Kurfürst Johann Georg III. vermietet 3.000 Soldaten für 120.000 Taler

28. März 1685


Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 225


Die Feldzüge der Sachsen in Morea während der Jahre
1685 und 1686



Vom Major und K. Flügeladjutanten Freiherrn von Friesen.




Der Kriegszug einiger Sächsischer Regimenter über Land

und Meer nach dem fernen Hellas, der vor 180 Jahren ein

ernster Gegenstand lebhafter Theilnahme der Mitlebenden

war, ist in unseren Tagen fast ganz vergessen.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 230
Eine Reise des Kurfürsten Johann Georg III. nach

Venedig, bei welcher ursprünglich weder politische noch mili-

tärische Zwecke beabsichtigt wurden, gab die Veranlassung zu

dieser Episode der vaterländischen Kriegsgeschichte. -


Der Kurfürst trat diese Reise am 28. December 1684

mit einem Gefolge von 24 Personen von Dresden aus an,

und traf am 15./25. Januar 1685 unter dem Namen eines

Grafen von Hoyerswerda in der Lagunen-Stadt ein, wo er

sein „Logis in des comte della Thorri Hause, an dem großen

Canale“ nahm. Die alte Republik, damals unter des Dogen

Contarini Regierung, befand sich seit dem Jahre 1669 schon

in einen Krieg mit der Türkei verwickelt, der dadurch ent-

standen war, daß dieser barbarische Staat mitten im Frieden

den Venetianern die Insel Candia weggenommen hatte.

Da es der Republik an Truppen fehlte, und die Kunde

von dem Ruhme des Sächsischen Fürsten und der tapferen

Betheiligung seiner Truppen an dem Entsatze von Wien auch

bis dahin gedrungen war, so bat, nach damals allgemein

üblichem Gebrauche, Contarini den Kurfürsten „um Ueber-

lassung einiger Truppen“, die einige Zeit gegen die Türken

Dienste leisten, und in Sold und Verpflegung der Republik

treten sollten. Der Kurfürst ging auf das Gesuch ein;
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 233
Die im Geheimen Rathe zu Dresden nun definitiv aus-

Gefertigte Capitulation ist vom 28. März 1685 datirt, und

enthält dem Wesentlichen nach Folgendes:

Der Durchlauchtigste Kurfürst von Sachsen will aus

sonderlicher Zuneigung zur Durchlauchtigsten Republik Venedig

bei gegenwärtigen Conjuncturen derselben 3.000 Mann wohl-

exercirte und wohldisciplinirte Truppen zu Fuß, die sich

durch sonderbares Wohlverhalten bei letzterfolgtem Entsatze

von Wien berühmt gemacht haben, zum Kampfe in Dalmatien

wider die Türken auf einige Zeit unter folgenden Bedingungen

überlassen: Diese Truppen, in 3 Regimenter zu 10 Com-

pagnien à 16 Mann prima plana und 84 Gefreiten und

Gemeinen formirt, werden von Sachsen aus nach Verona

oder Palma gebracht und dort nach geschehener Musterung

an einen Comissarius der Republik übergeben. Diese letz-

tere zahlt dem Kurfürsten für die Lieferung der Truppen auf

einen der genannten Musterplätze 120.000 Thaler zu 7½ Pfd.

venetianisch, ausgezahlt in Zechinen, von denen jede 20 Pfd.

gilt. Der Contract dauert zwei Jahre vom Tage der Ueber-

nahme an; wird der Krieg früher beendet, so ist drei Monate,

bevor man die Truppen zurücksenden will, die Anzeige davon
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 234 oben
an den Kurfürsten zu erstatten, bei längerer Dauer des Krieges

müßte eine neue Capitulation geschlossen werden. Die Trup-

pen stehen während der Capitulations-Zeit in Eid, Pflicht

und Verpflegung der Republik, welche frei über sie disponirt;

doch bedingt sich der Kurfürst, daß sie nicht von einander

getrennt werden sollen. Auf Antrag der Republik und gegen

Wiedererstattung der dadurch veranlaßten Kosten will der

Kurfürst den Abgang an Mannschaften ersetzen. Den Truppen

Wird freies „exercitium religionis“ und den Commandanten

derselben die volle „Kriegs-jurisdiction auch in criminalibus“

garantirt. Nach Ablauf des Contracts werden die Truppen

auf Kosten der Republik nach Verona gebracht, und erhalten

dort von derselben noch 2 „Monat Sold“ auf den Rückweg.

Der Sold wird in „ducati correnti zu 26 Kaisergroschen“

ausgezahlt.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 237
Jede Compagnie nahm noch 10 Mann über den Etat mit, um
den Abgang unterwegs zu decken, und bei der Musterung in Venedig voll-
zählig zu erscheinen.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 234 unten
Ehe aber die Truppen sich in Marsch setzen konnten,

mußte von den Potentaten, deren Staaten sie auf demselben

zu berühren hatten, die Durchgangsbewilligung ertheilt wor-

den sein; und diese zu erlangen, hielt sehr schwer, denn die

Disciplin der damaligen Soldateska stand noch auf einer

etwas niedrigen Stufe, und deren Unterbringung und Ver-

pflegung in fremden Landen war in der Regel mit Schwierig-

keiten und Excessen aller Art verbunden.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 238
Die tägliche "Portion"
betrug 2 Pfd. Brod und 2 Kannen Bier; weiter gehende Bedürfnisse
mußte der Soldat aus der eigenen Tasche bezahlen.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 235
Am 21. Mai 1685 fand in Gegenwart des Kurfürsten

bei Pegau die von dem General-Kriegs-Commissar von Pfull

(Pfuhl, Phull) abgenommene Musterung des mobilen Corps

Statt; es waren auserlesene, gute Truppen; wohl der Kern

der Armee an Offizieren und Mannschaften. Das aus Ab-

geben der gesammten Armee formirte Corps bestand aus

3 Regimentern zu 1.000 Mann in 10 Compagnien, der bis-

herige Trabanten-Hauptmann, Oberstleutnant Hanns Rudolph

von Schönfeld, wurde zum Obersten und Obercommandanten

der drei Regimenter ernannt.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 238
Am 22. Mai marschirten die drei Regimenter von Pegau

ab, guten Muths in ein weit entlegenes Land. Der Kurfürst

hielt den Offizieren noch eine eindringliche Abschiedsrede, die

er mit der Ermahnung schloß, „ihre Pflicht wohl zu thun,

mit Ehren und treu geleisteten Diensten wieder zu kommen,

oder sich nimmer mehr sehen zu lassen.“

Das Corps rückte über Zeitz nach Plauen, dann die

Grenzen des Vaterlandes verlassend, durch Franken nach

Schwaben. Bei Donauwerth wurde die Donau überschritten,

und weiter ging es über Augsburg nach Insbruck.
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In Verona wurden die Truppen ans Land gesetzt;

sie trafen am 8./18. Juli und an den nächstfolgenden Tagen

„auf der Insul Lido bei Venedig“ ein. Der Gesammt-

Abgang des Corps während des siebenwöchigen Marsches

an Todten und Deserteurs betrug 204 Mann; doch war

dasselbe infolge der schon erwähnten Mehrwerbungen noch

immer übercomplet.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 244
Am 4./14. September früh 8 Uhr brach Degenfeld mit

der „in bataille“ gesetzten Armee auf, und marschirte „recto“

auf den Feind. Dieser rückte auch vorwärts und griff den

linken Flügel, die Sachsen, „furios absonderlich mit der

Cavalerie“ an. Ueber den ferneren Verlauf der Schlacht

von Kalamata geben die Berichte der Sächsischen Com-

Mandanten, die sich nur auf die Kurfürtslichen Truppen bezie-

hen, die nachstehenden, wörtlich ausgezogenen Notizen:
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 246
Unsere Batail-

lone hielten das Feuer des Feindes und die Angriffe seiner

Reiterei unerschrocken aus. Leider aber ist der Oberstleutnant

von Trützschler gleich anfangs stracks erschossen worden,

außerdem haben wir an Todten den Leutnant von Kanne

und 21 Mann, und an Beschädigten 56 Mann, darunter den

Fähnrich von Geusau. Das Gefecht dauerte nur 2 Stunden. –

Der General Morosini berichtete dem Kurfürsten über die

stattgehabte Schlacht, und sagte in dem bezüglichen Schreiben:

Die tapferen und berühmten Sächsischen Truppen, welche zu

commandiren meine höchste Ehre ist, und welche den unsterb-

lichen Kriegsruhm Ew. Kurf. Durchlaucht rechtfertigen, haben

am 14. September vor der Festung Kalamata dem Capitain-

Bassa gegenüber höchst tapfer gefochten, und ihn in eine

schändliche Flucht gejaget.
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Nachdem das Kriegsglück bisher den Geist der Truppen

unterstützt hatte, brach auf einmal die Noth in mancherlei

Gestalt über die Sächsischen Regimenter ein. Auf die

drückende „Backofen“ Hitze folgten plötzlich die anhaltenden

herbstlichen Regengüsse; ein ungesundes, ungewohntes Klima,

„so schlimm, daß es Niemand aushalten kann, und besonders

dem Deutschen zuwider“ forderte seinen Tribut. Die rothe

Ruhr, die Pest begannen ihren Feldzug, und rafften viele
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Opfer, namentlich an Offizieren hin; wozu der Genuß des

schweren Weines das Seinige beitrug. Der dritte Theil des

Corps lag krank darnieder. Die Krankheiten wurden um so

mörderischer, da es an Wartung und ärztlicher Pflege fehlte.

Es waren weder Decken noch Matratzen für die Kranken

vorhanden; sie „campirten“ in den Schiffsräumen, wo sie

mehr über- als nebeneinander zusammengepackt waren. Es

fehlte an Brod, Salz, Wein, selbst die Löhnung erhielten die

Soldaten nicht mehr pünktlich ausgezahlt; von dem versproche-

nen guten Tractament der Herren Venetianer war nicht viel

zu spüren. Da auch die Feldprediger krank waren, so konn-

ten die Soldaten, die Gesunden wie die Sterbenden, nicht

einmal ihren protestantischen Gottesdienst gehörig mehr ab-

warten. Das einzige „refugium“ der Kranken waren die

Schiffe, - war man aber einmal dorthin gekommen, so ging

es bald über Bord.

Zu dieser allgemeinen Calamität kam noch, daß man

den Sachsen die Insel St. Maura für die Winterquartiere

anwies, „Ein Land, wo aller Schelme Ursprung ist, sehr

ungesund und voller Banditen, wo der Vater den Sohn,

und der Sohn den Vater umbringt.“
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 248 unten
Ihre Lage

besserte sich dadurch nicht; anstatt in gute Quartiere, in denen

sie sich hätten herstellen und erholen können, wurden sie in

elende, leere Casernen auf die nackte Erde gelegt; sie erhielten

weder Holz noch Licht noch Betten, und eben nur das trockene
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Unterkommen. Kaum erhielten sie für schweres Geld die

nöthigen Lebensmittel; überall lauerten banditen und Mörder,

um dem Soldaten das Wenige, was er hatte, zu rauben,

oder ihn hinterrücks niederzustoßen. Das edle, gastfreund-

schaftliche Volk der Phäaken, das einst den Odysseus rettend

aufnahm, war längst aus der Insel verschwunden, und

hatte seine Tugenden nicht auf die entarteten Nachkommen

vererbt. –
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 250
Aus Mangel an guter Ordnung,

nöthiger Provision und wegen ungewohnter Luft sind etliche

Hundert Mann in den Winterquartieren gestorben. Itzo da

man zu Felde gehen und was Hauptsächliches tendiren soll,

ist eine solche infection unter den Truppen, daß wenn die

Stunde ein Offizier gesund mit den Soldaten spricht, er in

der anderen Stunde todt ist.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 251
Die Sächsische Besatzung von Chialesa und die drei

Compagnien von den Schiffen trafen nun wieder bei ihren

Regimentern ein, deren summarischer Bestand nach dieser Ver-

einigung beim 1. Regiment 727 Mann, beim 2. 642 Mann

und beim 3. 684 betrug. Die Berichte aus dieser Periode

melden: Die Krankheiten dauern fort, alle Uebel drücken die

Truppen. Es ist kein gesunder Feldzug, sondern Kranke und

Gesunde schwimmen eng über einander gepackt im Meere

herum; es ist schlimmer als die härteste Strafe des Kurfürsten

zu betrachten. Man ist in steter Todesgefahr, auch ohne den

Feind zu sehen.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 256 oben
Die Sächsischen Regimenter hatten während der Bela-

gerung bedeutende Verluste erlitten. Die Oberstleutnants

von Kleist und von Schönfeld waren im Gefecht geblieben;

der Oberstleutnant von Wolde, durch den Kopf geschossen,

mußte der schweren Verwundung wegen den Abschied nehmen,

die Hauptleute von Miltitz, von Milkau, von Carlowitz,

von Schliefen, mehrere andere Offiziere und eine große An-

zahl von Soldaten waren geblieben. Der Oberstleutnant

von Schweinitz, die Majors von Kleist und von Schönfeld,

die Hauptleute von Metzradt, von Wostromirsky, Graf Tat-

tenbach, Graf Trauttmannsdorff, sowie viele Offiziere, sämmt-

liche Aerzte und eine Menge Soldaten waren an Krankheiten

gestorben. Die Zahl der noch vorhandenen Kranken, ohne

Aerzte und Medicamente, „die Regimentskasten waren leer“,

stieg immer mehr; der Major von Goltz „war in seiner

Krankheit so rasend, daß er keinem Menschen mehr glich“;

bald erlöste auch ihn der Todt. Die Regimentslisten zeigten

für das 1. Regiment noch 558, für das 2. 534 und für

das 3. 486 Mann.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 256 unten
Am 5./15. September meldete der Feldmarschall Graf

Königsmark dem Kurfürsten nun auch den an Krankheiten

erfolgten Tod der Obersten von Schönfeld und von Toppau,

und die Erkrankung des Obersten von Kleist an der Schwind-

sucht; Kleist wurde in das Hospital nach Venedig geschafft
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 257 oben
und nahm im Januar des folgenden Jahres seinen Abschied.

Der Muth und die Standhaftigkeit der Truppen, sowie ihr

sonstiges Verhalten wurden von Königsmark in seinem Be-

richte mit ehrenden Worten der Anerkennung und des Lobes erwähnt.

Der Oberstleutnant von Lüttwitz schrieb aus dem Lager

von Napoli im Monat September: In dieser Jahreszeit

beginnt hier Alles zu kranken und zu sterben; denn da

herrschet in hiesiger Gegend, wie die Griechischen Bauern

erzählen, die Pest. Innerhalb Jahresfrist wird Niemand mehr

von uns am Leben sein. –
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 257 unten
Die Ueberfahrt von Napoli nach Navarin „war sehr

gefährlich wegen der schrecklichen Stürme und boraschen,

die auf dem Meere herrschten, man sahe stündlich seinen

Untergang vor Augen“. Die Fahrt dauerte 21 Tage,

und in dieser Zeit starben von den drei Regimentern 300

Mann.

Die Stadt Navarin war fast nur noch ein Steinhaufen.

Die 30 Sächsischen Compagnien wurden in 30 kleine

Häuser verlegt. Die Hälfte der Mannschaft mußte aber ob-

dachlos auf der Straße liegen; „die Leute waren elender als die

Hunde untergebracht“. Unter den Truppen verbrei-

tete sich nach und nach die Meinung, daß man seiten der

Republik sie absichtlich „crepiren“ lassen wollte, da man

wegen ihres bevorstehenden Abmarsches keine Dienste mehr

von ihnen zu erwarten hätte. Die Sachsen glaubten sich, im
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 258 oben
Vergleich mit den andern deutschen Hilfstruppen, vollständig

verlassen und vernachlässigt. –

Die Republik Venedig bot an Versprechungen Alles auf,

um die Sächsischen Regimenter länger in ihrem Dienste zu

behalten. Klemm und Molina traten in lebhafte Correspon-

denz darüber mit dem Kurfürsten. Endlich erklärte dieser in

einem Schreiben vom 13. December 1686: Wenn die Repu-

blik mehrere, detaillirt bezeichnete, wichtige Verbesserungs-

vorschläge bei der Capitulation zugestehen, und mehr Sorg-

falt in Behandlung der Truppen und Beobachtung des neuen

Contracts versprechen würde, und ferner dem Kurfürsten

40.000 Thaler baar bezahlte, so werde er seine Regimenter

noch bis zu Michael 1687 in Morea lassen; dann müßten

dieselben aber die Winterquartiere in Italien angewiesen

erhalten, und im Monat März 1688 den Rückmarsch ins

Vaterland antreten. Ueber diese, wohl absichtlich etwas

hoch gespannten Forderungen begannen nun unendlich aus-

gesponnene Berathungen zu Venedig. Sie blieben erfolglos.

Am 15./25. December 1687 erklärte die Republik, auf die

gestellten Bedingungen nicht eingehen zu können, und bat

um eine mildere Capitulation. Darauf entgegnete der Kurfürst
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 258 unten
durch Schreiben vom 15. Februar: „Da der Republik seine

Bedingungen nicht genehm wären, so verlange er hiermit

seine Truppen sofort zurück, damit sie in Navarin nicht

vollends zu Grunde gehen möchten.“ Und nun willigte die

Republik mit großem Bedauern in die Abführung der Trup-

pen. – Inzwischen hatte der Zustand derselben in Navarin sich

nicht gebessert. Eine vom 23. November (3. December) 1686

datirte Bestandsliste der drei Regimenter, unterschrieben von

dem ältesten Offizier, Oberstleutnant von Lüttitz, zeigte nach-

stehende Zahlen:

1. Regiment 328 Gesunde 47 Kranke

2. Regiment 360 Gesunde 127 Kranke

3. Regiment 318 Gesunde 73 Kranke

In Summa 1.006 Gesunde u. 247 meist hoffnungslos Kranke.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 260 oben
Endlich am 4./14. Mai wurden die drei Regimenter, im

Ganzen einschließlich der Offiziere zu diesem Zeitpunkte 782

Mann zählend, eingeschifft. Am folgenden tage lichtete die

kleine Flotille die Anker, und die Sachsen segelten heimwärts.

– Lüneburger, Hessen und Würtemberger blieben dagegen

zurück, und mußten noch für längere Zeit fern vom Vater-

lande weilen.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 260 unten
Die enormen Abgänge an Offizieren
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 261
hatten natürlich viele neue Ernennungen nöthig gemacht, bei

deren Wahl man unter den herrschenden Umständen weder

lange prüfen konnte, noch sehr difficil sein durfte. Daher

war mitunter „mit den vielen neuen ungezogenen und rohen

Oberoffizieren kaum auszukommen“. Mancherlei Excesse,

Duelle und Mißhandlungen der Untergebenen kamen vor,

und da die Auditeurs auch gestorben waren, so war es

unmöglich, diese Vergehungen gerichtlich zu untersuchen und

zu beurtheilen. Zur Niedersetzung von „Kriegsrechten“ über

Offiziere fehlte es an Beisitzern der gleichen und höheren

Grade; auch an Gelegenheit und Mitteln zur Vollstreckung

der Strafen war absoluter Mangel. Selbst die nöthigen

Schreiber zur Aufnahme eines Thatbestandes waren nicht

vorhanden. Auch die Feldprediger hatten in der letzten Zeit

nicht ihrer Pflicht gemäß auf den moralischen Zustand des

Soldaten gewirkt. Anstatt „den Soldaten zu erbauen und

zu trösten, hatten sie sich in vielen Dingen über alle Maßen

prostituiret“. Zwei waren nun auch todt, und der übrig

gebliebene, vom Regiment Toppau, war just der schlimmste,

er „prostituirt sich vielfach und hat auch schon mehrmals

Maulschellen bekommen“. –
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 262 oben
Am 10./20. August marschirten die Regimenter mit einem

zweimonatlichen Solde versehen von Venedig nach Verona

ab;
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 262 mitte
Am 20./30. August traf das kleine Corps in Roveredo,

am 28. August (7. Septbr.) in Brixen ein; am 9:/19. Septbr.

war es in Augsburg und am 20./30. Desselben Monats in Nürn-

berg. Der Generaladjutant Friedrich Casimir von Rathsam-

hausen wurde von dresden aus den Heimkehrenden bis an

die Landesgrenze entgegen gesendet. Er führte sie direct nach

Pegau, wo dieselben in den ersten Tagen des Monats October

1687 eintrafen.

Bei der nun stattfindenden Musterung zählte das Corps

Summa Summarum 761 Mann; und zwar:

das 1. Regiment 235 Mann

das 2. Regiment 295 Mann

das 3. Regiment 231 Mann

uts.

Man feierte ein sehr ernstes Wiedersehen in dem gelieb-

ten Vaterlande. Drei Viertheile der vor 2½ Jahren Aus-

marschirten lagen im Meere, oder in ferner, fremder Erde

begraben; und von dieser nicht wieder heimgekehrten Menge

hatten die Wenigsten auf dem Schlachtfelde den schönen Tod

im muthigen Kampfe gefunden, die Mehrzahl derselben war

von den herrschenden Krankheiten dahin gerafft worden.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 262 unten
Gar manche Familie hatte wohl noch nicht einmal die

Nachricht von dem Verluste theurer Verwandten, und suchte

dieselben mit bangem Blicke vergeblich in den Reihen der

Heimkehrenden.
Archiv für die sächsische Geschichte, zweiter Band, Seite 263
Der kleine Rest der drei Regimenter kam still und ohne

festliches Gepränge im Vaterlande an. Und selbst der wohl-

erworbene Ruhm verscholl bald in dem Strudel der Zeiten,

wich anderen Erinnerungen und dauerte nicht zum Nach-

ruhme. -
aus: "Archiv für die Sächsische Geschichte.
Herausgegeben von Dr. Wilhelm Wachsmuth, ordentl. Professor der Geschichte in Leipzig und Dr. Karl von Weber, Ministerialrath, Director des Haupt-Staatsarchivs in Dresden.
Zweiter Band. Verlag von Bernhard Tauchnitz, Leipzig 1864, Seiten 225 bis 263 (stark gekürzt)