Die Schlacht bei Kesselsdorf

Kesselsdorf bei Dresden, am 15.12.1745


Im Rahmen des Zweiten Schlesischen Krieges siegen die Preußen unter dem Kommando des Fürsten Leopold von Dessau („Der Alte Dessauer“, 1676 – 1747) gegen die verbündeten Österreicher und Sachsen unter Feldmarschall Friedrich August Graf Rutowski (1702 – 1764) in der Schlacht bei Kesselsdorf. Die Preußen beklagen etwa 5.000 Tote und Verwundete, die Verbündeten etwa 14.500. Am 17.12. wird Dresden an die Preußen übergeben, am 18.12. zieht der preußische König Friedrich II. (1712 – 1786) in Dresden ein und am 25.12. schließt Friedrich II. mit Abgesandten der Erzherzogin von Österreich Maria Theresia (1717 – 1780) und des Kurfürsten von Sachsen Friedrich August III. (1696 – 1763) den „Frieden von Dresden“. Damit endet der Zweite Schlesische Krieg zugunsten Preußens.

Schauplätze der Geschichte - Reise in die Geschichte - Sachsen, Seiten 55 und 56
Quelle:
Schauplätze der Geschichte - Reise in die Geschichte - Sachsen, Seiten 55 und 56
Kartographischer Verlag Busche GmbH, Dortmund, 1. Auflage 1992

aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 56
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 57
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 58
aus: ´Das goldne Buch vom Vaterlande´, Löbau: Walde, 1859, Seite 59

Nun
gings gerade auf Kesselsdorf, wo der Dessauer um Mittag die feindliche Schlacht-
ordnung vor Augen sah. Hier kommandirte Rutowski und war sehr von der
Unüberwindlichkeit seiner Stellung überzeugt, daß er dem Prinzen von Lothringen,
der ihm hatte sagen lassen, im Falle er Hilfe brauche, solle er es ihm sogleich melden
lassen, damit er herbeikäme, antworten ließ: die Preußen würden ihn in seiner festen
Stellung nimmermehr angreifen, und wenn sie es thäten, würde er ihnen ohne
jeglichen Beistand gewachsen sein.

Die sächsische Stellung erstreckte sich rechts von Kesselsdorf, wo der sächsische
linke Flügel sich festgesetzt, auf günstigen Anhöhen hinter einer Schlucht, welche dicht
vor Kesselsdorf anfangend sich tiefer und tiefer gegen die Elbe fortzog bis zu der
Höhe vor dem Dorfe Pennerich, welche Höhe dem sächsischen rechten Flügel zum
Anhalt diente; von hier bis zur Elbe selbst durch die zunehmend vertiefte Schlucht
nur stets noch besser gedeckt, standen die Oesterreicher, 10 Bataillone, unter General
Grünne. Die ganze unter Rutowskis Oberbefehl hier vereinigte Armee betrug
35.000 Mann. Von dieser festen Linie lag in der Tiefe das Dorf Zöllmen,
besetzt von 1.000 Warasdinern, die ganze Stellung durch aufgepflanztes Geschütz
- man zählte 54 schwere Kanonen und 44 sogenannte Geschwindstücken - auf
allen Punkten wohl vertheidigt, schien unangreifbar. In Kesselsdorf selbst waren
7 Bataillone sächsischer und österreichischer Grenadiere und das schöne Regiment
Rutowski hinter Zäunen und Hecken vortheilhaft aufgestellt, unter dem Schutze von
28 Stück Geschütz, welche rechts und links die Zugänge bestrichen; links von Kessels-
dorf, wo der Boden in Fläche überging, standen 12 Schwadronen Dragoner als
Rückenhalt, die übrige Reiterei war hinter der Schlachtordnung vertheilt.

Wie gewöhnlich ohne Zaudern befahl der alte Dessauer den Angriff. In seiner
Soldatensprache sagte er: jetzt wolle er in Sachsen einen Gestank ausgehen lassen,
an dem man viele Jahre zu riechen haben sollte. Unter dem vom sächsischen linken
Flügel her sehr wirksamen Geschützfeuer mußten sich seine Truppen in drei Treffen
aufstellen, wozu die Musik den Dessauer Marsch spielte. Alles ging so haargenau
wie auf dem Exercirplatz ab. In Zeit von ein paar Stunden war der Aufmarsch
vollendet und da es um 2 Uhr Nachmittags geworden, war des zeitigen Abends
wegen keine Zeit zu verlieren. Das Trauerspiel begann also und zwar mit dem
Angriff auf Kesselsdorf, das er als den Schlüssel der ganzen feindlichen Stellung erkannt
hatte. Sein rechter Flügel machte diesen Angriff. Indem dessen ganze Linie mächtigst
anrückte, setzte sich der alte Dessauer an die Spitze dreier Grenadierbataillone, unterstützt
von drei Bataillonen seines Regimentes und richtete laut gegen Himmel das Gebet:

"Lieber Gott, steh mit heute gnädig bei, oder willst Du mir diesmal nicht
beistehen, so hilf wenigstens auch dem Schurken von Feind nicht, sondern sieh, wie´s
kommt."

Mit gezogenem Degen und dem Kommando: "In Gottes Namen! Marsch!"
führte er den Angriff gradezu gegen die Spitze von Kesselsdorf. Unter dem General
von Herzberg rückten die preußischen Grenadiere mit entblößter Brust und scharf
geschultertem Gewehr bergan auf ungünstigem Boden vor, ohne einen Schuß zu
thun. Furchtbares Kartätschenfeuer verwüstete ihre Reihen, ebenso das Gewehrfeuer
der in Kesselsdorf postirten feindlichen Grenadiere. Auf Befehl des Dessauers drangen
zu gleicher Zeit der General von Lehwald mit Infanterie, der General von Gesler
mit 3 Regimentern Reiter gegen die linke Seite von Kesselsdorf vor, so daß der
ganze Angriff einen Haken bildete. Der Tod hielt reiche Ernte, aber nichts
erschütterte den alten Dessauer. Mit grimmigem Zuruf trieb er seine Bataillone
vorwärts und die tapferen Leute erstiegen die eisglatte Höhe und strengten sich an,
ins Dorf hineinzudringen. Trotzdem sie 5 vor dem Dorfe aufgepflanzte Kanonen
erobert hatten, warf der Hagel von Kugeln, der auf sie niederregnete, sie zurück,
ganze Reihen stürzten zusammen, General von Herzberg und eine Menge seiner
besten Officiere fielen tödtlich verwundet oder als Leichen nieder, die zertrümmerten
Schaaren wichen zurück. Der alte Dessauer fluchte und lamentirte aufs Greulichste
und führte sie aufs Neue gegen die Batterien vor. Die Preußen erhielten hier einen
so gewaltigen Aderlaß, daß, da die strenge Kälte das Blut schnell in Eis verwandelte,
noch 14 Tage nachher große gefrorene Pfützen davon zu sehen waren.

Der Verlust an Menschen nahm mit jedem Augenblicke zu, ungeheure Lücken
in den anstürmenden Reihen zeigten die entsetzlichen Wirkungen der feindlichen Geschütze.
Das Schlimmste war, daß die Preußen des ungünstigen Bodens wegen ihre Geschütze
nicht anwenden konnten und ein bedeutender Theil desselben auch, wenn sie das
gekonnt hätten, noch zu weit zurück war. Auch der zweite Angriff war abgeschlagen
und der alte Dessauer zog, damit seine erschöpften Leute etwas Muth und Kraft zu
neuem Angriff sammeln konnten, etwas nach rechts. Das Zurückweichen der Preußen
geschah nicht in bester Ordnung, aber gerade das war es, was für sie den Sieg
herbeiführte. Rutowski hatte strengen Befehl gegeben, daß kein Mann seine ange-
wiesene Stellung verlassen solle; aber der Taumel des vermeintlichen Sieges machten
die Oesterreicher und Sachsen dieses Befehls vergessen; um die fliehenden Preußen
zu verfolgen, stürzten sie mit Victoriageschrei aus dem Dorfe heraus. Die öster-
reichischen Grenadiere warfen sich über die gefallenen Feinde, um sie zu plündern.
Das Regiment Rutowski kam bei diesem unseligen Rausche sogar vor die eigenen
Batterien, deren Feuer deshalb schweigen mußte.

Diesen Moment benutzte der alte Dessauer mit rascher Entschlossenheit. Als
Rückhalt seiner 6 Bataillone war das Dragoner-Regiment Bonin aufgestellt, auf
seinen Befehl brach es, vom Obersten von Lüderitz geführt, in die getrennten Reihen
des Feindes ein. Diese Ueberraschung war zu groß, dem ungestümen Reitersturm
leisteten die verblüfften Gegner geringen Widerstand, die meisten wurden nieder-
gehauen, gefangen, die wenigsten gelangten fliehend ins Dorf zurück, aber mit ihnen
zugleich drang der Dessauer mit dem gesammten Fußvolk des preußischen linken
Flügels von allen Seiten ungestüm in das Dorf ein, dessen er sich bemächtigte, ehe
der Feind wieder zur Fassung gelangen konnte. Die Kanoniere wurden niedergemacht,
das sämmtliche Geschütz erobert, nach kurzem aber sehr blutigem Gefecht streckten die
das Dorf vertheidigenden Truppen das Gewehr. Die Folge ihres Ungehorsams
bahnte den Feinden den Weg zum Siege. Noch war das Resultat des Kampfes
unvollkommen, da der Besitz des Dorfes noch nichts Bestimmtes entschied. Es mußte
schnell gehandelt werden, denn der Abend war hart vor der Thür und der alte
Dessauer war ganz der Mann dazu, die Gunst des Augenblicks festzuhalten. Er
ließ den General von Gesler mit der Reiterei des rechten Flügels das Dorf in der
linken Seite, gegen welche erwähnter Flügel von Anfang her seine Richtung gehabt,
umgehen und über die 12 Schwadronen sächsischer Dragoner, welche daselbst als
Rückhalt aufgestellt waren, herfallen. Der Anprall der preußischen Cavallerie war so
heftig, daß die sächsischen Dragoner geworfen wurden und trotz aller Bemühung
nicht zum Stehen kommen konnten. Unaufhaltsam drang jetzt der ganze preußische
rechte Flügel aufrollend, die Stellung der Sachsen hinab, warf Alles, was Widerstand
leistete, nieder, und die Unordnung, das Gewirr der Flucht beherrschte die Sachsen.

Unterdeß hatte der preußische linke Flügel, vom Prinzen Moritz von Dessau
befehligt, über die Schlucht hinüber, die zwischen beider Schlachtordnung trennend
hinlief, ein heftiges Kanonenfeuer gewechselt, weil die Schwierigkeit des Bodens jede
weitere Unternehmung versagte. Als jedoch der Sieg auf dem rechten Flügel sich so
glänzend entschied, wollte die Infanterie des linken nicht mehr zurückbleiben. Unter
dem fürchterlichen Kugelregen des feindlichen Geschützes warfen sich zwei preußische
Regimenter, mit dem Gewehr zwischen den Beinen die jähen Wände der Schlucht
hinabrutschend, in die Thaltiefe, nahmen das Dorf Zöllmen, und stiegen auf der
andern Seite trotz Morast, Schnee und Gestein den steilen Boden wieder hinan.
Auf dem Rande der Höhe angelangt, suchten sie schnell ihre gebrochenen Reihen
wieder herzustellen und stürmten in Trupps zu 30 - 60 Mann, wie sie eben ankamen,
gegen das sächsische Fußvolk, welches über diesen so ganz unerwarteten Anblick erschrocken,
allmälig in Unordnung gerieth und zu weichen begann. In diesem verhängnißvollen
Moment aber stürzten sich zwei sächsische Reiterregimenter auf die noch ungeordneten
preußischen Haufen, welche jedoch vermöge der Uebung und Zucht sich schnell schlossen
und so wie die feindlichen einherstürmenden Reitercolonnen in Schußnähe waren,
ein dermaßen wohlgeführtes Feuer auf sie richteten, daß sie zur Umkehr gezwungen
auseinander stiebten. Das preußische Gewehrfeuer that die entsetzlichste Wirkung und
wie es in solchen furchtbaren Stunden, wo Massen um Tod und Tod spielen, zu
gehen pflegt, daß Schreck das Vertrauen auf die eigene Kraft lähmt, so war es auch
hier der Fall, kein sächsisches Viereck hielt. In einem massenhaften Entgegenwerfen
der ganzen sächsischen Reiterei wäre noch die ungünstige Wendung, die der Kampf
genommen, aufgehalten, umgewandelt worden, allein nichts war vermögend, weder
das Zureden der Generale, noch das Beispiel des Herzogs von Weißenfels, der sich
an die Spitze dieser 50 Schwadronen starken Cavallerie stellte, sie zum Einhauen
zu bringen.

Zu allem Unheil hatten die Preußen sogar trotz aller Hindernisse, die ihnen die
feindlichen Geschütze und der Boden entgegensetzten, einige ihrer Batterien mit unge-
heuren Mühen bergan gebracht und deren gut genährtes Feuer zersprengte diese
Reiterei gänzlich, so daß eine allgemeine Flucht zur Losung wurde. Die bis jetzt
noch wegen der Hindernisse des Bodens ganz unthätig gebliebene Reiterei des
preußischen linken Flügels unter den Generalen von Wreech und von Rochow, war
unterdeß herangekommen und übernahm nun die Verfolgung, welcher aber der
schnelle Anbruch des Abends ein Ende machte. Die Sachsen ließen 3.000 Todte
und 7.000 Verwundete, welche fast alle gefangen genommen wurden, zurück, außerdem
5 Fahnen und 3 Standarten, 1 Paar Pauken und 46 Kanonen. Der Verlust der
Oesterreicher kam gar nicht dagegen in Betracht, denn die Nacht begünstigte
ihren Rückzug, ehe der Angriff sie noch ganz erreicht hatte. Die Preußen gaben
ihren Verlust auf 1.600 Todte und 3.400 Verwundete an, indeß dies ist unglaublich
und die sächsischen Berichte gaben ihn weit über das Doppelte an, was selbst von
Seiten enragirter Preußen nicht widerlegt wurde, da sie nicht anders konnten, als
den Sachsen das Lob der Tapferkeit zu geben. Dem alten Dessauer kam es nie
darauf an, bei derartigen Gelegenheiten sich in die Tasche zu lügen. Was nützt es
denn auf der Welt, zu wissen, daß es mindestens eben so viel Todte als die Sachsen
gehabt hatte! Ihm selbst waren bei dem Sturm auf Kesselsdorf 3 Kugeln durch
den Rock gegangen, sein Regiment hatte bedeutend gelitten. Indeß er war aufrichtig
genug zu bekennen, daß der größte Theil an dem ruhmvollen Tagewerke dem General
von Gesler durch dessen Reiterangriffe gebühre. Die Preußen übernachteten auf dem
Wahlplatz, des Dessauers Regiment in den rauchenden Trümmern von Kesselsdorf,
er selbst in Pennrich.

König Friedrich harrte in Meißen voll der peinlichsten Ungewißheit auf Nach-
richten. Man sah den Himmel feurig, man hörte den Kanonendonner. Um auf
alle Fälle gefaßt zu sein, ließ der König die Reiterei satteln, das Fußvolk unter
Gewehr treten, schickte Streifparteien aus, um Erkundungen einzuziehen, was vor-
ginge, er selbst ritt mit einer Husaren-Schwadron auf der Straße nach Dresden vor,
mußte aber wegen einbrechender Dunkelheit wieder umkehren. Endlich brachte ihm
ein Officier von Leopold die Siegesnachricht. Am folgenden Tage, den 16. December,
rückte der König nun eiligst zu dem Dessauer heran und hierauf die vereinigte
Heeresmacht auf beiden Elbufern gegen Dresden vor. Auf diesem Wege fielen den
Preußen noch vieles Geschütz und 4.500 Gefangene in die Hände. Am 17. December
besichtigte der König an seines Feldherrn Seite das Schlachtfeld und ertheilte ihm
die größten Lobsprüche. Er schenkte ihm 50.000 Thaler, jedem Stabsofficier 500 Thaler
und ertheilte zahlreiche Belohnungen und Beförderungen.


aus: "Das goldne Buch vom Vaterlande", Löbau: Walde, 1859, Seiten 56 – 59

In ihrem Buch "Aus der Heimat - Geschichten, Schilderungen und Beschreibungen von Dresden und seiner Umgebung" beschreiben K. Döring, W. Jahn und P. Müller auf den Seiten 58 bis 62 diese Schlacht:

Grabmal für den Obristen von Reitzenstein
Der stark verwitterte Grabstein für von Reitzenstein auf dem Inneren Neustädter Friedhof.

Ein stiller Zeuge von blutiger Schlacht

Es war ein stiller, dämmriger Sonntagnachmittag im Dezember. Ich hatte meine Schritte nach dem Neustädter Friedhof gelenkt. Das große Gräberfeld lag einsam und verlassen. Ein leichter Frost hatte das düstere Aschgrau der Grabhügel und all die erstorbenen Blumen und vergilbten Kränze mit einem glitzernden Weiß überdeckt. In weihevollen und ernsten Gedanken wandelte ich, einer alten, liebgewordenen Gewohnheit folgend, durch die langen Hügelreihen. Da ruhten sie nun, wie die Denksteine kündeten, alle: von uraltem Adel oder schlichte Bürger, Arme und Reiche, Vornehme und Geringe, Mann und Weib, jung und alt - alle - alle!
Vor einem Sandsteindenkmal von doppelter Manneshöhe im ersten Lande, dessen verwittertes Aussehen auf ein sehr hohes Alter schließen ließ, blieb ich stehen. Seine Spitze krönte ein Kriegerhelm, von dem aus breite Fahnentücher zur Seite herabfielen. Zwei trauernde Krieger rechts und links, eine Menge militärische Zieraden, ein Adelswappen in der Mitte des Sockels - alles das deutete auf einen Krieger, der hier ruhte. Ich trat näher und las:

Christoph Ernst von Reitzenstein,

Seiner königlichen Majestät in Polen, Churfürstliche Durchlaucht in Sachsen, Obrist bei dem Dragoner-Regiment Prinz Sondershausen. Geboren 1691. So setzte er sein Leben auf, indem er an der Schlacht bei Kesselsdorf den 15. Dec. 1745 empfangenen Wunden den 2. Jan. anno 1746 in Dresden seinen edlen Geist aufgab." Auf der Rückseite war geschrieben:
"Vor dich, o Sterblicher,
Kann dieser Leichenstein -
Du denkst vielleicht nicht dran -
Ein stummer Zeuge sein.
Wie unvermerkt kommt die letzte Stunde -
Was hilft Kommandostab,
Der Adel und die Orden?
Der alles dieses trug -
Ist doch zu Asche worden."
1746! So hatte mich der Zufall zu dem ältesten Grabmale des Friedhofes und zugleich zu einem stillen Zeugen einer blutigen Schlacht geführt. Sinnend blieb ich stehen - aus dem verwitterten Denkmal stieg leise die alte Zeit herauf; die Gegenwart versank, - und die Vergangenheit hob ihre Schleier: Um das geöffnete Grab stehen neben der leidtragenden Familie hohe und niedere Offiziere, Würdenträger des Staats und Vertreter des Adels; dahinter im geschlossenen Viereck Grenadiere in hohen Bärmützen und weißer Uniform mit geschultertem Gewehr. Dann kommen Dragoner in weißen Waffenröcken mit darüber gekreuztem Bandelier, das den wuchtigen Säbel hält. Mit hohem Helm, bis weit über die Knie reichenden Reiterstiefeln, hellen Lederhosen und mit langem, festgedrehtem Zopf, - so stehen die strammen Männer wie aus Erz gegossen um den Sarg ihres toten Obristen. Der Pfarrer, dessen langer Talar sich an der Halsöffnung zu einer hochgefältelten Krause erweitert, hebt an zu reden von dem Manne, der hier die letzte Ruhstatt haben soll, von der Reihe seiner Ahnen, von seiner kühnlichen Heldentat, die das Lorbeereis um seine Stirne legte und nun den Totenkranz. - Dann blitzt das Ehrenfeuer der Grenadiere. Die Kanonen, die außerhalb der Mauern auf dem Felde stehen, das den Kirchhof weithin umgibt, donnern ihren Scheidegruß. Die Dragoner präsentieren; die Trommeln wirbeln - und der reichgeschmückte Sarg sinkt langsam in die geheimsnisvolle Tiefe. Eine Hand voll Erde! Alle, nach Stand und Würden, streuen sie hinab zum letzten Gruß. - Meine Gedanken sind Zeit und Raum entrückt! Mein Träumen führt mich durch das Kirchhofstor. - - -
Von weitem ragen in scharfen Umrissen die Wälle und Schanzwerke der Neustadt hervor, sonst aber nur überall Wald und Flur in stiller Ruhe. Ich stehe vor dem Festungstore. Lautlos sinkt die gehobene Zugbrücke; ein dunkler Gang nimmt mich auf, dann bin ich in der Stadt. Achtlos gehen die Bürger an mir vorüber. Welch merkwürdige Gestalten! Auf ihren Köpfen große Dreimaster tragend, unter denen der dicke Zopf der Perücke bis zur Hälfte des langen Knierocks herunterhängt, wandeln sie steif und bedächtigen Schrittes ihren Weg dahin. - Die engen Gassen der Altstadt nehmen mich auf, - das Wilsdruffer Tor hindurch, - dann bin ich im Freien. Ich wandre weiter und weiter - an stillen Dörfern vorüber - da - mit einem Male ist alles verändert: eine schneebedeckte und eiserstarrte Winterlandschaft liegt vor mir, inmitten ein Dorf in unheimlicher Ruhe.

Es ist der Frühmorgen des 15. Dezember 1745, der Tag der Schlacht bei Kesselsdorf.

Auf den eis- und schneebedeckten Höhen, die sich von Kesselsdorf nordostwärts, dem Zschoner Grunde folgend, bis Briesnitz und Leutewitz erstrecken, heben sich lange schwarze Linien ab. Es sind 35.000 Sachsen und verbündete Österreicher unter dem Feldmarschall Rutowski. In ihrer fast unangreifbaren Stellung erwarten sie die Preußen, die, Regiment an Regiment, unter ihrem erprobten "alten Dessauer" anmarschieren, um in die Schlachtordnung einzurücken. Kesselsdorf ist der Hauptschlüssel der Sachsen. Zahlreiche Kanonen starren von hier aus drohend zum Preußenheere hinunter. Es ist 2 Uhr geworden! Der alte Dessauer hält vor der Mitte seiner Heerhaufen und schaut nach den Höhen, die in grauser Ruhe vor ihm liegen. Da hebt er seine Hände zum düstern Winterhimmel empor und betet laut: "Lieber Gott, steh´ mir bei, oder willst du diesmal nicht, so hilf wenigstens auch den Feinden nicht, sondern siehe zu, wie es kommt!" Dann zieht er seinen Degen. Die Trommeln rasseln, und unter den brausenden Klängen des "Dessauer Marsches" marschieren mit geschultertem Gewehr seine Krieger vorwärts.
Jetzt wird es auch auf den Höhen lebendig. Die Erde bebt, und mit höllischem Gebrüll speien die Kanonen und Musketen der Sachsen Tod und Verderben in die anstürmenden Reihen. Wie eine Flutwelle an Felsen stößt und zurückprallt, so zerschellen die Regimenter und weichen zurück; aber nicht alle, - Hunderte sinken tot oder verwundet in den tiefen Schnee. Doch schon ordnen sich die Zersprengten, und abermals stürmen Tausende, den Tod verachtend, vorwärts. Der Dessauer ist mitten drinnen; feindliche Kugeln zerreißen ihm die Uniform, - er achtet´s nicht, - nur vorwärts! Vorwärts! Schon klettern seine Tapferen die steilen Hänge empor, schon springen einige über die Dorfmauer, - da prasseln die Kartätschen in die dichten Haufen und werfen Hunderte mit einem Schusse zu Boden. Es ist unmöglich, die Höhe zu erzwingen - "Zurück! Zurück!" In wilder Flucht stürzen die vom Schrecken des Todes übermannten Scharen zu Tal. - "Sieg! Sieg!", schreien die Sachsen und eilen von den gedeckten Höhen den Fliehenden nach. Aber des Dessauers Feldherrnauge wacht! Noch stehen seine Reiterregimenter in voller Ordnung hinter dem Treffen; ein Wink von ihm; die Meldereiter rasen, kurze Befehle ertönen, - dann rasseln und schnauben und wüten die Geschwader in den siegesgewissen Feind. So plötzlich kommt dieser Sturmlauf, dass die durch die Verfolgung auseinandergekommenen Sieger ganz bestürzt innehalten, um sich nun selbst ihrer Haut zu wehren. Die Schlacht steht! Indessen sind die preußischen Grenadiere wieder geschlossen; mit flatternden Fahnen kehren sie zurück. - Da gibt es kein Halten mehr und keinen Widerstand. Die Sachsen müssen fliehen, und hinter ihnen stürmen die Preußen die Höhe. Im Nu tauchen die preußischen Blechmützen an der Mauer, in den Gassen des Dorfes und zwischen Häusern und Gärten auf: die Kanonen sind genommen! Hurra! Hurra! - Nicht doch! Was rasselt und stampft und braust auf der Ebene daher? Das sind die sächsischen Reiter! Hui, wie die Säbel klirren, - Nun wahre, Preuße, dein Leben! - Hin und her wogt das Getümmel - wer wird Sieger sein? Neue Scharen der Preußen eilen heran, die tapferen Reitzensteiner Dragoner aber wollen nicht zurück. Um ihren Obristen geschart, an dessen Seite ein Reiter die Standarte führt, halten sie unerschüttert stand. Da reißen Kartätschen ihre Züge auseinander; der Standartenträger sinkt vom Pferde, - jetzt ist alles verloren! Obrist von Reitzenstein ergreift noch das sinkende Feldzeichen, dann reißt er sein Ross zurück. Eine Kugel zerschmettert ihm den Arm, ein Säbelhieb zerschneidet ihm die Wange, doch die Fahne lässt er nicht. Blutüberströmt sprengt er davon, - muss er auch fliehen, - die Ehre seines Regiments ist gerettet! Von der inzwischen eingetretenen Dunkelheit begünstigt, durch Sieger und Besiegte hindurch lenkt er sein starkes und ausdauerndes Pferd in gestrecktem Lauf bis nach Dresden zurück; es gilt, die Festung zu warnen. "Alles ist verloren! Ruft die Besatzung auf die Wälle!", stammelt er noch der Torwache zu - dann sinkt er ohnmächtig zu Boden. *) - -

Es war dunkel geworden. Noch einmal schaute ich das alte Denkmal an. "Tapferer Held! Du hast deine Dragoner nicht wieder gesehen. Die Schatten des Todes bannten deine Sinne, als nach wenig Tagen der siegreiche Feind durch die Tore der überwundenen Festung ritt!"

*) In dieser blutigen Schlacht verloren die Preußen an Toten und Verwundeten 4.800 Mann, die Sachsen 3.800 Mann; ferner verloren die Sachsen gegen 7.000 Gefangene, 48 Geschütze, 6 Fahnen und eine Standarte.