Die Schweden hausen ganz fürchterlich in Sachsen

Dresden, am 25. Juni 1639


aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 144
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 145
Trotz allem Kriegstrubel und Unglück im Lande, erlebten die Dresdener erst im
Jahre 1639 das höchst unangenehme Gefühl, die Schweden in der Nähe zu haben,
deren Ruf der Grausamkeit aus dem Munde aller Derer erschallte, die glücklich genug
gewesen waren, ihren Mörderfäusten zu entfliehen. Es waren nicht mehr die alt-
bewährten, strenge Manneszucht haltenden frommen Krieger, wie sie mit dem Helden-
könig Gustav Adolf herübergekommen waren nach Deutschland, die Glaubensbrüder
zu retten vor dem Untergange durch die Uebermacht des Kaisers und der römischen
Meute. Die lagen fast Alle gebettet auf blutgedüngter deutscher Erde - neue
Tausende hatten die Gefalleneen ersetzt, tapfer wie sie, aber zuchtlos, den rohesten
Greueln ergeben. Am 25. Juni gab es in der Nähe Dresdens, auf dessen Elbwiese
die Garnison in einem Lager lag, ein Treffen mit den Schweden, welche unter Baners
Befehl die Stadt Pirna seit dem 23. April erobert und sich daselbst festgesetzt hatten.
Der Commandant des Sonnensteins, damals Festung, hielt sich tapfer. Da diese
Drangsal- und Schreckensperiode, welche unter den Namen "das pirnaische Elend"
bekannt ist, und reichen Stoff zu ausführlicher Schilderung geben wird, wenn wir
Pirnas Geschichte und Schicksale als selbstständiges Einzelbild dem Leser vorführen,
so beschränken wir uns nur auf das, was Dresden besonders angeht. Das entsetzliche
Loos, das die Schweden unter Baner auf ihrem Zuge durch Voigtland über Zwickau
und Freiberg aller Orten bereitet hatten, machte den Beistand eines kaiserlichen
Hilfscorps unter General Hatzfeld nöthig, aber leider wußten die armen Leute in
Sachsen nicht, wem sie den Vorrang im Rauben, Brennen und Morden zuerkennen
sollten, den Freunden oder den Feinden, denn nur die Kleidung unterschied beide
Parteien, in allem Uebrigen waren sie vollkommen eins.

Das folgende Jahr war um nichts besser in dieser Beziehung, denn die wieder
vor Freiberg gelagerten Schweden streiften schon im Januar bis an die Vorstädte
Dresdens. Die zweite von dem schwedischen Heerführer Torstenson 1642 bei Breiten-
feld (bei Leipzig) gewonnene Schlacht ergoß aufs Neue die schwedischen Kriegsvölker
über das aus zahllosen Wunden blutende Sachsenland. Leipzig gehörte von nun
an den Schweden, die es auch erst zwei Jahre nach dem allgemeinen Frieden von
1648 verließen. Leipzig mußte an sie drei Tonnen Goldes Brandschatzung zahlen
und die ganze schwedische Armee neu kleiden. Was Sachsen im 30jährigen Kriege
litt, ist nur schwach anzudeuten, um es zu schildern, bedürfte es eines Folianten
der größten Art. Leipzig wurde fünfmal belagert, das an Böhmen grenzende Erz-
gebirge und Voigtland litt unter den unaufhörlichen kaiserlichen Durchzügen am
meisten, die beiden kleinen Städtchen Adorf und Oelsnitz wurden mehr als hundertmal
ausgeplündert, Freiberg wurde dreimal belagert, einmal von den Kaiserlichen, zweimal
von den Schweden, gegen Letztere hielt es sich ruhmreich. Die kleine Stadt Zörbig
(Zippel-Zörbig) im Leipziger Kreise, ward 45 Mal ausgeplündert, Pirnas Elendzeit,
Wurzens Marterwoche und andere derartige Bezeichnungen der schreckensvollsten Zeit
schreien laut zum Himmel um Rache für die Greuel, welche daselbst verübt worden
waren. Das Elend, welches die Rache der Schweden über Sachsen brachte, wurde
als Folge des Prager Friedens betrachtet.

aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 144 – 145