aus: ´Reise in die Geschichte´, Seiten 95 und 96
aus: "Reise in die Geschichte – Sachsen", 1992, Seiten 95 und 96

Bittgang des Pegauer Superintendenten Lange

Pegau, am 5. Dezember 1644

Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 270 b

Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 269
Die Zeitereignisse gingen nicht an Pegau vorüber, ohne demselben eine tiefe unverwischbare Spur zurückzulassen. Dies geschah im dreißigjährigen Kriege.

Torstenson mit seinen Schweden belagerte im December 1644 die für fest
geltende Stadt, in welcher der sächsische Obrist von Gersdorf mit einer kleinen Gar-
nison sich befand.
Das goldne Buch vom Vaterlande, Seite 270
Die Ursache der Belagerung, die so viel Elend über Pegau brachte, entsprang
aus folgendem Anlaß. Der schwedische Feldherr hatte der Stadt eine Contribution
aufgelegt, mittels der sie sich von jeder kriegerischen Last frei kaufen konnte und
seine Alles vernichtenden Schaaren nicht zu fürchten hatten. Abgeordnete der Stadt
begleiteten die geforderte und unter schwedischer Bedeckung nach Leipzig ins schwedische
Hauptquartier abzuliefernde Summe, auch eine junge vornehme schwedische Dame
befand sich bei der kleinen Eskorte. Von diesem Geldtransport hatten zwei Pegauer
Räuber oder Freischaarenführer, Flachsveit und Findelhans, Wind bekommen und
überfielen mit ihren Genossen auf dem Wege nach Leipzig die kleine schwedische
Eskorte, die zum Theil niedergehauen, theils versprengt wurde, wobei auch die junge
Dame das Leben verlor. Mit der ansehnlichen Contributionssumme als Beute
zogen die Räuber von dannen. Der Schweden-Feldherr rechnete diese Schändlichkeit
aber der Stadt an und rückte mit seinem Heere unverweilt vor sie, um sie für die
gegen ihn vermeintlich begangene Treulosigkeit zu züchtigen.
Torstensons Kartaunen legten 350 Häuser in Asche, Tag und Nacht donnerten
die feindlichen Geschütze, deren Kugeln über 300 Menschen tödteten, ohne die im
Brande Umgekommenen, oder von stürzenden Giebeln Erschlagenen. Unter solchen
Umständen hört zuletzt die tapferste Vertheidigung auf, des Unglücks war so viel
über die Stadt gekommen, daß nur noch ein wenig mehr dazu gehörte, sie ganz in
einen Trümmerhaufen zu verwandeln. In diesem entsetzlichen Wehe entschloß sich
der Superintendent Lange (er soll Torstensons früherer Lehrer gewesen sein), den
gewaltigen Vernichter selbst um Schonung anzuflehen. In seiner Amtstracht zog er
an der Spitze von 12 in weißen Todtenhemden gekleideten Knaben hinaus ins
feindliche Lager. Er und die armen Kinder fielen vor Torstenson auf die Kniee
und stimmten in der Angst ihrer Herzen den Choral an: "Wenn wir in höchsten
Nöthen sein und wissen nicht wo aus und ein u. s. w." Das Unerwartete und die
flehenden Kinder rührten Torstensons Herz, kein Schuß erfolgte mehr auf die
unglückliche Stadt, deren Vertheidiger Oberst Gersdorf sich nicht länger mehr
sträubte, sich auf Discretion zu ergeben.
Freilich erinnerte diese Erzählung sehr an die von Naumburg, wo auch die in
Sterbehemden gekleideten Kinder den wilden Hussitenführer Procopius um Gnade ange-
fleht und solche für ihre Vaterstadt erlangt hatten, indeß scheint die Aehnlichkeit in
beiden Sagen doch immer noch nicht maaßgebend, die eben erzählte von Pegau als
eine leere Erfindung oder Nachäfferei zu verwerfen, wenigstens schätzt heutzutage noch
die Stadt Pegau den Superintendenten Lange als ihren Retter aus ehemaliger schwerer
Noth. Beim Wiederaufbau der Superintendentur ward gegen Morgen hier eine mit dem
Namenszuge Lange´s und der Jahreszahl 1644 bezeichnete Fahne angebracht, gegen
Abend hin, wo das Schwedenlager sich befunden, ein Kreuz aufgestellt und die
Einrichtung getroffen, daß jeder Nachmittagsgottesdienst mit dem Rettungsliede:
"Wenn wir in höchsten Nöthen sein", begonnen werde. Ob dies noch im Gebrauche,
ist nicht anzugeben.
Aber dies unglückselige Bombardement schadete der Stadt so sehr, daß sie bis
heutigen Tages nicht wieder zu dem ehemaligen Wohlstande sich hat aufschwingen
können, zumal ads Tilly 1631, ehe noch Sachsen sich mit Schweden verband, von
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seinen wilden raubsüchtigen Horden Pegau hatte plündern lassen, was die Bewohner
der Stadt schon vorher arm machte, ehe noch das schwedische Bombardement den
Ort fast zu einem Schutthaufen verwandelte.
aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 269 – 271