SZ-Artikel vom 30.5.2015
aus: "Sächsische Zeitung" vom 30. Mai 2015

Der Frieden zu Prag

Prag, am 30. Mai 1635


aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 140
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 141
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 142
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 143
Viele Bürger konnten die drückenden Einquartirungslasten
nicht aushalten, weshalb sie die Stadt verließen, und um das Unglück ganz voll zu
machen, fing auch noch die Pest zu wüthen an, so daß viele Familien ausstarben
und deren Häuser leer stehen blieben. Dem Holzmangel, der sehr empfindlich drückte,
halfen die Soldaten dahin ab, daß sie viele Hundert hölzerne Häuser, ja ganze
Gassen um die Stadt herum und in der Neustadt abbrachen, so daß die Vorstädte
zu Wüsteneien wurden. Zu all diesem kam noch die Schreckenskunde von dem Tode
des in der Schlacht vom 16. November (1632) gefallenen schwedischen Heldenkönigs
und der Niederlage des über Hals und Kopf nach Böhmen flüchtenden Wallensteins.

Jetzt verlor Hans Georg allen Muth und alles Vertrauen, denn die Schweden
ohne ihren König erschienen ihm gar nicht fähig, dem Kaiser Widerstand leisten zu
können und er hielt es für eine Art Verbrechen, als deutscher Fürst, verbündet mit
einer fremden Kriegsmacht, deren königlicher Führer nicht mehr lebte, dem Kaiser zu
Leibe gehen zu sollen. Es kostete daher dem schwedischen Kanzler Oxenstierna, der
persönlich deshalb nach Dresden kam, viel Ueberredung, ihn beim Bündniß fest zu
halten. Ohne des Kurfürsten von Brandenburg dringende Vorstellungen, sowie
ohne die Mahnungen des französischen Gesandten und des englischen Botschafters,
die zu diesem Zwecke nach Dresden kamen, wäre der Kurfürst sicher wieder zur
kaiserlichen Partei getreten. Sein Stolz fühlte sich verletzt, daß der schwedische Kanzler
Oxenstierna das Directorium des Heilbronner Bündnisses erhalten hatte, ein bloßer
Edelmann, während er, ein geborener Kurfürst, gleichsam unter ihm stehen sollte.
Freilich besaß dieser einfache schwedische Edelmann einen großen die Verhältnisse
überschauenden und kräftigen Geist, während Hans georg ein sehr schwacher, zu
jedem Irrthume leicht zu verleitender Charakter war, dem es am Hauptfond, an
selbstständiger Kraft, mangelte und von dem der bei den Generalstaaten angestellte
schwedische Gesandte Camerarius an Oxenstierna schrieb: "Es wäre eben so viel wie
ein Wunder, wenn dieser Kurfürst sich einmal aus der Trunkenheit aufraffen könnte."
Arnim drängte beständig wegen Instandsetzung des Heeres, dem es fortwährend an
Munition, an Sold und an Brod fehlte, das war aber Alles vergebens. Eben so
vergeblich war sein sehr vernünftiger Vorschlag, eine dritte Partei zu bilden, d. h.
sich mit den übrigen evangelischen Fürsten Deutschlands zu verbinden und sowohl die
Schweden als den Kaiser zu einem billigen Frieden zu zwingen.

Die sächsischen Geheimräthe waren immer anderer Meinung als andere vernünftige
Leute. Alles, was den Kaiser nur im geringsten als einen Turbirer des Reiches
darstellen konnte, wollten sie als gar nicht liebsam anerkennen, nur der Schwede war
in ihren Augen ein solcher Turbirer. Wallenstein war ziemlich offen gegen Hans
Georg, er warnte ihn vor dem Kaiser. Es sei dem nicht zu trauen, er sei zu pfäffisch,
lasse sich von den Jesuiten und Spaniern regieren und könne seine Zusagen nicht
halten. Der Plan Arnims, in Deutschland eine dritte Partei zu gründen, um die
Schweden, aber auch den Kaiser, zum Frieden zu nöthigen, entflammte Wallensteins
Geist und war das einzige Mittel, den Frieden herbeizuführen; aber am sächsischen
Hofe begriff man größere Plane nicht und man trug dadurch mittelbar zu der
Ermordung Wallensteins auf kaiserlichen Befehl bei. An Wallenstein, so übermüthig
er war, verlor eigentlich Deutschland seinen Retter, denn er war nicht des Kaisers
Freund, wie auch kein frei und groß denkender Mann ein solcher dem Kaiser, der
sich nur in Jesuitengesellschaft wohl befand, sein konnte. Wallensteins Plan, mit Brandenburg, Sachsen, Schweden und Frankreich sich zu verbinden, würde einen völligen
Umschwung der Dinge in Deutschland bewirkt, und die kaiserliche Uebermacht
in enge Grenzen zurückgewiesen haben. Wallenstein that nichts wegen der Religion,
er gehörte nicht in die Schaar der Pfaffenknechte, er war ein freidenkender Mann,
dem der Protestant und Calvinist eben so lieb wie der Katholik war, nämlich, wenn
er etwas taugte. Wallensteins Ermordung in der Nacht vom 24. zum 25. Februar 1634
änderte Alles.

In Sachsen war, wie bereits erwähnt, Alles vernachlässigt und versäumt worden,
was dazu gedient hätte, den Anmaßungen des Kaisers und seiner Jesuiten eine
Schranke zu setzen. Nur durch eine Verbindung Wallensteins mit den deutschen
Kurfürsten wäre dies möglich gewesen, aber die guten, wohlbezahlten Freunde des
Kaisers am Dresdener Hofe ließen dergleichen nicht zu Stande kommen. Aber
Wallensteins meuchlerisch vergossenes Blut trug böse Früchte, denn nun hatten die
getreuen Räthe Hans Georgs nichts Eiligeres zu thun, als auf einen Frieden mit
dem Kaiser zu dringen. Des Kurfürsten Neigung dazu und seine Abneigung gegen
die Schweden, an deren Spitze kein König mehr war, sondern nur Edelleute, denen
kein fürstliches Blut in den Adern rollte, die jedoch tüchtige Männer und Feldherrn
waren, welcher Umstand aber den Stolz Hans Georgs auf seine Abkunft verletzte,
weil er, kein Krieger, ihnen hätte nachstehen und gleichsam ihre Anordnungen gut-
heißen müssen, unterstützte das Friedensdrängen seiner kaiserlich gesinnten Räthe.
Dänemark (Schwedens Feind) und Hessen-Darmstadt übernahmen die Vermittlerrolle.
Der Friedenscongreß tagte in Leitmeritz und siedelte, als die Schweden ihn von da
verjagten nach Pirna über. Von sächsischer Seite war der Geheime Rath v. Miltitz
dabei thätig. Dieser Mann stipulirte am 14. November 1634 ganz leidliche Bedin-
gungen mit dem Kaiser, er meinte es treu mit seinem sächsischen Vaterlande. Er
würde sicher noch vortheilhaftere Bedingungen erlangt haben, wenn nicht des Kaisers
Sohn, Ferdinand (III.), am 27. August 1634 bei Nördlingen in Schwabeneinen
vollkommenen Sieg über die Schweden erfochten hätte, das fiel gleich centnerschwer in
die kaiserliche Wagschaale und spornte zu bedeutend anderen Bedingungen an. Nachdem
am 28. Februar 1635 ein Waffenstillstand zwischen dem Kaiser und dem Kurfürsten
abgeschlossen worden war, kam zu Ende Mai 1635 der berüchtigte Friede zu Prag
zu Stande, berüchtigt wegen seiner entsetzlichen Folgen, berüchtigt wegen der Merk-
würdigkeit, daß die Friedensbedingungen, die jetzt unterzeichnet wurden,
viel anders und für Kursachsen härter, drückender lauteten, als die
Friedens-Präliminarien, welche Herr von Miltitz in Pirna unter-
zeichnet hatte. Wie dies Kunststück zu Tage gefördert worden sein mag, wußte
damals und natürlich auch heutzutage noch Niemand. Herr von Miltitz war vor
dem Abschlusse dieses Friedens gestorben und die allgemeine Meinung behauptete:
Dieser junge 37jährige Geheime Rath sei vergiftet worden.

Die bei dem Prager Friedensschluß betheiligten sächsischen Geheimräthe waren:
Abraham von Schottendorf, ein gut kaiserlich gesinnetr Schlesier, Hoes Schwieger-
sohn, Dr. David von Döring und dessen Schwiegersohn, der Dr. Johann Georg Oppel.
Der berühmte deutsche Geschichtsforscher, Freiherr Samuel von Pfaffendorf, im Jahre
1632 im Dorfe Flöha bei Chemnitz, wo sein Vater Prediger war, geboren und
demnach wohl im Stande, über die damaligen Um- und Zustände ein Urtheil zu
füllen, erklärt offen in seinem geschichtlichen den 30jährigen Kriege behandelnden
Werke, daß Hoe mit 100.000 Thaler bestochen worden sei, um den Kurfürsten zu
diesem Frieden mit dem Kaiser zu drängen, sein Schwiegersohn David von Döring
aber für denselben Dienst in Hamburg 30.000 Dukaten ausgezahlt erhalten habe.

Dieser Prager Friede, den Hans Georg mit der Nothwendigkeit entschuldigte,
rief eine Menge Pasquille undSchmähschriften zu Tage, in denen es unumwunden
ausgesprochen wurde, daß der Kurfürst die evangelische Sache und die deutsche Freiheit
aus Eifersucht und Eigennutz verrathen habe. Jedenfalls war dies Urtheil zu hart,
denn Hans Georg war mit Seel und Leib Lutheraner, aber er war schwach und
kurzsichtig, und was das Schlimmste war, mit einer Menge von Ischarioten umgeben,
die ihn gleichsam in Banden und Schlingen hielten. Der erwähnte Friede war aber
auch wirklich ein schmachvolles Werk. Daß Hans Georg des Eigennutzes beschuldigt
wurde, hatte er dem Passus in diesem Frieden zu danken, der ihm die Lausitzen erb-
und eigenthümlich zuspricht und seinen Sohn, Prinz August, als Administrator des
Erzstiftes Magdeburg bestätigt. Die evangelischen Schlesier blieben des Kaisers
Willkür Preis gegeben. Die Erbitterung gegen einen Friedensschluß mit dem Kaiser
war in Sachsen so vorherrschend, daß sowohl Adel als Städte sich ausdrücklich
weigerten, bei den Friedens-Unterhandlungen, wie es Sitte war, sich mit brauchen
zu lassen. Der General-Lieutenant Arnim nahm seine Entlassung aus dem sächsischen
Kriegsdienste, weil er dem Kaiser nichts Gutes zutraute und trat in brandenburgischen
Dienst über. Der pfälzische Geheime Rath Camerarius schrieb an den Casseler
Landgrafen: "Johann Georg hat seine Glaubensverwandten in schändliche Fessel
gelegt, so hat selbst sein Vorfahr, der Kurfürst Moritz, nicht gehandelt." Die edle
fromme Gemahlin Hans Georgs, aller schlechten Menschen Todfeindin, erklärte sich
sehr fein über die Nichtswürdigen an ihres Gemahls Hofe, indem sie dem Letzteren
schrieb: "Ein solcher Baum, wie David Döring ist, kann keine besseren Früchte
tragen." Wie sehr diese hochehrenwerthe Kurfürstin auf Alles, was die schändlichen
Verräthereien betraf, ein aufmerksames Auge hatte, beweist die hier folgende Stelle
aus einem am 22. September 1635 ihrem abwesenden Gemahle zugeschickten Briefe:

"Euer Liebden haben sich wohl in Acht zu nehmen; man sage mir nur, aus
was Falschheit oder Döring das thut, daß er so viel Posten und Boten hinter
Euer Liebden Rücken und ohne Euer Liebden Wissen nach Wien schickt,
daß immer einer den andern jagt? Oppel, sein Eidam und der Postmeister
zu Leipzig werden Wissenschaft (dar) um haben, stecken unter einer Decken."

Der Leser ersieht aus diesen angezogenen Stellen aus den Briefen dieser edlen
Fürstin, daß die Behauptung, nur abscheuliche Verräthereien seien damals am Dresdener
Hofe in Schwunge gewesen, keineswegs Erfindungen seien. Hans Georg hatte die
gute Absicht, durch den Seperatfrieden mit dem Kaiser seinem Lande Ruhe zu verschaffen.
Was er sich dabei von den Schweden gedacht haben mag, bleibt freilich ein Räthsel.
Fast unglaublich scheint es, daß er in dem Wahne sein konnte, diese würden, aus
Furcht vor seiner Allianz mit dem Kaiser, nicht wagen, an Sachsen ihre Rache
auszulassen? und im Grunde genommen, hatten sie auch alles Recht, gegen Sachsens
Kurfürst erbittert zu sein, die ihm zweimal, gegen Tilly und gegen Wallenstein,
sein Land gerettet, wie abgenutzte Werkzeuge von sich warf. Die schwedische Rache
ließ nicht auf sich warten, im October 1635, also vier Monate nach dem Prager
Friedensschluß, begannen sie den Krieg gegen Sachsen und eine fürchterliche Drang-
salperiode kam über das unglückliche Land.

Obwohl, um den Prager Frieden zu verkünden, am 24. Juni 1635
die Kanonen von den Thürmen (damals üblich) und von den Wällen recht herzhaft
donnerten und die Leute in und um Dresden nun wußten, daß nur eine Veränderung
hinsichtlich der Feinde Sachsens eingetreten, die bisherigen Freunde, die Schweden,
nun an die Stelle der feindlichen kaiserlichen Schaaren kommen würden, so war doch
keine Milderung der großen allgemeinen Noth zu verspüren, Theuerung, Pest und
Kriegsnoth dauerten ununterbrochen fort.



aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 140 – 143