Bautzen wird von den Schweden besetzt

Bautzen, im Jahr 1639



Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 17
Die Lausitz fiel mittels Vertrages vom 30. Mai 1635 zwischen dem Kaiser
und dem sächsischen Churfürsten Johann Georg I. dem Letzteren erb- und eigenthümlich
zu und da derselbe Friede mit dem Kaiser gemacht hatte, so zeigten sich die Schweden
nun als die unversöhnlichsten Feinde gegen Alle, die Sachsen angehörten. Sie
begingen die ruchlosesten Greuelthaten. Der Schweden-General Torstenson erschien
am 18. Mai 1639 mit 8.000 Reiter vor Budissin, erpreßte 18.000 Thaler (von den
Sechsstädten überhaupt 76.000 Thaler) und schickte dann den Obristleutenant Wanke,
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um die Stadt gegen die Sachsen und Kaiserliche zu vertheidigen. Wanke sollte wenig
Freude auf diesen Posten haben, denn der sächsische Obrist-Wachtmeister, von Wedel-
busch, langte Abends am 27. October mit 8 Compagnien Reiter und 7 Compagnien
Fußvolk vor dem Lauenthore an. Obwohl es nicht gelang, sich stürmend zum
Herrn der Stadt und des Schlosses zu machen, sondern nur die Stadt in seine
Gewalt fiel, die Schweden aber sich ins Schloß zurückzogen, so zögerte Wedelbusch
doch nicht, auch die Ortenburg einzunehmen. Die Bürgerschaft mußte bewaffnet mit
auf die Stadtmauer, in den Straßen, um das Schloß wurden Schanzen aufgeworfen,
um Bauholz zu sogenannten spanischen Reitern zu haben, wurden einige Häuser
niedergerissen und auf den Basteien sächsische Soldaten und Geschütz postirt, welches
Letztere mit großem Erfolg auf die Ortenburg spielte. Am 2. November langte
sächsische Artillerie an und dieser Handel schien für die auf dem Schlosse sich ver-
theidigenden Schweden ein schlechtes Ende nehmen zu wollen, indeß die Hülfe war
ihnen nahe.

Denselben tag als die sächsische Artillerie eingerückt war, erschien auch ein
schwedisches Corps in der Dunkelheit Abends 6 Uhr und besetzte sogleich die äußern
Thore, so daß Niemand mehr sich aus der innern Stadt in die äußere Stadt
begeben konnte. Ein Ausfall der Sachsen lief schlecht ab und sie mußten sich ganz
in das Innere der Stadt zurückziehen. Auf der Ortenburg war der Schießbedarf
ausgegangen, die Schweden schleuderten große Steine auf die Sachsen und bedienten
sich in der Noth selbstgefertigter Schleudern, mit denen sie den benachbarten Häusern
und ihren Gegnern viel Schaden zufügten. Die eingeschlossenen Sachsen geriethen
in eine noch viel schlechtere Stellung, als am 8. November 1.200 Mann neue
schwedische Truppen mit 6 Kanonen anlangten. Die Aufforderung zur Uebergabe
der Stadt wurde von den Sachsen abgewiesen und die Schweden machten nun einen
sehr bösen Ernst. Während der Nacht erstiegen sie das Schloß und zogen die
6 Kanonen an Stricken hinauf, der schwedische Oberst Hans Hansson übernahm nun
das Commando. Den Sachsen war nichts übrig geblieben, als sich in der Schloß-
gasse zu verschanzen. Mit Anbruch des Morgens begann der Kriegsspektakel, aber
die Schweden hatten einen bösen Tag, ihr Ausfall mißglückte, weil die Zugbrücke
mit den zum Ausfall marschirenden 200 Mann unter denselben brach. Sie
hatten 100 Todte dabei. Um mehr Raum auf dem Schlosse zu haben, quartirte der
Schwedenoberst einen Theil seiner Leute aus dem Schlosse in der Vorstadt, wo sie
Blenden gegen die Stadt errichteten, um vor den Schüssen der Sachsen gesichert zu
sein. Am 10. November machten die Schweden durch Herbeischaffen einer Anzahl
Leitern aus den Dörfern Miene zu einem Hauptangriffe. Um den belästigenden
Geruch der im Schloßgraben liegenden Schwedenleichen zu entfernen, ließ der sächsische
Commandant anfragen, ob man ihm erlaube, diese stinkenden Körper zu begraben?
was abgeschlagen wurde, wodurch die Schloßgasse wie von einem Pesthauche con-
fiscirt wurde.

Jetzt gings einseitig ans Miniren, die Schweden wollten die Verschanzungen
in die Luft sprengen, die Sachsen suchten durch gegengänge ihre Absicht zu vereiteln.
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Die Ueberzeugung drängte sich dem sächsischen Commandanten auf, daß von einer
langen Vertheidigung in solcher Lage ohne Hilfe nicht die Rede sei und die Schweden
erlaubten ihm einen Wachtmeister nebst zwei Reitern mit der Anfrage nach Dresden
zu schicken, was man dort in dieser Sache zu thun beschlösse? Nichts desto weniger
dauerte der gegenseitige Kampf fort. In der Stadt riß Mangel ein, die Mühlen
waren alle in Feindeshand, die Bürger mußten ihr Getraide in Mörsern stampfen.
Um Steine zum Verfertigen von Handmühlen zu haben, ließ der sächsische Com-
mandant die Leichensteine von dem St. Petrikirchhofe nehmen. Auch das noch vor-
räthige Bier mußte abgeliefert werden. Alle Versuche, die Stadt durch Feuer zu
zerstören, mißlangen, Bürger und Soldaten waren zu sehr auf der Hut und alle
Mühen der Feinde in dieser Beziehung wurden vereitelt. Aber der 18. November
brachte neue schwedische Schaaren und mit diesen neuen Kräften gingen die Schweden
ernstlicher ans Werk. Ein Bombardement mit glühenden Kugeln vom Schlosse aus
auf die Stadt begann und obwohl es den Schweden nächtlicher Weile gelang, ein
mit 100 Schock Getraide gefülltes Magazin in Brand zu stecken und gleichzeitig eine
Menge glühende Kugeln Verderben spiien, so wurde doch jeder angehende Brand
glücklich im Keime erstickt. Da jeder Versuch den Gegner und die Stadt durch
Feuer zu zwingen, fehlschlug, so glaubte zuletzt selbst der schwedische Befehlshaber an
einen überirdischen Schutz. Ein Hauptsturm sollte am 27. November entscheiden.
Ehe noch derselbe begann, ließ der Schwede seinen Gegner zur Uebergabe auffordern,
der sie rund abschlug. Nun ging´s an den Sturm, aber auch dieser mißglückte, eine
schwedische Mine sprang zur Unzeit und dieser Umstand nebst der Tapferkeit der
sächsischen Soldaten und der Bürger, welche weiße Tücher um die Hüte trugen,
während die Schweden Strohbänder um den Arm hatten, um sich bei Nacht erkennen
zu können, entschied. Die Schweden verloren bei diesem Sturm 700 Mann und
sämmtliche Sturmleitern, außerdem fielen noch 100 Schweden in sächsische Ge-
fangenschaft.

Ein so ritterliches Halten setzte selbst die Belagerer, welche trotz ihrer Uebermacht
dabei zu Schanden wurden, in Staunen und am 29. November wurde man über
einen Waffenstillstand zur Begrabung der Leichen einig, am 30. November begann
das Bombardement und das Minengraben wie früher, doch mit demselben schlechten
Erfolg. Die Minen ersoffen, da der sächsische Commandant den Schloßgraben mit Wasser
füllen ließ, welches wichtige Element reichlich in der Stadt vorhanden war. Ein für die
Schweden bedeutungsvoller Tag war der 5. December, indem ihr General Torstenson
mit neuen Truppen anlangte. Das Schloß wurde mit noch 6 Geschützen armirt,
so daß also 12 Kanonen gegen die Stadt spielten. In derselben litt man Mangel
an Lebensmitteln, was bei den Belagerern nicht der Fall war, zudem war auch von
der sechswöchentlichen unausgesetzten Anstrengung der tapfere sächsische Commandant
erkrankt und Seuchen wütheten unter Soldaten und Bürgern. Abgeordnete des
Adels und des Raths bewogen ihn zu einem Accord mit dem Feinde, wodurch die
sächsische Besatzung kriegsgefangen wurde. Die Stadt mußte 17.000 Thaler Brand-
schatzung zahlen und eine dreitägige Einquartierung sämmtlicher Schweden auf sich
nehmen. Von Dresden war nichts zum Entsatze des so schwer bedrängten Budissins
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geschehen. Ehe die Schweden abzogen, machten sie sich viel Feuerwerksvergnügungen,
die Ortenburg wurde zu einer halben Ruine ausgebrannt, desgleichen das Gymnasium.
Die kriegsgefangenen Sachsen mußten sämmtliche Dienste bei den Schweden nehmen
und zwei Bürger machten sich berüchtigt durch niederträchtige Angeberei. Sie hießen
Häuffelt und Mustag. Sie zeigten den Schweden die fremden in der Stadt arbeitenden
Gesellen an, welche den Bürgern brav in der Schreckenszeit beigestanden, und diese
wackern Bursche wurden dafür unter schwedisches Kriegsvolk gesteckt. Budissin kam
durch diese Unglücksfälle immer mehr herunter, da um die Stadt wieder zu restauriren,
den Bürgern natürlich außerordentliche Steuern aufgelegt werden mußten. Uebrigens
erwies sich der schwedische Obristleutnant Wanke als ein wahrhafter Blutegel. Aus
Görlitz schrieb dieser habgierige Mensch noch an die Budissiner Behörde, daß die zur
Stadt gehörenden Dorfschaften bei der Contribution vergessen worden seien und er
sich dafür in Bausch und Bogen als Schadenersatz 600 Thaler ausbitte. Sollte
dieser billigen Bitte nicht Gehör gegeben werden, lasse er die Dörfer nachträglich
noch niederbrennen. Die Kaiserlichen hausten wie die Teufel, aber die Schweden über-
trafen sie noch zuweilen. Daß die meisten der armen um Alles beraubten Landleute,
welche sich in die Stadt geflüchtet hatten, in dieser um kein Haar besser daran waren,
als in ihren zerstörten Heimatdörfern, geht daraus hervor, daß Viele von ihnen
daselbst aus Mangel an Lebensmitteln starben.
aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 17 – 20