Die Schweden wollen Dresden plündern

Dresden, im Jahr 1647


aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 147
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 148
In Dresden selbst hatte man während der ganzen Kriegsdauer keinen Feind
gesehen, aber die Wirkungen des Unglücks, das wie ein drückender Fluch auf dem
ganzen Lande lag, blieben der Hauptstadt nicht fern. Nicht nur, daß bereits 1641
die Anzahl der Bürger auf 308 herabgefallen war, bezeugte, wie auch hier, wo immer noch
kein Feind den Herrn gespielt hatte, die Folge der ungeheuren Abgaben, welche die meisten
Bürger nicht mehr erschwingen konnten, und daher zum größten Theile um zugleich der Pest
zu entfliehen, ausgewandert waren, die höchste Höhe erstiegen hatten. Es fehlte z. B. 1643
so sehr an Lebensmitteln, daß acht Wochen lang kein Fleisch in der Stadt zu haben
war. Fast hätte das Jahr 1647 Dresden zum Schauplatz eines unerhörten Ereignisses
gemacht. Daß daselbst noch Gold und Werthsachen zu finden sein müßten, da die
Stadt bisher unberührt von jeder Feindeshand geblieben, leuchtete dem schwedischen
Obersten Wanke so sehr ein, daß er, um zugleich gegen den Kurfürsten, der ihm
1641, trotz der tapferen Gegenwehr, Görlitz entrissen hatte, Rache zu üben, beschloß,
die Stadt zu überrumpeln, trotz des zwischen Schweden und Sachsen abgeschlossenen
Friedens. Es wird erzählt, daß auch die Ermordung der kurfürstlichen Familie mit
in diesem schändlichen Plane begriffen gewesen. Ob dies wirklich der Fall war, ist
wohl schwer zu entscheiden. Wanke zog sich mit seinen Soldaten in die Tharander
Waldung, von wo aus der Anschlag leicht ins Werk zu setzen war. Der Fähndrich
Hoffmann, welcher (in welcher Eigenschaft als schwedischer Soldat, ist nirgends
gesagt) längere Zeit in Dresden gewohnt hatte, sollte hier ein leeres Haus miethen,
60 Mann Soldaten darin verstecken und bei Wankes nächtlicher Annäherung mit
500 Reitern ein Thor öffnen. Hoffmann lehnte dies Ansinnen ab. Ob der schwe-
dische Feldmarschall Wrangel von ihm oder einem Andern Kunde von diesem Bubenstück
erhielt, wissen wir nicht, nur daß Wrangel einen Eilboten mit dieser Nachricht an
den sächsischen Obristen von Schweinitz sandte, um die geeignetsten Vorsichtsmaßregeln
zu treffen, Wanke wurde schwedischer Seits arretirt, vor ein Kriegsgericht gestellt
und ihm das Todesurtheil gesprochen. Indeß der Oberst behielt seinen Kopf, denn
er wußte mit Hilfe seiner Freunde seine Vertheidigung so hinzuziehen - und nebenbei
hatte man schwedischer Seits auch wahrscheinlich gar nicht die Absicht, ihm wirklich
an´s Leben zu gehen - daß endlich der dem 30jährigen Kriege ein Ende machende
Osnabrücker Friede die Sache ins Vergessen brachte. Die Schweden nahmen ihre
Gefangenen mit und daß sie ihn frei ließen, bedarf keiner Versicherung.

aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 147 - 148