Portrait von Gustav Neuring

Lynchmord in Dresden

am 12. April 1919


Der SPD-Politiker Gustav Neuring ((1879 - 1919) war von 1904 bis 1919 Leiter des sächsischen Fabrikarbeiterverbandes. Nach der November- revolution 1918 war er Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Dresden. Seit 1919 war er Mitglied des Sächsischen Landtages und Minister für Militärwesen in Sachsen. Nachdem Kriegsversehrte und Verwundete der Dresdner Lazarette erfuhren, dass ihre Pensionen gekürzt werden sollten, stürzten sie ihn am 12. April von der Augustusbrücke in die Elbe und erschossen ihn.
Am Tag darauf wurde für Sachsen der Belagerungszustand ausgerufen.




Foto aus "Dresdner Salonblatt" vom 19. April 1919

Wer die Wahrheit nicht weiß

Wer die beiden Zitate „Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern mit dem Essen und ärgern ihre Lehrer“ und „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen“ nicht kennt, glaubt wirklich an eine Beschreibung der Jugend in der Bundesrepublik in diesen Tagen. Doch beide Aussagen stammen von den griechischen Gelehrten Sokrates (470 – 399 v. u. Z.) bzw. Aristoteles (384 – 322 v. u. Z.), sie sind also über 2.000 Jahre alt.

Ähnliches findet man im politischen Bereich. Die Einstellung „Weltpolitisch war es noch nie so schlimm wie heute!“ ist genauso wirklichkeitsfremd wie die beiden eingangs zitierten Sprüche.
Ein Blick in die Geschichte soll dies verdeutlichen. Vor genau hundert Jahren, also am 12. April 1919, war es Samstag. Der Wetterbericht verhieß Trockenheit, bedeckten Himmel und 12 Grad Celsius. Politisch sollte es ein stürmischer Tag in noch stürmischerer Zeit werden.
Am Vormittag versammelten sich etwa 2.000 Kriegsinvaliden auf dem Theaterplatz und protestierten gegen die Kürzungen ihrer Invalidenrenten. Diese Kürzung der geringen Renten hätte für die Betroffenen eine dramatische Einschränkung ihrer ohnehin schon prekären Lebensbedingungen bedeutet. Entsprechend emotional ging es zu.
Um ihrer Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, liefen die aufgebrachten Menschen anschließend über die Friedrich-August-Brücke (heute: Augustus-Brücke) in Richtung Goldener Reiter und sammelten sich vor dem Blockhaus, das seinerzeit das Sächsische Kriegsministerium beherbergte. Inzwischen hatte sich die Menge durch zahlreiche Sympathisanten und Neugierige auf etwa 5.000 Menschen erhöht. Sie wollten den Sächsischen Minister für Kriegswesen Gustav Neuring sprechen und ihn zur Rücknahme der Rentenkürzung bewegen.
Wie der „Dresdner Anzeiger“ später schilderte, wandelte sich die anfangs noch friedlich demonstrierende Masse in den folgenden Stunden zu einem wütenden Lynchmob: „Trugen die traurigen Ereignisse … bis mittags 2 Uhr noch den Charakter einer etwas ausgearteten Massenkundgebung, die ihren Abschluß gefunden zu haben schien, so erreichten sie in den späteren Nachmittagsstunden mit schweren Feuergefechten und Lynchjustiz ihren Höhepunkt. Schon bei der Bekanntgabe des Verhandlungsergebnisses zeigte sich eine feindliche Stimmung gegen Minister Neuring, die noch gesteigert wurde, als vom Albertplatz der Anmarsch einer Abteilung Schützen mit Maschinengewehren gemeldet wurde. Die erregte Masse stürmte ihr entgegen und bald war sie, ohne Widerstand zu leisten, entwaffnet. Im Triumph wurden drei Maschinengewehre nebst dazugehörenden Munitionskästen nach dem Neustädter Markt und dort hinter einer Anschlagsäule und am Denkmal Augusts des Starken in Stellung gebracht. Andere suchten ihre Erregung durch Zerschlagen der erbeuteten Gewehre und Versenken der Stücke in die Schleusen zu befriedigen, während wieder andere Gewehre und Seitengewehre wahllos an die Masse verteilten. Nun wurde es ernst. Der von den Berliner Revolutionstagen her bekannte Ruf: Bahn frei ertönte und jagte die überall in kleinen und größeren Gruppen beieinander stehenden Menschen wie die Spuren im Winde auseinander. Dann hörte man das Tacken der Maschinengewehre, die Fensterreihe auf Fensterreihe der Vorderfront des Ministeriums bestrichen. Abbröckelnder Sandstein und klirrendes Springen der letzten, noch ganzen Fensterscheiben waren die Folgen. Da erscholl der Ruf: Sicherheitstruppen im Anmarsch! und am Albertplatz konnte man das Glitzern aufgepflanzter Seitengewehre wahrnehmen. Nun schlossen auch die wenigen der noch offengebliebenen Geschäfte.
Während am Neustädter Markt die Maschinengewehre in der Richtung nach dem Albertplatz in Stellung gebracht wurden, rückten die Regierungstruppen näher und näher. Es handelte sich um ungefähr ein Bataillon Grenzschutz, mit Stahlhelmen und Maschinengewehren ausgerüstet. Aber schon stockte ihre Vorwärtsbewegung, denn eine Abteilung Demonstranten war ihnen entgegengezogen und hatte Waffenübergabe gefordert und in wenigen Minuten sah man die ersten schweren Maschinengewehre mit Munitionskästen nach dem Neustädter Markt tragen. Also auch diese Truppen hatten versagt und lieferten den Demonstranten, die nach dem Grundsatz: Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt, vorgingen, ihre Waffen aus. Der Führer der Truppe, der sich widersetzte, wurde tätlich angegriffen. Ein kleiner Teil hatte sich unter Führung eines Oberleutnants durch die Ritterstraße nach der Kasernenstraße zurückgezogen. Dort kam es nach ergebnislosen Verhandlungen schließlich zum Feuerbefehl. Nach wenigen Schüssen war aber auch diese kleine Schar überwältigt. Inzwischen waren die erbeuteten Maschinengewehre in Stellung gebracht und gegen ½ 4 Uhr setzte ein neues förmliches Trommelfeuer auf das Ministerium ein. Gegen eine Viertelstunde wütete das Feuer fast ununterbrochen. Plötzlich eine Feuerpause: eine Abteilung stürmte.
Sie drang in das Gebäude, zerstörte die Telephonleitung, warfen Akten auf die Straße herab und durchsuchten sämtliche Räume nach dem Kriegsminister Neuring, der auch schließlich angetroffen wurde. Die Demonstranten entließen sämtliche noch in den Räumen anwesenden Beamten, nahmen aber dagegen den Kriegsminister in ihre Mitte und führten ihn vor die Stufen des Gebäudes. Hier versuchte Kriegsminister Neuring vergeblich, vor der erregten Menschenmenge das Wort zu ergreifen, wurde aber sofort niedergeschrien. Nach lebhaften Auseinandersetzungen, wobei der Kriegsminister mehrfach in der verschiedenartigsten Weise mißhandelt wurde, drängten ihn die Demonstranten die Friedrich-August-Brücke entlang. Dort wurde Minister Neuring schließlich um vier Uhr nachmittags vom dritten Neustädter Brückenpfeiler aus auf das starke Sandsteingeländer gehoben und in die hochgehenden Fluten hinabgestoßen.
… Minister Neuring (klammerte sich) krampfhaft an die starke Sandsteinbrüstung an, konnte sich aber nicht halten und stürzte vor den Augen vieler Tausender erregter Zuschauer in den Strom. Obgleich der Minister erheblich mißhandelt worden ist, vermochte er sich doch schwimmend im Strome zu halten. Sofort wurde aus zahlreichen Gewehren ein lebhaftes Feuer auf den mit dem Tode ringenden Kriegsminister eröffnet, bis er schließlich etwa vierhundert Meter unterhalb der Brücke, anscheinend doch von einer Gewehrkugel getroffen, in den Fluten versank. …“

Erst vier Wochen nach dieser Tat wurde der Leichnam 20 km elbabwärts gefunden.
Es dauerte einige Jahre, ehe dieser Lynchmord juristisch aufgearbeitet wurde. Von 70 Verhafteten wurden nur elf vor Gericht gestellt. Da fünf von diesen elf während der Ereignisse am 12. April 1919 als Polizeispitzel wirkten, blieben es letztlich nur sechs Angeklagte mit Haftstrafen zwischen eineinhalb und drei Jahren sowie fünf Jahren Ehrverlust. Übrigens lautete die Anklage nicht Mord, sondern Raufhandel, was einer gewöhnlichen Wirthausschlägerei entspricht.

Diese Dresdner Ereignisse betteten sich ein in dramatische Geschehnisse seit Ende des vorangegangenen Jahres. Der große Weltkrieg (den die Geschichtsschreibung zwei Jahrzehnte später den „Ersten Weltkrieg“ nennen wird) neigte sich dem Ende zu. Deutschlands Achsenmächte Türkei (30.10.1918) und Österreich-Ungarn (3.11.1918) hatten bereits Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet. Als die deutsche Marineleitung beschloss, in letzter Minute noch eine Entscheidungsschlacht gegen die Royal Navy zu suchen, löste dies den Kieler Matrosenaufstand aus, der sich zur Novemberrevolution ausbreitete. In ganz Deutschland entstanden Arbeiter- und Soldatenräte. In München wurde der "Volksstaat Bayern" gebildet (8.11.1918). In Berlin rief der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann die Republik aus, zwei Stunden später proklamierte Karl Liebknecht, der Führer des Spartakusbundes, die Räterepublik. Kaiser Wilhelm II. wurde abgesetzt und floh nach Holland. Friedrich Ebert (SPD) übernahm die Geschäfte des Reichskanzlers. Am 11.11. beendet das Waffenstillstandsabkommen von Compiègne zwischen Deutschland und Frankreich den Weltkrieg, der etwa neun Millionen Tote, Hunger, Zerstörung und unendlich viel Leid gefordert hatte.
Der Krieg war zwar beendet, die Gewalt in Deutschland hielt aber an. Am 15. Januar ermordeten Freikorpssoldaten in Berlin die beiden Führer der gerade erst gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Am 21. Februar wurde in München der Ministerpräsident des Freistaates Bayern Kurt Eisner auf offener Straße durch zwei Schüsse in den Hinterkopf ermordet. Der Attentäter, ein 22-jähriger adliger Leutnant, gab als Tatmotiv an: „Eisner ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen, ist ein Landesverräter.“
Noch am gleichen Tag stürzte ein wegen der Ermordung von Kurt Eisner erregter Arbeiter in den Bayrischen Landtag und schoss auf den Innenminister Erhard Auer, der nur dank einer sofortigen Notoperation knapp überlebte.
Am 9. März verbreiteten mehrere Tageszeitungen, u. a. auch die seriösen bürgerlichen „Vossische Zeitung“ und „Berliner Tagesblatt“, das Gerücht „Die Spartakisten führen zurzeit ihre Absicht, sich in Lichtenberg zu verschärftem Widerstand zu rüsten, aus. Das Polizeipräsidium wurde von ihnen gestürmt und sämtliche Bewohner, mit Ausnahme des Sohnes des Polizeipräsidenten, auf viehische Weise niedergemacht.“ („Deutsche Tageszeitung“ vom 10. März 1919)
Obwohl vier Tage später dieses Gerücht entlarvt wurde, sich die „Vossische Zeitung“ in ihrer Abendausgabe für ihre Falschnachricht entschuldigte, nutzte der SPD-Politiker Gustav Noske, der inzwischen als Reichswehrminister agierte, diese Greulmeldung für die Weisung „Jede Person, die mit Waffe in der Hand, gegen die Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“
Am 11. März 1919 meldete die „Vossische Zeitung“: „Einer der gefährlichsten Führer der Spartakisten, Jogiches, ist gestern im Gebäude des Kriminalgerichts in Moabit erschossen worden. … Im Gebäude des Kriminalgerichts griff Jogiches den Soldaten an und wurde von ihm auf der Stelle niedergeschossen.“ Der Autor Volker Ulrich resümierte Jahrzehnte später in „Die Revolution von 1918/19“ (Seite 91): „Bei seiner Einlieferung ins Untersuchungsgefängnis Moabit wurde er (Leo Jogiches, Anm. Bo.) von dem Kriminalwachtmeister Ernst Tamschick durch Schuss in den Hinterkopf getötet. Zwei Monate später erschoss derselbe Polizeibeamte den ehemaligen Kommandeur der Volksmarinedivision, Heinrich Dorrenbach, auf dieselbe Weise. Auch er wurde nicht bestraft, sondern sogar befördert.“
Insgesamt verloren etwa 1.200 Menschen in den Berliner Märzkämpfen ihr Leben, darunter mit 75 vergleichsweise wenige Regierungssoldaten.
Der heute fast unbekannte Professor für Statistik Emil Julius Gumbel sorgte 1920 für großes Interesse mit seinem Buch „Zwei Jahre Mord“, 1922 folgte die Fortsetzung „Vier Jahre politischer Mord“, in dem er über den Terror der Freikorps und der Reichstruppen sowie die rechtslastige Justiz gegen die revolutionären Linken berichtete. Seine statistischen Erhebungen gipfelten in der Feststellung, dass den 22 von Linken an Rechten verübten Morden 354 von Rechten an Linken verübte Morde gegenüberstanden, aber in diesen Fällen zehn Todesurteile gegen Linke und kein Todesurteil gegen Rechte ausgesprochen wurde.

Verglichen mit den Ereignissen vor hundert Jahren geht es heutzutage in Deutschland sehr, sehr friedlich zu. Wer anderes behauptet, macht sich verdächtig, mit Horrormeldungen für Unruhe, Panik und Destabilisierung der Gesellschaft sorgen zu wollen. Bertolt Brecht schrieb in „Das Leben des Galilei“ (9. Bild, Seite 71): „Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß, und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“

Artikel aus der ´Sächsischen Zeitung´ vom 13. April 2019
aus: "Sächsische Zeitung" vom 13. April 2019

Artikel aus ´Vossische Zeitung´ vom 13.4.1919

Sturm auf das Kriegsministerium

Dresden, 12. April

Heute vormittag gegen 10 Uhr hielten auf dem hiesi-
gen Theaterplatz etwa 500 - 600 Kriegsbeschädigte, La-
zarett-Insassen und Lazarett-Gehilfen, eine Versamm-
lung ab. Sie forderten die sofortige Wiedererhöhung
ihrer kürzlich herabgesetzten Löhne und zogen dann
gegen Mittag vor das Gebäude des Kriegsministe-
riums. Eine Abordnung verlangte den Kriegsminister
Neuring zu sprechen. Dieser wollte die Abordnung
nicht empfangen und drohte an, dass er sie wegen
Hausfriedensbruches verhaften lassen werde. Die
Demonstranten nahmen nun eine drohende Haltung
an und stürmten gegen das Tor des Gebäudes. Die
im Hause untergebrachten Regierungstruppen machten
darauf von der Waffe Gebrauch. Es heißt, dass zuerst
von einem Regierungssoldaten, einem jungen Or-
donnanz, mehrere Handgranaten geworfen wurden,
die allerdings bloße Übungsgranaten waren und nie-
mand verletzten. Darauf verhaftete die das Gebäude
umringende Menge, die inzwischen Zuzug bekommen
hatte, die Wache. Man zerschlug ihre Gewehre und
warf die Munition in die Elbe. In der Menge wurde
behauptet, dass der Kriegsminister den Befehl zum
Werfen der Handgranaten gegeben habe. Herbeige-
rufene Regierungstruppen erklärten, nicht eingreifen
zu wollen, gaben die Waffen ab und marschierten wie-
der ab. Die aufgeregte Menge hielt den Platz vor dem
Kriegsministerium besetzt. An verschiedenen Stellen
waren Maschinengewehre aufgestellt und nahmen das
Ministerium unter Feuer. Um 4 Uhr drangen die De-
monstranten in das Gebäude ein, ergriffen den Kriegs-
minister, der sich in das obere Stockwerk geflüchtet
hatte, schleppten ihn auf die Straße, misshandelten ihn
schwer und stürzten ihn von der Brücke in die Elbe
hinab. Anscheinend war der Kriegsminister ein guter
Schwimmer, denn er vermochte sich längere Zeit über
Wasser zu halten. Die Demonstranten eröffneten aber
aus zahlreichen Gewehren das Feuer, bis
schließlich der mit dem Tode in den Fluten kämpfende
Kriegsminister vor den Augen vieler Tausender er-
regter Zuschauer in den Fluten verschwand.

aus: Die bürgerlich-liberale "Vossische Zeitung" berichtete am 13.4.1919

Die Stelle auf der Augustusbrücke, an der Gustav Neuring in die Elbe gestürzt wurde.
aus: "Dresdner Salonblatt" vom 26. April 1919

Zeichnung von Bruno Liebscher
Zeichnung von Bruno Liebscher, Quelle: Fotothek der SLUB Dresden, Aufnahme-Nr.: df_hauptkatalog_0033462, Datensatz-Nr.: obj 32024407

aus: ´Dresdner Neueste Nachrichten´ vom 9. September 2017
aus: "Dresdner Neueste Nachrichten" vom 9. September 2017 (gekürzt)

Grabstein auf dem Tolkewitzer Friedhof
Inschrift auf dem Grabstein auf dem Tolkewitzer Friedhof




Grabstein auf dem Städtischen Friedhof und Urnenhain Tolkewitz


Gustav Neuring

14. September 1879
12. April 1919