sich nicht gedrungen zu einer freiwilligen Rechnungsablage.

Der Zittauer Rath befand sich in einer sehr mißlichen Situation, besonder da,
wie es scheint, der Landvoigt von Stein, bei dem die Wiesenherren ihre Klagen
angebracht, nicht der beste Freund des Rathes gewesen zu sein scheint. Man erwartete
seine Ankunft, welche am Tage Kreuzerfindung 1487 erfolgte. Man führte ihn,
während der rath in der rathsstube zu bleiben gezwungen wurde, auf´s Kaufhaus,
zeigte ihm daselbst Weinrechnungen auf Kosten der Gemein-Kasse, an einer Säule
stand mit Kreide angeschrieben: "item ausgetrunken zwei Lagen Mauskatellen, zwei
Lagen Reinfall (ein schwarzrother Wein von Proseca bei Triest), item zwei Lagen
Malvasier, item zwei Lagen rheinischen Wein" und eine lange Rechnung an Butter,
Käse, Zucker, Nelken und Ingwer zum Aufstreuen auf die Speisen - alles aus
dem Rathsseckel d. i. Gemeinkasse bezahlt. Der Landvoigt soll "ein wenig gelächelt"
und dann dem edlen Rathe vorgehalten haben, daß derselbe wohl gerne und gut
gegessen und getrunken, aber an der Stadt allgemeinem Besten leider wenig gebauet
und gebessert hätte. Uebrigens dürften sie froh sein, daß er gekommen sei, denn
sonst hätte man sie erschlagen. Abgesetzt wurde der Bürgermeister Bernt, der Richter
Peter Frech, der Stadtschreiber Steeger, der Unterstadtschreiber Meyer. Ein weit
schlimmeres Schicksal hatte der Rathsmann und Vorsteher der Marienbrüderschaft,
auch Zöllner (wahrscheinlich Einnehmer) Michael Jentzsch.

Von ihm hieß es, er habe auf den König Mathias und den Landvoigt
geschmäht und der Letztere wollte ihn dafür bestraft wissen, weshalb man ihn auf
die Folter brachte, um Geständnisse gegen den Rath ihm abzupressen, welcher mittler-
weilen von mit Schwerten und Spießen bewaffneten Bürgern in der Weinstube
gefangen gehalten wurde. Zugegen bei der Folter des Unglücklichen, der jedenfalls
nur ein Opfer ihrer Bosheit war, befanden sich Hans Pabst, Hans Rothhast
u. A., die sich viel auf die Ehre des Namens "Marterherren" einbildeten. Bewaffnete
umgaben den Unglücklichen, den der Henker auf die Leiter hinaufzog und ihn an
beiden Seiten brannte. Da er keine Geständnisse ablegte, so geboten die Marter-
herren dem Henker, ihm besser zuzusetzen, so lange die Lichter dauerten. Diese
scheußliche Tortur überstand der unglückliche Mann, dem der Henker aus Ungeschick
noch einen Arm zerbrach. Als der Morgen anbrach, nahm man den fast todt
Gefolterten von der Leiter ab. Man denke sich, eine ganze Nacht gefoltert zu werden!
Von einem Geständnisse war keine Rede gewesen. Der Unglückliche ließ sich, als
er der Haft entlassen wurde, nach Löbau bringen, wo er sich beim Bader Philipp
in die Kur begab. Die Löbauer sollen ihm viel Gutes erzeigt haben: auch der
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Bürgermeister Hans Bernt hatte der Stadt Valet gesagt und sich nach Budissin
begeben.

Der Landvoigt hatte seine Genehmigung zur Einsetzung eines neuen Rathes
gegeben; da jetzt aber die Handwerker das große Wort führten, so war die Regierung
der an Stelle Bernt´s nach einander gewählten Bürgermeister: Johann Plawner,
Johann Lußdorf, Balzer Dreiling, eine sehr kurze. Johann Pabst wußte es dahin
zu bringen, daß der neue Rath einstimmig ihn wählte, wozu der Landvoigt gern seine
Zustimmung gab, in der Meinung, nun werde sich der Aufruhr legen. Das aber
war eine Täuschung, die sich bald auf eine ganz unerwartete Art löste. Pabst, nun
an der Spitze des Rathes, wollte regieren als Herr, die Gewalt, die er dem früheren
Rathe entrissen, wollte er jetzt für sich beanspruchen. Vielleicht war er auch der
geeigneteste Mann dazu, die aufrührerischsten Gemüther niederzuhalten, vielleicht war
er nur ein sich im Selbstdünkel überhebender Mann, der zum Regimente nicht die
erforderliche Befähigung und den maßloser Ehrgeiz zu den Feindseligkeiten getrieben,
die er gegen den früheren Rath eingeleitet und vollführt hatte. Wer kann das jetzt
nach Verlauf von bald 400 Jahren entscheiden! Daß er wußte, wo des Uebels
Kern saß, geht aus seinem Befehle hervor: Jeder solle dem Rath gehorchen, ohne
des Raths willen nichts unternehmen, in die Bierhäuser dürfe man nicht massenweise
gehen und die ihres Amtes entsetzten Herren müsse man in Ehren halten. Das
schlug wie Wetterstrahl in die wilden Gemüther.

"Wie?" hieß es, ... "haben wir ihn deswegen gewählt, daß er uns Vorschriften
machen soll, was wir zu thun oder zu lassen haben? Den Herren über uns will er
spielen, wir sollen in Demuth zu ihm aufschauen, er will ein Bürgermeister von der
feinen Sorte sein, die Bürger und Gemeine für gar nichts ansehen. Oh, so weit
kommt´s mit ihm und uns noch lange nicht, wir sind die Herren der Stadt, nicht er."

Der stolze Pabst lernte fühlen, was es auf sich habe, das Haupt einer so
unruhigen Bürgerschaft zu sein. Alle seine früheren Freunde wurden nun seine
erbittertsten Feinde. Er stand immer auf dem Boden eines Vulkan´s, der unter ihm
sich aufthun und ihn zu verschlingen drohte. Endlich verschlang er ihn. Die
Aufsässigkeit der Handwerker nahm so sehr überhand, daß er zu dem einzigen Mittel
griff, das ihm blieb und welches freilich gegen alle Gesetze der Stadt verstieß.
Er rief nämlich den Landvoigt von Stein, seinen Gönner, mit Truppen herbei.
Ehe noch diese Hülfe kam, wurde sein Plan entdeckt, mittels des Landvoigts unter
den Aufrührern Kehraus zu machen. Als Stadtverräther nahm man ihn gefangen
und ehe noch der am kaiserlichen Hofe weilenden Landvoigt zurück war, hatte man
gegen Pabst kurzen Prozeß gemacht und ihm den Tod durch´s Schwert zuerkannt.
Sonnabends nach Weihnachten 1495 wurde er vor dem Rathhause, seinem Hause
gegenüber, enthauptet, sein Leichnam jedoch in der Johanniskirche beim Taufsteine
feierlich beerdigt. Als der Landvoigt kam, war Alles vorüber; aber nun ging´s den
Aufrührern an Kopf und kragen. Der Landvoigt ließ sie in die Thürme setzen.
Nicol Röther, ein wilder roher Gesell, des Aufstandes Haupt und besonderer Anstifter
der Hinrichtung Pabst´s kam in den böhmischen Thorthurm, aus dem ihn seine
bewaffnet daselbst erscheinenden Freunde retten wollten, was jedoch vereitelt wurde.
Sein Kopf sollte dem Urtheilsspruche zufolge fallen. Dieser empfindlichen und durch
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Nichts in der Welt mehr ausgleichenden Execution kam er jedoch zuvor, indem er
sich am Leinenzeuge seines Bettes aus dem Thurme herunterließ, (wobei er jedoch
ein Bein gebrochen haben soll), und mit Hilfe seiner Freunde fortgebracht wurde
nach Gabel, wo er Aufnahme fand. Was später aus diesem wüsten unruhigen
Kopfe geworden, weiß man nicht.

Das Blutspiel war somit vorüber, der gesunde Sinn der bei all´ diesen
revolutionären Treiben unbetheiligt gebliebenen Bürgerschaft, Handwerke und Gemeine
errang schnell die Oberhand, die Wiesenherren, die auf einige Zeit lang sie in so
große Aufregung versetzt, nahmen ein schmähliches Ende, man spottete ihrer an
öffentlichen Orten, verachtete sie sichtlich und Keiner von ihnen wagte es, gegen diese
allgemeine Stimmung sich zu rechtfertigen. Sie verschollen; Zittau aber hatte durch
diese Vorgänge eine solche Scheu vor Aufständen bekommen, daß über ein Jahrhundert
hinaus keine Menschenseele einem derartigen Gedanken bei sich Raum gab. Alles
war in Einigkeit, Ruhe und Friede, Rath und Bürger, so daß in einem Raths-
protokoll aus der Mitte des Reformationsjahrhunderts zu lesen ist: Es ist auf Erden
nichts Augenlustigeres anzusehen, als eine ehrliche Bürgerschaft, die mit dem Rathe
in Gottesfurcht still und friedlich sich betrage, da Alles einträchtig zugehe, Zucht,
Furcht und Gehorsam zu finden. Vielleicht war dies nicht nur die Wirkung der
Lehre, die sich die Zittauer aus dem Pabst´schen Aufstand und dessen Ende genommen,
sondern auch des starken kräftigen Regiments ihrer Bürgermeister.
aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 219 – 222