Der Auszug der Franziskaner aus Chemnitz

Chemnitz, 19. April 1540


Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 164 b

Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 163
Die
Chemnitzer nahmen sehr großen Antheil an der Reform Luthers. Ueberhaupt scheinen
die Chemnitzer zu keiner Zeit finsteren Geistes gewesen zu sein und fielen sogleich der
Lehre Luthers zu, als Herzog Heinrich der Fromme im Juli 1539, nach seines
Bruders Georgs des Bärtigen Tode, das Land als rechtmäßiges Erbe ihm zugefallen,
dieselbe feierlich einführte. Dieser Wendung erlagen, wie schon erwähnt, die Franzis-
kaner sowie die Benedictiner.
Die Ersteren lehnten sich geradezu gegen die herzoglichen Verordnungen auf,
welche entschieden von ihnen verlangten: 1) sich der Winkelmessen zu ent-
halten; 2) Niemand Beichte zu hören; 3) das Sakrament nicht unter Einerlei
Gestalt zu halten; 4) keine Mönche mehr aufzunehmen und einem Jeden die Wahl
Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 164
frei zu lassen, ob er im Mönchsstande bleiben wolle oder nicht; 5) ihren Ordensbrüdern
den Ehestand nicht zu verbieten; 6) nicht zur Predigt zu läuten, noch einige öffentliche
Ceremonien zu halten, doch sollten sie in verschlossenen Kirchen ihre Horas (Bet-
stunden) nach Belieben abhalten können; 7) keine Meuterei wider das Evangelium
zu machen oder spöttisch davon zu reden; 8) das Eiborium (die Monstranz) mit dem
eingesperrten Brode (Hostie in derselben) unverzüglich abzuschaffen und einige ihre
Hausordnung betreffende Dinge mehr. Diesen Vorschriften nachzukommen, geschah
von Seiten der Mönche durchaus nichts, ihr störrischer Sinn widersetzte sich der
neuen religiösen Anschauung auf´s Entschiedenste und sollte ihr Orden nicht zum
Gespötte werden, mußten sie sich auch diesen Verordnungen widersetzen, die all´ ihre
Wirksamkeit als geistliche Corporation aufhob. Da sie sich also diesem Befehle nicht
fügten, erfolgte am 19. April 1540 ihre Ausweisung. Sie hatten also gerade
55 Jahre in Chemnitz gewirkt. Wie anders war ihr Abzug gegen die bei ihrem
Einzuge stattgefundenen Feierlichkeiten, denn laut der Nachricht darüber, zogen 1485,
Montags nach Maria Geburt, den 8. September, die grauen Barfüßermönche
(fraters minores de Observantia) als heilige Väter, 16 an der Zahl, in Prozession
zu Pferde herein und wurden von dem Abte, in Begleitung der ganzen Klerisen und
des Stadtrathes eingeholt und in ihr Kloster, dessen Bau kaum zu Ende gebracht war,
eingeführt. Das Kloster war auf Kosten der Stadt erbaut worden und soll besonders
auf Anlaß der Schützengilde dieser Bau ausgeführt und die Barfüßermönche herbei-
gerufen worden sein. Da wir in unserem protestantischen Vaterlande keinen Begriff
von allen dem Drum und Dran bei solcher geistlichen Stiftung der römisch-katholischen
Kirche haben, wie es damals gewesen und noch heutzutage ist, so fügen wir folgendes
der Chronik Entnommene bei:
Die meisten Innungen der Handwerker mußten jährlich ihre gewisse Abrichtung
(Abgabe) an dieses Kloster thun. Also zahlte jährlich das Handwerk der Leineweber
an dieses Kloster 1 Gr. 6 Pf. für´s Lichteranzünden im Advent, 18 Gr. für Fleisch
am Sonntag nach Dreikönige, 17 Gr. 6 Pf. zum Begängniß am Sonnabend nach
Johannis und 20 Gr. am Sonnabend nach Viti. Wie die Leineweber, zahlten
natürlich verhältnismäßig die anderen Handwerke. Die meisten Innungen hatten
sich in die Brüderschaft dieser Mönche eingekauft, die Gesellen folgten dem Beispiele
ihrer Meister. So findet in dem alten Buche der Tuchmachermeister sich Folgendes:
1486 haben wir das ganze Handwerk der Tuchmacher in unserem neuen Kloster
des heiligen Sanct Franciscen, Barfüsser Orden, für uns, unsere Hausfrauen, Kinder
und Gesinde die Brüderschaft an uns genommen, und haben uns auch allesammt
einträchtiglicher alt und jung, bewilliget, alle Jahre und auf alle Weyfasten
(Quartal), uff itzlichen ein Begentniß darinnen zu halten. Begängniß heißt
so viel als religiöse Feierlichkeit, besondere Betstunde, wahrscheinlich mit Beichte und
heiligem Abendmahl verbunden. So hat auch der Vikarius Generalis der Barfüßer,
Pater Johannes Brohin, 1486 den hiesigen Schuhknechten seine und seiner Brüder
Confraternitaet (Brüderschaft) geschenket, laut einer Urkunde auf Pergament, an der
ein in rothes (besondere Ausnahme) Wachs abgedrucktes Siegel, auf welchem der
heilige Franciscus abgebildet ist. Diese Urkunde soll noch in der Lade der Chemnitzer
Schuhmachergesellen zu finden sein. Dieses Einkaufen in die heilige Brüderschaft
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wurde zuweilen mit vielem Gelde bezahlt und wohlhabende Privatpersonen ließen sich
nicht säumig darin finden. Natürlich blieben nachher auch kleine Legate für das
Kloster nicht aus, wenn Einer oder der Andere aus diesen Brüderschaften mit Tode
abging. Die Mönche machten demnach unter allen Umständen ein gut rentierendes
Geschäft.
Zu Pferde waren sie eingezogen, zu Fuße wanderten sie aus nach Böhmen zu.
Eine ungeheure Menge Menschen gab ihnen das Geleit, nicht etwa aus Spott,
sondern aus reiner Anhänglichkeit. Wir dürfen uns nicht vorstellen, daß die Lehre
Luthers bei Allen gleich eine ungeheure Veränderung im Denken herbeigeführt habe,
im Gegentheil gab es damals gewiß noch viele Tausende, die, sozusagen, in der
Schwebe sich befanden und nicht recht wußten, was sie eigentlich glauben oder nicht
glauben sollten, bei denen das Alte von Kindesbeinen an gleichsam zu Fleisch und
Blut geworden und denen doch auch das Neue gefiel, Viele mag es auch gegeben
haben, die sich weder von dem abzuschaffenden Alten noch von dem einzuführenden
Neuen einen deutlichen Begriff machen konnten, und diese Beiläufer waren gewiß
an manchen Orten die Hauptzahl, aus der einfachen Ursache, weil der größere Theil
der damaligen Generation nicht an freies Denken gewöhnt war. Auf dem Savanger
hielten die scheidenden Barfußmönche an und Einer von ihnen, Bruder Barthel,
richtete eine Abschiedsrede an die sie umgebende Versammlung. Diese Rede fand,
ihrer Merkwürdigkeit wegen, da sie Prophezeihungen enthielt, die sich auch richtig
erfüllten, einen Platz in der Stadtchronik.
Der Mönch prophezeite: Chemnitz werde zu einer volkreichen und glücklichen
Stadt gedeihen, aber in Uebermuth verfallen und mit Feuer, Schwert, Pest und
Wasserfluthen heimgesucht werden, leider traf dies nacheinander ein, der 30jährige
Krieg besonders trug zu der Erfüllung bei. Ferner: In den beiden Stadtkirchen zu
St. Johannis und Nikolaus würden auf den Altären Heidelbeersträucher wachsen.
Auch dies erfüllte sich, denn im Jahre 1547 demolirten die Truppen des sächsischen
Kurfürsten nicht nur die beiden Kirchen, sondern auch die Quilienkapelle vor dem Chemnitzer
Thore, die Kirche bei dem Siechhofe zum heiligen Geist vor dem Klosterthore und die
Georgenkirche aus Furcht, sie möchten den Feinden, den Kaiserlichen, zum Vortheil
dienen. Die Nikolaikirche lag 56 Jahre wüste, wurde erst 1603 wieder gebaut, die
Johanniskirche blieb nur 19 Jahre ein Trümmerhaufe, denn 1566 wurde sie wieder
hergestellt. Die weiteren Prophezeihungen dieses Mönches betrafen weniger die
Chemnitzer selbst. Er sagte nämlich: Der Erbherr von Neukirchen (im Amte Chemnitz)
werde ein großes Schloß daselbst bauen, aber weder er noch seine Nachkommen daselbst
sterben und begraben werden, auch eine neue steinere Brücke werde man daselbst
errichten, auf welcher eine doppelt verlobte Braut, wenn sie zur Kirche fahren wolle,
versinken werde. Wie weit dieses in Erfüllung gegangen, ist nicht zu sagen, gewiß
ist jedoch der Bau des Schlosses eingetroffen. Aber eine besondere Bekräftigung
erhielten bei den Zuhörern diese Weissagungen Bruder Barthels, als er sich zu einer
ihm aufmerksam und andächtig zuhörenden Frau wendete und ihr befahl, nach
Hause zu eilen, denn ihr Kind sei eben im Bade ertrunken, was auch wirklich der
Fall gewesen.
aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 163 – 165