Die Schweden richten den Livländer von Patkul hin

am 10. Oktober 1707


aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 250
Der berühmteste und beklagenswertheste Gefangene des Königsteins vom
9. September 1706 bis Mai 1707 war Johann Reinold oder Reginald von Patkul,
ein Liefländer, merkwürdig durch sein vielbewegtes Leben, wie durch den schmählichen
Tod, den er erleiden mußte. Zu Stockholm 1660 in einem Kerker geboren, welchen
seine Mutter freiwillig mit seinem Vater theilte, der die Stadt Wollmar an die
Polen verrathen haben sollte. Johann Reinolds offener Kopf und Patriotismus
erwarben ihm bald unter seinen Landsleuten, den Liefländern, Anerkennung. Er
führte für Lieflands Gerechtsame gegen Schweden das Wort; von der Zeit an
wurde er von den Schweden als Rebell betrachtet und der Prozeß ihm gemacht,
zufolge dessen er verurtheilt wurde, infam (er war Kapitain) erklärt zu werden, dann
die rechte Hand und den Kopf zu verlieren, seine Güter sollten eingezogen und
seine Schriften durch den Scharfrichter verbrannt werden. Unter dem Namen
Fischering flüchtete er nach der Schweiz und Frankreich und wurde 1698 durch
Vermittlung des kursächsischen Generallieutnants Flemming Geheimrath in sächsischen
Diensten. Vergebens hatte er um Amnestie beim schwedischen Hofe nachgesucht, der
Haß gegen ihn, der offen und frei seines Vaterlandes Lieflands Rechte vertheidigt
und Schweden der Ungerechtigkeit gegen dasselbe geziehen hatte, lebte unauslöschlich
fort. Patkul nahm daher mit Freuden Theil an dem Plane Augusts des Starken
in Verbindung mit Dänemark und Rußland Schweden zu bekriegen.

Um diesen Plan, bei dem er zugleich für Liefland Freiheit vom schwedischen
Joche zu erringen strebte, besser in´s Werk zu setzen, trat er dann in russische Dienste
über und kam als russischer Generallieutnant nach Dresden, indeß sein Hitzkopf
gerieth bald auf dem schwierigen Terrain des Dresdener Hofes in höchst unangenehme
Verwicklungen, was seine Verhaftung zur Folge hatte.

Karl XII., sein Todfeind, bedingte sich in dem mit August dem Starken zu
Altranstädt geschlossenen Frieden Patkuls Auslieferung aus, was eben so viel wie ein
Todesurtheil für diesen galt. Patkul wurde ausgeliefert, von der schwedischen Armee
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 251
mit fortgeführt und auf dem Marsche (beim Kloster Kasimir) durch ein Kriegsgericht
zum Tode verurtheilt; er wurde von unten herauf lebendig gerädert, bei welcher
Procedur der ungeschickte Henker, der nicht einmal ein ordentlches Rad hatte, so
außer Fassung kam, daß ihn ein Angstfieber packte und der Verurtheilte mit zerbrochenen
Gliedern mühsam zum Block hin kroch und den Henker ermuthigte, ihm den Kopf
vom Rumpfe zu trennen. Diese scheußliche Hinrichtung geschah am 10. October 1707.
Glücklicherweise hatte Karl XII., ein roher aber viel betender Kriegsmensch, so viel Unglück
in Rußland, daß er nicht wieder als Heerführer nach Deutschland kam. August
der Starke ließ, als er wieder in den Besitz Polens gelangte, 1713 Patkuls Gebeine
sammeln und in Warschau beerdigen.
aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 250 - 251